Mumford & Sons – „Babel“ 2


Künstler Mumford & Sons

Innigkeit + Wucht + Ergebenheit = "Babel".

Innigkeit + Wucht + Ergebenheit = „Babel“.

Album Babel
Label Island
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung

Eigentlich ist das alles kein Wunder. Die Kids heutzutage laufen ja schon als Achtjährige durch die Straßen, als wären sie mindestens so cool wie Samuel L. Jackson (und hätten Haare am Sack). Mit 13 werden sie schwanger und mit 21 haben sie einen Hochschulabschluss. Da ist es wahrscheinlich nur konsequent, dass sie als 25-Jährige schon klingen wie alte Männer.

Mumford & Sons haben aus diesem Rezept eine Erfolgsformel gemacht. Ihr Sound, irgendwo zwischen Folk, Rock und Country, klingt wie die Musik, die vor ein paar Jahren noch liebend gerne vom Blue-Rose-Label exklusiv an alte Säcke verkauft wurde. Sie klingt wie Bob Dylan beim Hootenanny. Wie Eddie Vedder in der Einwanderungsbehörde von Texas. Wie Mark Knopfler auf seinem letzten Album. Wie, mein Gott, die Pogues und die Hooters.

Dieser Sound wird Marcus Mumford, Ben Lovett, Winston Marshall und Ted Dwane förmlich aus den Händen gerissen: Ihr Debüt Sigh No More (2009) hat sich sagenhafte acht Millionen Mal verkauft. Dazu kommen Grammy-Nominierungen und die erstaunliche Tatsache, dass junge Männer, infiziert vom Mumford-Virus, sich wieder reihenweise einen Bart wachsen lassen und der weltweite Absatz von Banjos sich seit 2009 schätzungsweise vervierfacht hat.

Babel, das gerade erschienene zweite Album von Mumford & Sons, knüpft nahtlos an diese Erfolge an: In England ist die Platte auf Platz 1 und in Deutschland auf Platz 2 der Charts eingestiegen. In den USA hat Babel in der ersten Woche seit der Veröffentlichung schon mehr als 600.000 Einheiten verkauft. Das ist der bisherige Bestwert für dieses Jahr. In Worten: mehr Absatz als Justin Fucking Bieber.

Das Erfolgsgeheimnis ist dabei gar nicht so schwer zu erklären. Das Quartett um Frontmann Marcus Mumford bietet genau das, was in diesen Krisenzeiten heiß begehrt ist: Authentizität, Leidenschaft, Identifikation. Dass die Endlichkeit der Dinge („I know that time has numbered my days“ lautet eine der ersten Zeilen dieses Albums) nicht nur das Taschengeld und die Sommerferien meint, das müssen in der Post-Lehman-Brothers-Ära wohl selbst Teenager begreifen, und bei Mumford & Sons können sie sich aufgehoben fühlen mit ihrer Wut, ihrem Trotz und ihrer Angst. Die Musik findet dafür eine entsprechende Größe, trotzdem wirken Mumford & Sons dabei wie die bodenständigen Jungs von nebenan. Sie sind die Arcade Fire, die man sich nicht mehr bloß im Tempel, sondern auch noch am Lagerfeuer vorstellen kann.

Der Titelsong am Beginn hat sofort all die Power und Unbedingtheit, die Whiskystimme und den heiligen, alttestamentarischen Zorn, der auch Sigh No More zu einem solchen Erlebnis gemacht hat. Die Single I Will Wait brennt förmlich vor Innigkeit, setzt auf tollen Harmoniegesang und ein klasse Arrangement. Das ist, auch wenn der Albumtitel etwas anderes suggeriert, eine Sprache, die jeder versteht. Man kann bei diesem unwiderstehlichen Sound gar nicht anders als mitfühlen. Echte Gefühle, echte Musik – so einfach ist das manchmal.

Wäre emotionale Aufrichtigkeit die Kategorie, an der Bands grundsätzlich gemessen werden, dann müssten alle anderen sofort ihre Instrumente an den Nagel hängen im Angesicht von Zeilen wie „Better not to breathe / than to breathe a lie“ (aus dem bedrohlichen Broken Crown) oder so viel Ernst und Beschleunigung wie in Hopeless Wanderer. Marcus Mumford drischt darin derart in die Saiten, dass man nicht ganz sicher sein kann, ob man um ihn oder seine Gitarre mehr Angst haben soll. Der beinahe erstaunlich unhymnische Rausschmeißer Not With Haste hätte mit seiner Intimität problemlos auch auf Bruce Springsteens Nebraska gepasst – mit ihm standen Mumford & Sons übrigens, ebenso wie mit Bob Dylan, bereits auf der Bühne.

