Hingehört: Leonard Cohen – Songs Of Leonard Cohen 1


Leonard Cohens Stimme ist nicht gebrochen, sondern zertrümmert.

Künstler Leonard Cohen
Album Songs Of Leonard Cohen
Label Columbia
Erscheinungsjahr 1968
Bewertung *****

Selten hat es einen solchen Widerspruch zwischen Inhalt und Form gegeben. Süße ooh-oohs im Hintergrund, eine zart gezupfte Konzertgitarre, dezente Streicher und eine glasklare Frauenstimme bilden den musikalischen Rahmen für Suzanne, lassen an Kaminfeuer, Teetrinken und Zeitunglesen denken und klingen in den Ohren von Greil Marcus wie die „zarte Ballade einer Frauennymphe, so erotisch wie ein 500 Dollar teures Buch mit pornographischen Radierungen.“ Daneben assoziieren die Geschichten von Leonard Cohen auch Großstadtchaos, Heroin und Irrenhaus. Wenigstens trägt er seine Texte mit einer Stimme vor, die nicht gebrochen ist, sondern zertrümmert.

Hier gibt es jede Menge Trauer, Verzweiflung und Orientierungslosigkeit. Schuld daran sind die üblichen Verdächtigen: die Nachbarn, die Frauen und Gott. Die Texte haben eine Klasse, wie sie sonst höchstens noch Bob Dylan erreicht. Die Musik ist auf Cohens Debüt lediglich ein unscheinbares Vehikel für die Worte. Dennoch verkauft der Kanadier Platten, und keine Gedichtbände. Das liegt natürlich daran, dass man junge Menschen leichter mit Musik erreicht als mit Literatur, heute noch mehr als 1968. Nur so wird verständlich, dass diese Kunst auch noch erfolgreich war.

Cohen dachte, er würde mit seinen Songs Erwachsene ansprechen, 30 und älter. Doch seine größten Fans wurden die Kids. Die verstehen zwar nicht jede Metapher, aber sie spüren die Atmosphäre, die Attitüde, den Geist zwischen den Zeilen. Und erkennen in Cohen einen Gleichgesinnten, einen Suchenden, einen Heimatlosen. „I used to think that I was some kind of gipsy boy / before I let you take me home“, schaut Cohen in So Long, Marianne in sich hinein. „I forget to pray for the angels / and then the angels forget to pray for us.“

Leonard Cohen erweist sich als Meister der großen Themen und der kleinen Szenen, ist ebenso intelligent wie sexy. „I showed my heart to the doctor / he said „I just have to quit“ / then he wrote himself a prescription / and your name was written in it.“

Beautiful loser.

Das war damals der Hit: Suzanne, gemeinsam mit Judy Collins:

Leonard Cohen bei MySpace.


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