Hingehört: Norah Jones – „Little Broken Hearts“


"Little Broken Hearts" lebt von seinen Nuancen.

"Little Broken Hearts" lebt von seinen Nuancen.

Künstler Norah Jones
Album Little Broken Hearts
Label Blue Note
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***

„Ich bin verlassen worden. Ich bin todtraurig. Ich verarbeite den Schmerz in meinen Liedern.“ Mit Alben, die nach diesem Schema entstanden sind, könnte man ganze Plattenläden füllen. Bob Dylan hat mit dieser Herangehensweise das meisterhafte Blood On The Tracks gemacht, Ben Folds Five haben das wunderbare Whatever And Ever Amen vorgelegt, Damon Albarn hat sich vom Ende seiner Beziehung zu Blurs Meisterwerk 13 inspirieren lassen.

Besonders innovativ ist dieses Genre also nicht. Erst recht nicht, wenn Norah Jones sich darin versucht. Denn das gerade erschienene Little Broken Hearts ist schon ihr zweites Break-Up-Album in Folge. Schon The Fall (2009) war voll von bitteren Momenten. Mit Little Broken Hearts verarbeitet sie nun eine weitere Trennung.

Das Erstaunliche dabei ist: Norah Jones, deren Klangkosmos bisher nicht gerade durch unendliche Weiten auffiel, schafft es tatsächlich, sich dabei entscheidend weiterzuentwickeln. Natürlich dominiert auch auf ihrem fünften Studioalbum ihre wunderschöne Stimme, die meist von sanftem Wohlklang zu Klavier und Gitarre umrahmt wird. Aber Little Broken Hearts hat ganz viele Nuancen zu bieten, die daraus eine höchst spannende Angelegenheit machen.

Kein Wunder: Für ihre neue Platte hat die neunfache Grammy-Gewinnerin auf die Unterstützung von Brian Burton gesetzt, besser bekannt als Danger Mouse und einer der angesagtesten und wagemutigsten Produzenten unserer Zeit. Für dessen Projekt Rome hatte sie bereits ein paar Lieder eingesungen, beide Künstler waren sich danach einig, dass man die Zusammenarbeit unbedingt vertiefen sollte. Zudem wagte sich Norah Jones diesmal ohne fertige Songs ins Studio und entwickelte innerhalb von sechs Wochen stattdessen die Lieder aus spontanen Ideen und losen Bruchstücken.

Das Ergebnis ist ein tolles, raffiniertes, sehr stimmiges Album geworden. Zu Beginn ist Norah Jones in Good Morning ganz allein zu einer Gitarre zu hören. Die Orgel im Hintergrund klingt wie die schillernden Wellen eines Sees, die bei Vollmond ans Ufer von Wunderland schlagen. Danach ist in Say Goodbye erstmals der Einfluss von Danger Mouse zu hören, denn das Lied über das komplexe Zusammenspiel von lieben und lügen („It ain’t easy to stay in love / if you can’t tell lies“) wird dezent funky im Stile von Feist. After The Fall lässt erahnen, wie Reggae klingen würde, wenn es in Jamaika acht Monate pro Jahr regnen würde, Out On The Road spürt dem Country der 1970er Jahre nach.

Alle Stücke haben viele faszinierende Details zu bieten, die immer neue Dimensionen dieser Musik offenbaren. Niemals aber verdängen sie den Kern des Songs, wie Norah Jones betont: “Auch wenn diese Platte diese ganzen coolen Sounds und interessanten Grooves hat, für die Brian bekannt ist, bin ich doch am meisten stolz darauf, sie mit ihm zusammen geschrieben zu haben. Auf die Songs an sich.”

Im Titelsong schafft sie es, zugleich träge und beinahe aggressiv zu klingen. Fast großzügig und doch gekränkt zeigt sie sich in She’s 22, in dem sie den Lover ziehen lässt, weil sie weiß, dass eine andere ihn glücklich macht. Ein Refrain voller Grazie erhebt sich in 4 Broken Hearts über einen beinahe gebrochenen Beat und eine Geschichte eines Paares, das nicht voneinander loskommt und dabei noch andere mit ins Unglück stürzt. Alle Kraft muss Norah Jones in der eingängigen Single Happy Pills aufwenden, um weiter ihren Weg zu gehen und ihr Glück zu suchen – und nicht der Versuchung einer zweiten Chance nachzugeben. Spätestens in Miriam ist nichts mehr von der angeblich ach so niedlichen Norah Jones übrig geblieben. Da säuselt ihre Stimme zwar noch, aber ihre Worte wünschen der Nebenbuhlerin den Tod an den Hals.

Manches lässt an Nina Perssons A-Camp denken, auch die Reife von Sheryl Crow klingt an einigen Stellen an. Vor allem beeindruckt, wie authentisch diese Lieder sind. Im Studio erwuchs aus der Zusammenarbeit ein echtes Vertrauensverhältnis, von dem Little Broken Hearts hörbar profitiert. Man merkt, wie viel Intimität in diesen Songs steckt, und wie behutsam hier die genau passende Form für sie gesucht wurde. „Wir hatten diese tollen Gespräche über Liebe, Beziehungen und die endlosen Versuche, das alles zu verstehen, und irgendwie hat sich das in unsere Arbeit eingeschlichen. Das ist eine der großartigen Dinge an Musik, man kann seine eigene Wut und den Kummer in etwas verwandeln, das jemand anderen vielleicht aufbaut”, erzählt Norah Jones.

Noch eine gute Botschaft kommt dazu: Die 33-Jährige verkraftet Liebeskummer offensichtlich ganz gut. Little Broken Hearts ist niemals mädchenhaft oder gar selbstmitleidig. „Wenn du mich verlässt, dann ist das dein Problem“ – so lautet die Perspektive. Man hört den Liedern an, wie viel Hoffnung, Arbeit und Vertrauen in dieser gescheiterten Beziehung steckte. Aber man merkt auch sehr genau, dass Norah Jones weiß, dass ihr Wert nicht von einem Mann an ihrer Seite definiert wird. „Schlussmachen klang noch nie so lustig“, hat der Rolling Stone über die Single Happy Pills geschrieben. Man muss ergänzen: und noch nie so selbstbewusst.

Norah Jones singt Little Broken Hearts bei Jools Holland:

Norah Jones bei MySpace.

Diese Rezension gibt es auch bei news.de.

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