Hingehört: OMD – „English Electric“


OMD gehen einem Widerspruch nach: Was früher wie die Zukunft klang, ist heute retro.

OMD gehen einem Widerspruch nach: Was früher wie die Zukunft klang, ist heute retro.

Künstler OMD
Album English Electric
Label BMG
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung  

Christophe Gowans hat ein ziemlich faszinierendes Hobby. Er stellt sich vor, wie einige der berühmtesten Alben der Musikgeschichte aussehen könnten, wenn sie ein Buch wären – und gestaltet dann ein entsprechendes Cover. Blood On The Tracks von Bob Dylan wird so zu einem Kriminalroman als Groschenheft. Are You Experienced? von Jimi Hendrix lässt der Designer aus London aussehen wie einen Karriereratgeber. Surfer Rosa von den Pixies kommt daher wie ein Kinderbuch.

Man muss nicht lange überlegen, welche Gestalt er English Electric, dem zwölften Album von OMD, verpassen würde. Eindeutig müsste es sich hier um Science-Fiction-Literatur handeln. Die Musik von Andy McCluskey und Paul Humphreys klingt auch im 35. Jahr des Bestehens von OMD futuristisch. Allerdings nicht mehr, weil sie so avantgardistisch ist wie in den Anfangstagen der Orchestral Manoeuvres In The Dark. Sondern, weil sie komplett durchgestylt ist, voll und ganz auf ihre Funktion fokussiert.

Es gibt hier nach wie vor wunderbare Mitsumm-Melodien wie in Night Cafe, einer Huldigung des Malers Edward Hopper, deren Text sich ausschließlich aus Titeln seiner Werke zusammen setzt. Es gibt eine hoch elegante Melancholie wie in Our System, dessen Backing-Track auf fragmentierten Geräuschen der Magnetosphäre des Planeten Jupiter (!) basiert, die OMD beim Stöbern auf der Website der NASA entdeckt haben. Und es gibt Lieder wie Stay With Me, die kaum mehr OMD sein könnten, wenn sie sich mit sich selbst kreuzen würden: Die Melodie ist toll, der Gesang bloß hingehaucht, der Drumcomputer klingt so sanft, als wolle er Strom sparen.

English Electric (einst war das der Name eines britischen Industrieunternehmens) hat dabei einen erstaunlichen Effekt: OMD setzen immer noch auf ihre bewährten Stärken und Vorlieben – in den frühen 1980ern waren das die Klänge der Zukunft, heute ist es retro. Dieser Widerspruch ist durchaus beabsichtigt, denn die Vorstellungen von Fortschritt und dem, was dann tatsächlich von ihnen übrig bleibt, sind wichtige Themen auf English Electric. „Die übergreifende Stimmung verbreitet ein Gefühl von Verlust; von Melancholie, weil die Dinge sich nicht so entwickelt haben, wie man es sich gewünscht hat – weder in Bezug auf Technik noch was persönliche Beziehungen angeht“, erklärt Andy McCluskey.

“The future that you anticipated has been cancelled”, lautet dann passend dazu der Hinweis, den eine Computerstimme im Opener Please Remain Seated gibt. OMD spielen dann im weiteren Verlauf des Albums einerseits wiederholt mit ihrer eigenen Vergangenheit, andererseits zeigt auch diese Platte, warum sie für nachgeborene Bands wie Hurts, La Roux, The XX, La Roux oder die Killers solch ein wichtiger Einfluss waren.

Helen Of Troy könnte die aktuelle Entsprechung der Maid Of Orleans sein (auch wenn allenfalls die sehr gelungene Atmosphäre an dieses Vorbild heranreicht). Das vergleichsweise schwungvolle Dresden spielt mit Metaphern eines Flammeninfernos – darüber muss man sich nicht wundern bei einer Band, die einen ihrer größten Hits (Enola Gay) nach dem Flugzeug benannt hat, das die Hiroshima-Bombe abwarf. Zudem wird Dresden das beste Lied des Albums und einer der zahlreichen Tracks, die beweisen, wie viel Spaß Andy McCluskey neuerdings wieder am Bassspielen hat.

Apropos Spielfreude: Anders als bei History of Modern (2010), dem ersten Album nach dem OMD-Comeback, entstanden die Songs diesmal nicht, indem sich Andy und Paul einzelne Sounds per E-Mail schickten. Stattdessen saßen sie tatsächlich gemeinsam im Studio. „Es ermöglichte uns, wie in den ganz frühen Tagen zu arbeiten. Es war sehr spontan. Virtuell kann diese Form der intensiven Kollaboration nicht entstehen. Wieder so zu arbeiten, ermöglichte uns, zu unserer Initialzündung und den elektronischen Einflüssen zurückzukehren. So als ob man wieder Kind ist … keine Regeln!“, umschreibt Paul Humphreys den Effekt dieser Methode.

Man hört dem Album an, was er damit meint. The Future Will Be Silent ist im Prinzip ein Instrumental, das lediglich auf eine Computerstimme setzt. Decimal behandelt den Communication Overkill, indem lauter Mailbox-Ansagen zu hören sind. In Kissing The Machine wird plötzlich Deutsch gesprochen: Das Lied klingt, als hätte es ein Roboter geschrieben, den man wirklich mögen kann (in Wirklichkeit hatte Kraftwerk-Mitglied Karl Bartos hier seine Finger mit im Spiel), dann präsentiert sich Claudia Brücken von Propaganda als große Diva (mit ihr hatte Paul Humphreys schon beim Projekt Onetwo zusammengearbeitet).

Metroland ist ein siebeneinhalbminütiger Beweis dafür, dass OMD mittlerweile voll und ganz um die Makellosigkeit ihres Pop-Rezepts wissen: Das Schlagzeug pumpt, die Chöre schweben, die Melodie tänzelt und dann setzt ein Gesang ein, der das alles offensichtlich für selbstverständlich hält. Keimfrei wirkt diese Musik, aber nicht kalt. Der Rausschmeißer Final Song zeigt das am deutlichsten: Hier klingen OMD wie eine Maschine, die von der Liebe träumt – was eine ebenso nostalgische wie futuristische Idee ist. „Als wir Kinder waren, dachten wir, dass elektronische Musik eine Art Utopia sein könnte“, sagt Paul Humphreys. „Jetzt versuchen wir, etwas rüberzubringen, das gebrochener ist.“

Andy und Paul im Interview über English Electric:

Im Mai gibt es OMD live in Deutschland zu sehen:

21.05.2013 Hamburg – Docks

22.05.2013 Bielefeld – Roundhouse

24.05.2013 Berlin – Tempodrom

25.05.2013 Leipzig – Haus Auensee

27.05.2013 Köln – E-Werk

Homepage von OMD.

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