Hingehört: I Like Trains – „The Shallows“


Mensch, Maschine und alles dazwischen - das ist die Thematik von "The Shallows".

Mensch, Maschine und alles dazwischen – das ist die Thematik von „The Shallows“.

Künstler I Like Trains
Album The Shallows
Label ILT/Cargo
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***1/2

Liebeslieder? Damit geben sich I Like Trains nicht ab. Das 2004 gegründete Quartett aus Leeds hat schon Songs geschrieben über Hjalmar Johansson (einen Mann, der beinahe an einer norwegischen Antarktis-Expedition teilgenommen hätte), Bobby Fischer (einen Ex-Schach-Großmeister) und Richard Beeching (einen ehemaligen Chef von British Railway). Auf dem dritten Album The Shallows geht es nun ums große Ganze, beinahe: Technologie, wie sie sich entwickelt, und was sie dabei mit uns macht.

Das ist nicht nur wohltuend anders, sondern auch ein höchst erfreuliches Lebenszeichen für intelligente, reflektierte Rockmusik. Der Klangkosmos, in dem die sich entfaltet, ist dabei schnell erklärt, wenn man weiß, dass I Like Trains schon im Vorprogramm der Sisters Of Mercy oder der Editors gespielt haben, und dass ihre Songs gerne auch mal im Kino (The Wrestler) oder Fernsehen (CSI: Miami) eingesetzt werden: The Shallows ist episch, düster, geheimnisvoll.

Der Opener Beacons ist ein schönes Beispiel: Die sonore Stimme von Sänger David Martin ist gedämpft, fast resigniert, gibt aber trotzdem den Ton an. Der Refrain deutet dann eine ganz große Leidenschaft an, die es aber nie so ganz an die Oberfläche schafft – so würden vielleicht die White Lies klingen, wenn sie nach 72 Stadiontourneen wirklich völlig entkräftet wären.

Die Gitarre in Mnemosyne (die Tochter von Gaia und Uranos und Göttin der Erinnerung, liebe Mythologie-Fans) steigt auf und züngelt wie die Flammen eines verbrennenden Tagebuchs. Reykjavik versucht sechs Minuten lang, aus irgendetwas auszubrechen. We Used To Talk beginnt mit einem beinahe prototypischen 4-to-the-floor-Dancebeat, Sirenengesang und etwas, das womöglich ein Didgeridoo ist. Das Clavinet verleiht ganz am Schluss In Tongues eine ganz besondere Majestät im Stile von Get Well Soon. The Hive beginnt gelassen und wirkt am Ende doch wie ein Vulkan, aus dem keine Lava strömt, dem aber allein die untrügliche Macht der Statistik trotzdem eine apokalyptische Zerstörungskraft verleiht.

Dieses Rezept gibt es immer wieder auf The Shallows: Brodeln und Bedrohung sind omnipräsent und doch niemals zu fassen. Das liegt an der Gitarre von Guy Bannister, der sehr viele Ghostnotes spielt, am Schlagzeug von Simon Fogal, der offensichtlich die „Joy Division School Of Drumming“ mit Auszeichnung absolviert hat („Du sollst spielen wie eine schlechtgelaunte Maschine!“), und am Bass von Alistair Bowis, der genau weiß, dass „Dummdummdummdumm“ auch dann noch ein tolles Geräusch ist, wenn man es über vier ganze Takte verteilt.

Es liegt aber vor allem am Gesang. Im Titelsong klingt David Martin beinahe wie Peter Garrett von Midnight Oil, irgendwo zwischen weisem Märchenonkel und finsterem Orakel. Fast geflüstert ist seine Stimme in The Turning Of The Bones, sodass der Song zu einer seltsam erotischen Ballade wird, ohne dass man es richtig merkt. Im Gegensatz beispielsweise zu den Editors oder Interpol ist auch David Martin zwar ganz offensichtlich ein Geist, der an der Welt zweifelt. Aber er singt nicht leidend, sondern wissend – und genau das macht die Musik von I Like Trains nicht nur erträglich, sondern bedeutend.

Im Video von Mnemosyne macht die Technologie wohl in erster Linie einsam:

I Like Trains bei MySpace.

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