Hingehört: OMD – „The Best Of OMD“ 2


Ein Übermaß an Melodie: "The best of OMD".

Ein Übermaß an Melodie: „The best of OMD“.

Künstler Orchestral Manoeuvres In The Dark
Album The Best Of OMD
Label Virgin
Erscheinungsjahr 1988
Bewertung ****

Andy McCluskey ist bestimmt nicht wegen seiner großartigen Stimme in die Musikgeschichte eingegangen, und das weiß er sicherlich auch.  Und doch haben OMD eine Karriere hingelegt, die sich vor allem um eins dreht: Gesang.

Das Popduo aus Liverpool hat immer auf Gesang gesetzt. Allerdings paradoxerweise nicht so sehr auf die etwas durchschnittliche, fast brüchige Stimme von Andy McCluskey. Sondern auf die Stimme seiner Zuhörer. The Best Of OMD, das die Zeit bis zum Ausstieg von Keyboarder Paul Humphreys 1989 umfasst, enthüllt das Geheimnis von Orchestral Manoeuvres In The Dark: Man kann hier alles mitsingen. Den Text (das ist natürlich naheliegend), aber auch die Keyboards, den Bass, gelegentlich sogar den Rhythmus.

Immer wieder setzen McCluskey und Humphreys auf Instrumente, die eigentlich als Percussion gelten, mit denen man aber durchaus auch Töne modulieren kann, wie die Bongos in Enola Gay, das Timpani in Telegraph, das Glockenspiel in Joan Of Arc oder die Steeldrum in Locomotion. Das Ergebnis ist ein Übermaß an Melodie, und genau das ist die Essenz von OMD, vom Beginn ihrer Karriere bis zum aktuellen Comeback mit History Of Modern.

Natürlich war es Ende der 1970er, als OMD in Liverpool begannen, extrem schwer, mit diesem Konzept zu überzeugen. Punk regierte noch, und kaum jemand hatte Lust auf ein paar Jungs, die von Düsseldorf träumten und deren Band hieß wie eine Einladung zur gepflegten Langeweile inmitten von selbstverliebten Arschlöchern („I wake up some nights and think ‚Orchestral Manoeuvres in the Dark‘? What a stupid name! Why did we pick that one?“, hat sich Andy später einmal selbst gewundert).

Entsprechend schwer hatten es OMD dann auch in ihren Anfangstagen. Der NME sah in ihnen den „perfekten Soundtrack für Leute, die nie richtig zuhören“. Und Robert Christgau, der unter anderem für den Rolling Stone schrieb, konnte lediglich „technokratischen Kitsch“ erkennen, „der perfekt sein musste, um überhaupt einen Wert zu haben“.

Ein bisschen kann man die Weißglut der Kritiker verstehen. Beispielsweise Souvenir ist unverschämter Kitsch, Tesla Girls verlässt sich zu sehr auf das bewährte OMD-Schema und misslingt trotzdem, La Femme Accident verliert sich in exotischen Spielereien und ist in der hier vertretenen 12“-Version auch deutlich zu lang. Aber natürlich liegen die Nörgler ansonsten daneben, und die Bewunderung von The XX, den Killers oder Hurts hat McCluskey und Humphreys längst rehabilitiert.

Kein Wunder: Es gibt auf Best Of OMD genug, was man als Beweise für Coolness, Talent und Mut erkennen kann. Electricity aus dem Jahr 1979 könnte mit seinem düsteren Sound, den schmerzhaften Störgeräuschen am Beginn und dem schrägen Drumcomputer, der ein schlechtes Timing zu haben scheint, auch von Joy Division stammen. Messages macht dann von allen hier vertretenen Stücken den Einfluss von Kraftwerk auf McCluskey und Humphreys am deutlichsten und könnte ganz alleine dafür verantwortlich sein, dass es ein paar Jahre später plötzlich Depeche Mode gab. Telegraph und Genetic Engineering sind reichlich schräg, wenn man bedenkt, dass beide Top40-Hits waren. Und We Love You lässt keinen Zweifel daran, dass OMD auch Rock können, wenn es sein muss.

Zwei ihrer größten Hits zeigen, wie geschickt OMD durchaus Gewagtes mit unwiderstehlich Eingängigem verbinden. Zum einen Enola Gay, 1980 ihr erster Top10-Hit. Man müsste den Song einen „Kracher“ nennen, wäre das nicht so makaber angesichts der Tatsache, dass Andy McCluskey hier über das Flugzeug singt, das die Atombombe auf Hiroshima abwarf. „Viele haben damals gesagt: Über so ein Thema darf man doch keinen Popsong machen! Aber wir waren immer dann am besten – und auch am erfolgreichsten – wenn wir auf solche Bedenken nicht gehört haben, sondern einfach machten, was wir wollten“, hat er mir im Interview verraten. Und er nennt auch gleich das zweite Beispiel: Nur zwei Singles verkauften sich 1982 in Deutschland besser als Maid Of Orleans. Dabei dauert es fast 40 Sekunden, bis sich hier ein schüchternes Schlagzeug aus dem Nebel aus Noise anschleicht – und danach folgen 200 Sekunden Walzer. Eine solche Komposition hätte man wohl als klassische Musik betrachtet, wenn es nicht vorher Autobahn gegeben hätte.

Und dann sind da noch die anderen Hits. Locomotion, If You Leave, Secret, Forever Live And Die mit seinem betörenden Refrain, das brillante Dreaming, Talking Loud And Clear als die süßeste Versuchung, seit es Synthesizer gibt. Viel besser kann Popmusik nicht sein.

Experimentell, und doch verdammt eingängig: Das gilt auch für das Video zu Secret:

OMD bei MySpace.


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