Noel Gallagher’s High Flying Birds – „International Magic Live At The O2“ 1


Künstler Noel Gallagher’s High Flying Birds

"International Magic" beweist: Besser hätte es für Noel nach Oasis nicht laufen können.

„International Magic“ beweist: Besser hätte es für Noel nach Oasis nicht laufen können.

DVD International Magic Live At The O2
Label Universal
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung

„Noel, Noel, Noel!“ Schon nach dem ersten Lied gibt es Sprechchöre an diesem Abend im Februar 2012 in der Londoner O2 World. Das mag die Äußerung spontaner Euphorie der Fans sein. Doch auf einem Livealbum, auf dem Noel Gallagher zu hören ist, hat dieser Moment eine besondere Geschichte. Zwölf Jahre früher und nicht weit entfernt, als Oasis im Wembley-Stadion spielten, hatte es ebenfalls diese „Noel, Noel“-Rufe gegeben. Und dann, als Konter dazu, „Liam, Liam“-Rufe. Es entstand ein Wettstreit der Fangruppen (dokumentiert auf Familiar To Millions), die abwechselnd ihren jeweiligen Oasis-Liebling hochleben ließen, bis Noel dem Ganzen mit einem Scherz ein Ende setzte („Stop all that Noel-Liam-shit!“) und die Energie der Fans lieber darauf lenkte, den Bassisten zu verarschen und „Who the fuck is Andy Bell?” zu singen.

Diese Anekdote hat eindeutig Symbolkraft. Wenn man danach sucht, was Oasis ausmachte, dann landet man nämlich ziemlich schnell bei “all that Noel-Liam-shit”: ein permanenter Wettstreit, eine unerbittliche Konkurrenz, ein (auch körperlich ausgetragener) Kampf zwischen den beiden Brüdern. Das machte Oasis zu einer unerreicht aufregenden Band unter kreativem Dauerfeuer. Aber es muss unendlich anstrengender Psychokrieg für Noel Gallagher gewesen sein, der schließlich zum Ende der Band führte.

(It’s Good) To Be Free heißt nun der erste Song, den Noel Gallagher’s High Flying Birds bei diesem Konzert spielen. Eine B-Seite von Oasis, aber trotzdem keine überraschende Wahl, wenn man sich klar macht, dass das Genießen von Freiheit wohl als Motto über der Solokarriere des einstigen Oasis-Chefs steht. Mit dem feurigen Mucky Fingers gibt es gleich danach noch einen Oasis-Song, bis zum Ende des Abends werden sieben weitere dazugekommen, umrankt von elf Solostücken. Auch dieses beinahe ausgeglichene Verhältnis und der gelassene Umgang mit den Liedern der alten Band zeigen: Noel Gallagher ist jetzt im Reinen mit sich.

Am Ende von If I Had A Gun kann man ihm diese Genugtuung auch kurz anmerken: Das ist keiner der Klassiker aus der Oasis-Blütezeit, aber das Lied vibriert vor lauter Energie und das Publikum singt jedes Wort mit. Am Ende schließt Noel Gallagher die Augen und legt den Kopf in den Nacken – es muss ein Triumph für ihn sein.

Entsprechend entspannt plaudert er auf International Magic Live At The O2 mit dem Publikum (und kann sich eine kleine Provokation nicht verkneifen, als er klarstellt, dass Mario Balotelli „besser ist als ihr alle zusammengenommen“). Er stellt sehr höflich seine neue Band und die Verstärkung in Form von Bläsern und Chor vor, und er ist auf dieser DVD zwischendurch beim Sightseeing, beim Fußballschauen sowie charmant und schlagfertig bei einer Pressekonferenz zu erleben („Was ist Rock?“ ist eine der Fragen, die Noel gestellt bekommt – „Nicht Green Day“, lautet seine großartige Antwort.)

Die Musik hat trotz dieser neuen Gelassenheit nichts von ihrer Ambition verloren. Der Sound auf dieser Live-DVD ist derart monströs, dass man ständig leiser drehen will, und dann doch erkennen muss: Diese Songs werden einfach nicht zahmer, bescheidener, kleiner – egal, was man mit dem Lautstärkeregler anstellt.

