Hingehört: Lianne Le Havas – „Is Your Love Big Enough?“


Reif, vielseitig und mit gebrochenem Herzen: So klingt Lianne Le Havas auf ihrem Debüt.

Reif, vielseitig und mit gebrochenem Herzen: So klingt Lianne Le Havas auf ihrem Debüt.

Künstler Lianne Le Havas
Album Is Your Love Big Enough?
Label Warner
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ****

Mit ganz vielen Stimmen singt Lianne Le Havas in Don’t Wake Me Up, dem ersten Lied ihres Debütalbums Is Your Love Big Enough. Alle sind gleichzeitig zu hören, fast eine Minute lang ohne Begleitung, als sei die 22-Jährige eine Hydra mit ganz vielen Köpfen und noch mehr Zungen, die mit sich selbst im Chor singt. Erst nach einer knappen Minute gibt es ein paar Klaviertöne dazu, und auch während sich dann der Song entfaltet, bleibt der Gesang von Lianne Le Havas zugleich verletzt und verführerisch.

Es ist genau diese Stimme und deren Vielseitigkeit, die Lianne Le Havas reichlich Vorschusslorbeeren eingebracht hat. Die EPs Lost In Sound und Forget wurden hoch gelobt, der Auftritt bei Later… With Jools Holland war dann der endgültige Durchbruch. Seitdem wurde Lianne Le Havas, die griechische und jamaikanische Wurzeln hat, vom Independent On Sunday als “one of the sounds of 2012” auserkoren, von Musikexpress und Zeit Online gepriesen, von der BBC auf die prestigeträchtige „Sound of 2012“-Liste gesetzt, von der Sunday Times gar als „pop’s next superstar“ angekündigt.

Is Your Love Big Enough? ist eine Platte, die diesen Erwartungen gerecht wird. Gebrochene Herzen und die Narben, die sie tragen, sind die bevorzugten Themen, und das trägt zur dezent schwermütigen Atmosphäre des Albums bei, die an Lana Del Rey denken lässt. Doch im Vergleich zur Amerikanerin sind die Lieder von Lianne Le Havas viel intimer, und ihre Stimme hat deutlich mehr Facetten zu bieten. Dass sie schon mit den Größten im Genre Soulpop (und jenseits davon) verglichen wurde, verwundert nicht: Nina Simone, Erykah Badu, Lauryn Hill, Amy Winehouse, Feist, Alicia Keys, Tracey Horn, Billie Holiday.

Dabei kam die 22-Jährige recht spät zur Musik. Als Kind sang sie zwar gerne – aber immer nur, wenn sie sicher sein konnte, ganz allein zu sein. Erst als 18-Jährige bekam sie von ihrem Vater ihre erste Gitarre geschenkt. Es war ein Erweckungserlebnis, erzählt Lianne Le Havas: „Seit ich ein Teenager war, hatte ich das Gefühl, mich nicht wirklich selbst zu kennen. Ich fand mich durch das Songwriting, dadurch, dass ich mir Raum nahm, dass ich allein war. Das Songwriting gab mir meine Verbindung zu mir selbst.“ Im Titelsong des Albums, mit einem vertrackten Beat und einer guten Dosis Ausgelassenheit, singt sie denn auch: „I found myself / in a second hand guitar.“

Die Reife und Stilsicherheit, mit der sie nun schon auf ihrem Debüt zu Werke geht, ist beeindruckend. In den Schatten gestellt wird aber auch das Songwriting immer wieder von ihrem Gesang. Die gebürtige Londonerin klingt erfahren wie im Quasi-Jazz von Au Cinéma, in dem sie von der Erkenntnis berichtet, dass Leben und Kino eben nicht dasselbe sind, unglaublich intensiv wie in Everything Everything, verträumt wie im Scott-Matthews-Cover Elusive oder kokett wie in Age, einem Lied, in dem sie sich ein wenig über das fortgeschrittene Alter ihres Boyfriends lustig macht. „Wir haben es aufgenommen, während mein Freund mit im Raum saß. Jedes Mal, wenn ich ihn ansah, musste ich ein bisschen kichern“, erinnert sie sich.

Versöhnlich kommt ihr Gesang in No Room For Doubt daher, einem Duett mit Willy Mason. Und doch scheint ihre Stimme erfüllt zu sein vom Wissen, dass Unsicherheit, Krach und Krise in der hier besungenen Liebesbeziehung niemals verschwinden werden. Am Schluss singen Le Havas und Mason ein bisschen aneinander vorbei, und das klingt entsprechend wunderbar.

Forget, an dem Dave Sitek mitgeschrieben hat, ist eine bitterböse und höchst selbstbewusste Abrechnung mit einem Exfreund. Das Ausrufezeichen, das zumindest im Booklet hinter das „Forget“ gesetzt ist, kann man hier förmlich hören. Das Lied beginnt mit einem Riff, das klingt, als habe jemand eine Wah-Wah-Gitarre mit einem Didgeridoo kurzgeschlossen, und dann breitet sich eine höchst komplexe Klanglandschaft aus, irgendwo zwischen Nelly Furtado und Meshell Ndegeocello.

Thematisch ähnlich gelagert ist Gone. „Love is not blind / it’s just deaf and it’s dumb“, behauptet Lianne Le Havas darin selbstbewusst, nur vom Klavier begleitet. Ganz glaubwürdig ist das dann aber doch nicht, denn in der Zeile „I’m gone“, mit der sie hier den Laufpass gibt, scheint doch mehr als ein Rest Wehmut, Betroffenheit und Trauer zu stecken. Das ist das Grundprinzip auf Is Your Love Big Enough: Wenn Lianne Le Havas einmal Schluss macht, dann klingt das nicht, als verdamme sie ihren Liebsten, sondern als verlasse sie die Liebe an sich. Hört man diese Lieder, dann dürfte man sich danach eigentlich nie wieder verlieben, so eindringlich, rührend und schockierend emotional sind sie.

In Lost & Found klingt sie zerstört, als würde sie blutend am Boden liegen und um das Ende des Schmerzes flehen. „You broke me / and taught me / to truly hate myself“, lauten die schonungslosen Zeilen dazu. Erst ganz am Schluss gibt es im energischen They Could Be Wrong so etwas wie Hoffnung: „They say our love won’t last forever / they could be wrong“, heißt es da.

Es ist dieser Zwiespalt, der Is Your Love Big Enough? so reizvoll macht, und Tease Me fasst ihn am besten zusammen. Nur zur Gitarre singt Lianne Le Havas, sie weiß um den Kummer, den ein gebrochenes Herz bringen kann. Sie weiß aber auch, dass man sich trotzdem auch im verbittersten und einsamsten Moment seines Lebens noch Hals über Kopf verlieben kann, dass man sogar immer wieder auf die albernsten Kleinigkeiten hereinfällt. Oder auf den Zauber einer göttlichen Stimme.

Lianne Le Havas singt Age, live bei Later…With Jools Holland:

Homepage von Lianne Le Havas.

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