Hingehört: Jet – „Shine On“ 1


„Shine On“ ist eine gute Platte. Nicht wegen, sondern trotz des Produzenten.

Künstler Jet
Album Shine On
Label Atlantic
Erscheinungsjahr 2006
Bewertung ***1/2

Der Mann scheint echt einen schlechten Einfluss zu haben. Bei Oasis sprach man Noel Gallagher noch den Midas Touch zu. Doch wenn es darum geht, junge Bands mit seinem Segen zu versehen, dann wirkt sich sein Votum scheinbar als verderblicher Hauch aus.

Ocean Colour Scene? In denen hat nie jemand außer Noel etwas mehr als aufrechte Mucker erkannt. Die Seahorses? Kamen nicht mal dahin, dass sie überhaupt jemand gekannt hat. Black Rebel Motorcycle Club? Wurden von einem aufblasbaren Riesenpenis zerstört.

Und nun hat Noel auch noch Jet ruiniert. Nicht nur, dass sich die Bands gegenseitig bewundern. Sie waren auch lange gemeinsam auf Tour, spielten und feierten zusammen. Das Ergebnis: Jet klingen jetzt wie Oasis. Genau so. Und zwar, leider, wie die späten Oasis. Man kann sich das gut vorstellen, wie die Brüder Gallagher und die Brüder Cester sich gegenseitig beweihräuchern, in Bars prahlen und backstage über ihre liebsten 1970er-Jahre-Helden fachsimpeln (Cover und Booklet dieses Albums sehen aus, als seien sie vor 35 Jahren entstanden).

Jet, die einst aufregend und wild waren, die sofort zur Sache kamen, klingen auf Shine On behäbig und gezähmt.

Doch man macht es sich zu leicht, wenn man nur Oasis die Schuld daran gibt. Man darf nicht vergessen, dass Nick und Chris Cester seit dem fulminanten Debüt Get Born ihren Vater verloren haben – ein Schock, der naturgemäß dazu führen dürfte, den Fuß ein bisschen vom Gas zu nehmen. Zudem sind Jet als Musiker auf Shine On hörbar gereift, und das verführt natürlich dazu, weniger aufs Brachiale, mehr aufs Subtile zu setzen. Und schließlich wurde dieses Album (leider) von Dave Sardy produziert, dem Mann hinter den Reglern, der schon Don’t Believe The Truth jeden Punch und Glamour nahm.

Und so ist Shine On zunächst eine Enttäuschung. Holiday möchte gefährlich sein, hat aber keine Wucht. Put Your Money Where Your Mouth Is (jawohl: es gibt auch einen Oasis-Song, der so heißt) möchte sexy sein, klingt aber wie von Eunuchen gespielt. Bereits beim dritten Song ist man dann fast schon verzweifelt, angesichts des Tempos, das man eigentlich von Jet gewohnt war: Wo sind die Hymnen? Wo sind die Kracher? Die Songs, die einen sofort umhauen und mitreißen? Es gibt sie hier nicht.

Aber Bring It On Back (jawohl: es gibt auch einen Oasis-Song, der so ähnlich heißt) leitet zumindest die Wende zum Besseren ein. Die Gitarren verbreiten einen niedlichen Jangle, und der Refrain ist ganz bezaubernd. Ausgerechnet das askustische Kings Horses hat dann erstmals die Dringlichkeit, die einst das Markenzeichen dieser Band war. Und der Titelsong, wohl dem verschiedenen Papa gewidmet, ist natürlich rührend und auch sonst fein gemacht.

Und das, was man bei einem Album früher die B-Seite nannte (fragt Noel!), ist dann sogar richtig gut. Stand Up (jawohl: nach allen bekannten Naturgesetzen muss es demnächst auch einen Oasis-Song geben, der so heißt) ist der erste überzeugende Rocker auf Shine On, famos in seiner Lässigkeit und Dramaturgie und Selbstbekräftigung. Auch das schmissige Rip It Up hätte gut auf Get Born gepasst.

Das herrlich zurückgenommene Shiny Magazine vereint die Beach Boys mit Tom Petty, und klingt in echt noch viel besser, als diese vielversprechende Paarung ohnehin erwarten lässt. Das akustische Eleanor ist dank seiner superben Harmonies ein verdammter Hit. Und das Gospel-inspirierte All You Have To Do befolgt schließlich alle Gebote, die im großen Rock-Lehrbuch unter dem Stichwort „Rausschmeißer“ stehen: Du sollst alle mitsingen lassen, du sollst alle zum Schunkeln bringen, und du sollst das längste Lied auf der Platte sein.

Dass es vor allem die leiseren Momente sind, die hier überzeugen, ist dann doch eine Überraschung. Aus dem Jet ist ein Propellerflugzeug geworden.

Die Videos sehen plötzlich aus aus wie vor 35 Jahren: Der Clip zu Rip It Up:

Jet bei MySpace.


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