Der Chor verleiht etwa Everybody’s On The Run zusätzliche Majestät, Dream On bekommt noch prominentere Bläser verpasst. Mit Freaky Teeth gibt es auch einen ganz neuen Track, der beweist, dass noch ein paar Monsterhits in diesem Mann stecken. So gut wie hier klang Half The World Away noch nie. Das leicht beschleunigte Little By Little (von Noel angekündigt als das Lieblingslied seiner Tochter. „Wenn man mal auf den Text achtet, muss man jetzt wohl befürchten, dass sie irgendwann ein Grufti wird“, scherzt er) ist unwiderstehlich, eine Offenbarung.

Und dann gibt es auch auf International Magic die prototypische Oasis-Konzert-Geste, zuerst bei The Death Of You And Me, und dann wenig später bei der akustischen Version von Supersonic: Junge Frauen klettern auf die Schultern ihrer Begleiter, junge Männer ziehen ihre T-Shirts aus. Sie singen aus vollem Leibe mit. Sie breiten die Arme aus. Diese Pose heißt nicht: „Ich bin Jesus“ und auch nicht „Ich kann fliegen.“ Sie heißt: „Seht euch das an, ist das nicht herrlich? Das darf nicht wahr sein, aber es ist hier überall! Um mich herum! Real! Und ich bin mittendrin!” Dann wird klar, wie viel dieses Lied, dieser Moment, dieser Mann ihnen bedeuten und wie groß die Kraft der Songs von Noel Gallagher ist. Man darf sicher sein, dass auch im knapp 30-köpfigen Chor jeder mindestens eines seiner Lieder inniglich liebt – und welcher Rockmusiker kann so etwas schon von sich behaupten?

Spätestens in diesen Szenen von International Magic wird einem bewusst, wie fantastisch Noel Gallagher’s High Flying Birds sind. Die Zeit nach dem Ende von Oasis ist unendlich besser verlaufen als man das hätte erwarten dürfen: Liam gibt mit Beady Eye wieder den ehrgeizigen Rabauken, der es allen beweisen will; Noel gibt den Elder Statesman, der niemandem mehr etwas beweisen muss – und beide scheinen damit eine sehr angemessene Rolle gefunden zu haben. Sogar der Gaga-Text von Whatever, das in der O2 World kurz vor Schluss erklingt, bekommt so einen neuen, beeindruckenden Sinn, wenn Noel singt: „I’m free to be whatever I / whatever I choose / and I’ll sing the blues if I want.“

Whatever bildet mit diesen Zeilen quasi das Gegenstück zu (It’s Good) To Be Free, das bezeichnenderweise auch auf DVD2 den Auftakt macht, die mit einem Mitschnitt des Akustikkonzerts beginnt, das Noel im November 2011 im Mod Club in Toronto gegeben hat. Acht Stücke, nur mit Gitarre und Klavier, gibt es zu hören, sechsmal Oasis, zweimal High Flying Birds. Diesmal ist auch das in der O2 World ignorierte Wonderwall dabei, das sich im Solo-Gewand erstaunlich an die famose Ryan-Adams-Version annähert.

Die zweite DVD (es gibt von International Magic auch eine Special Edition, die zusätzlich noch eine CD mit 13 Tracks enthält, nämlich alle Albumdemos, B-Seiten und das bisher unveröffentlichte Freaky Teeth) bietet außerdem die meisterhafte Videotrilogie Ride The Tiger: Regisseur Mike Bruce vereint in dieser 20-Collage die Videoclips von If I Had A Gun, The Death Of You And Me und AKA…What A Life! zu einem zusammenhängenden Kurzfilm.

Nicht zuletzt gibt es noch den kompletten Auftritt von Noel bei den NME Awards 2012. Vor allem, wenn die Kamera ins prominente Publikum schwenkt, bleibt kein Zweifel daran, wie verdient dieser Titel ist: Auch hier gibt es die ausgebreiteten Arme zu sehen, die Hälfte der britischen Pop-Avantgarde singt eine 18 Jahre alte B-Seite vollkommen textsicher mit (Half The World Away) und bei Don’t Look Back In Anger, ganz zum Schluss, herrscht die pure Extase. Vor der Show wurde Noel Gallagher dort als „Godlike Genius“ ausgezeichnet. Nach der Show kann man das „like“ getrost streichen.

Der Wahnsinn: Noel Gallagher spielt Don’t Look Back In Anger live bei den NME Awards:

Homepage von Noel Gallagher.


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