Phillip Boa And The Voodooclub – „Loyalty“


Künstler Phillip Boa And The Voodooclub

Phillip Boa feiert auf "Loyalty" sein Lieblingsgenre: Pop kaputt.

Phillip Boa feiert auf „Loyalty“ sein Lieblingsgenre: Pop kaputt.

Album Loyalty
Label Cargo
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung

„Don’t run away, show some loyalty“, fordert Phillip Boa auf dem Titelsong seines neuen Albums. An wen er sich damit wendet, bleibt unklar. Sicher ist aber: Seine Fans können es nicht sein. Denn die stehen ihm mindestens so fest zur Seite wie der herrlich treudoof dreinblickende Hund auf dem Plattencover.

Seit fast 30 Jahren ist der gebürtige Dortmunder, der mittlerweile auf Malta lebt, im Geschäft. Das gestern erschienene Loyalty ist sein 17. Album, und seit dem Durchbruch im Jahr 1989 mit Hair hat keines in den Charts schlechter als Platz 59 abgeschnitten. Für den September steht eine Tour mit 23 Terminen ins Haus. Über die womöglich flüchtige Zuneigung seiner Anhänger muss sich der 49-Jährige also keine Sorgen machen.

Was ist es also, das den Reiz von Phillip Boa ausmacht? Es ist der Ansatz, den er schon so lange und so konsequent verfolgt: Er geht auf Distanz und bietet doch Identifikation, er ist schräg und doch zugänglich. Er ist wie die Figur, die im aktuellen Kinofilm Ausgerechnet Sibirien einen ganz kurzen Auftritt hat. Ein alter Mann begegnet da im tiefsten Osten Russlands einem deutschen Handelsvertreter, und sofort platzt der Spruch „Hitler kaputt“ aus ihm heraus. Hitler ist alles, was er mit Deutschen assoziiert, eine Figur, die sich tief in sein Hirn gebrannt hat, vielleicht sogar eine Faszination auf ihn ausübt. Aber dieses „kaputt“ ist noch viel stärker in ihm verwurzelt, es ist das, wofür er jahrelang gekämpft hat, woraus er seinen Stolz bezieht. So ähnlich ist es bei Phillip Boa: Er weiß genau, wie Hits funktionieren und worin ihr Reiz besteht. Und doch wehrt er sich trotzig dagegen. „Pop kaputt“ – das ist sein Genre.

Auf Loyalty fördert dieser Konflikt wundervolle Ergebnisse zutage. Gemeinsam mit seinem Voodooclub klingt Boa wieder etwas dynamischer als zuletzt, daran haben auch Produzent Ian Grimble (Bombay Bicycle Club, Mumford & Sons) und Schlagzeuger/Co-Produzent Brian Viglione (Dresden Dolls, Nine Inch Nails) ihren Anteil.

Schon der Auftakt klingt erfreulich aktuell: Black Symphony hat einen forschen Beat und Disco-taugliche Streicher, Phillip Boa singt dazu fast wie Alan Donohue von den Rakes. Want wird vollends jugendlich, mitreißend und ausgelassen, der Titelsong hat ebenfalls reichlich Schmiss.

Til The Day We Are Both Forgotten lässt an New Order denken und zeigt, dass das Zusammenspiel der Stimmen von Phillip Boa und Pia Lund nichts von seinem Reiz verloren hat. Eine ganz einfache Idee und vergleichsweise viel Elektronik reichen, um Sunny When It Rains gelingen zu lassen. Das gutgelaunte My Name Is Lemon könnte gut zu Roman Fischer passen, Under A Bombay Moon Soon ist lupenreiner Glamrock, an dessen Ende der neue Gitarrist Oli Klemm zeigen darf, wie heavy er klingen kann, wenn es sein muss.

Auch wenn es reduziert hergeht wie im hübschen Ernest 2 mit der eindrucksvoll gesungenen Zeile „The words ‚I love you’ / have never crossed your lips“ oder ein bisschen düster wie in Lobster In The Fog, einem von mehreren Liedern, in denen Boa nach eigener Aussage die Philosophie von Theodor W. Adorno in den Text einflicht, klingt das in jedem Moment inspiriert und relevant. Auch Dream On Planet Cherry spürt kurz vor Schluss dem Wunsch nach Konstanten, Verlässlichkeit und Verstehen in einer Welt voller Turbulenzen nach. Das ist im gleichen Maße eingängig wie mit Widerhaken, Stacheln und kleinen Boshaftigkeiten versehen. Tun wir Phillip Boa also den Gefallen und nennen ihn endlich: den deutschen Robert Smith.

Vielleicht richtet sich das „Don’t Run Away“ auch an die Innenarchitekten im Video zu Loyalty:

Homepage von Phillip Boa.

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