Denn mit den Helden von einst teilen Mumford & Sons nicht zuletzt auch die klassische Liebe zur Liveshow. Viele der Lieder von Babel wurden bereits eifrig bei Konzerten getestet und weiterentwickelt. Das verleiht dem Album nicht nur Schwung, sondern Urgewalt. „As a band, we’ve never been closer or more collaborative, all working to our strengths“, haben Mumford & Sons zur Veröffentlichung von Babel mitgeteilt, und in der Tat klingen sie hier in manchen Passagen, als seien sie zu zwölft.

Freilich würde dieser Sound nicht funktionieren, wenn die 2007 gegründete Band tatsächlich klingen würde wie Veteranen. Das forsche Whispers In The Dark beispielsweise hat eine Frische, wie sie auch das Debütalbum der Kings Of Leon ausgezeichnet hat (die damals noch Teenager waren). Below My Feet geht in seinem fulminanten Schluss mindestens ebenso in die Beine wie zu Beginn ans Herz.

Holland Road endet nach einem reduzierten Beginn ebenfalls in einem meisterhaften Bläser-Finale. In Lover Of The Light ist das Klavier tonangebend und Marcus Mumford klingt wie Adam Duritz (noch einer, der fast doppelt so alt ist wie er), wenn der plötzlich die Kampfeslust in sich entdeckt hätte. Ghosts That We Knew ist quasi Gospel, auch Lover’s Eyes steckt voller Sehnsucht nach Sinn, Bedeutung, Anleitung.

Das ist ein unverkennbares Leitmotiv des Albums – und versucht man, den Erfolg vom Mumford & Sons zu erklären, ist es wohl ein mindestens ebenso wichtiger Faktor wie ihre sagenhafte Live-Präsenz. Auf Babel wird immer wieder ein imaginäres Gegenüber angesprochen, gerne auch angeklagt. Ob das eine Angebetete ist, von der man verschmäht wurde, die Eltern, der Staat, die Welt oder gar Gott, ist dabei nicht immer klar. Trotzdem schafft diese Strategie ein Wir-Gefühl und, noch wichtiger, ein Wir-gegen-die-anderen-Gefühl. In dieser Musik kann man sich, vor allem als junger Mensch, aufgehoben fühlen, sie ist einig und einend.

Bedenklich ist allerdings, woher sich Mumford & Sons die Antwort auf ihre Sinnfrage erhoffen: von irgendwo, von irgendwem. Ganz oft sagen diese Lieder „Nimm mein Leben und mach irgendetwas Gutes damit!“ Die Idee, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, ist in ihrer Welt undenkbar. Quasi in jedem Lied finden sich Belege für diese Mentalität.

“Learn your lesson, lead me home”, fleht Marcus Mumford in Whispers In The Dark. ”So give me hope in the darkness / that I will see the light”, heißt es in Ghosts That We Knew. Gerne gibt er auch den reuigen Sünder, der Strafe verdient hat und Vergebung nicht mehr erhoffen darf, wie in I Will Wait: „So tame my flesh / and fix my eyes / a tethered mind freed from the lies / (…) Raise my hands, paint my spirit gold / Bow my head / keep my heart slow.” Und so geht es immer weiter: ”Stretch out my life and pick the seams out / take what you like but close my ears and eyes.” (Lover Of The Light). ”I have no strength from which to speak / Where you sit me down and see I’m weak.” (Not With Haste) “So I watched the world tear us apart / A stoic mind and a bleeding heart.” (Reminder) “I do not ask the price I paid / I must live with my quiet rage.” (Lover’s Eyes) Und schließlich sogar, in Hopeless Wanderer: “Hold me fast, hold me fast / Cos I’m a hopeless wanderer.”

Das Gefühl von Ohnmacht, das gut in die Zeit passt, wächst sich hier manchmal zu einer fast masochistischen Passivität aus, was auf Dauer einigermaßen schockierend erscheint. Und noch eine Schwäche offenbart Babel: Ein bisschen zu oft setzen Mumford & Sons auf das Rezept, beschaulich zu beginnen und sich dann zu einem Wirbelsturm zu entwickeln, der alles und jeden mitreißt. Das ist immer wieder eindrucksvoll, ein bisschen mehr Abwechslung hätte hier dennoch gut getan. Wenn das zauberhafte Reminder zwischendrin tatsächlich einmal von dieser Formel abweicht und durchweg ganz sanft bleibt, dann ist das ungemein wohltuend. Aber Mumford & Sons können ja noch dazu lernen. Schließlich sind sie noch längst nicht so alt wie die Männer, nach denen sie klingen.

Mumford & Sons spielen I Will Wait live für Q:

Homepage von Mumford & Sons.


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