Phoenix – „Bankrupt!“


Künstler Phoenix

Mehr Kraft, mehr Finesse: Phoenix haben ihren Sound noch stärker poliert.

Mehr Kraft, mehr Finesse: Phoenix haben ihren Sound noch stärker poliert.

Album Bankrupt!
Label Warner
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Das wäre natürlich was gewesen. Ein Protest-Album ausgerechnet von Phoenix. Bankrupt! heißt ihr fünfter Longplayer, und natürlich muss man dahinter in Zeiten wie diesen eine Anspielung auf die Schuldenkrise vermuten. Doch schon im zweiten Satz des Presse-Infos, das die Platte begleitet, stellen Phoenix klar: „Es ist kein politisches oder finanzielles Statement.“

Worum es viel eher geht auf Bankrupt!, macht Sänger Thomas Mars deutlich: „Vieles handelt vom Mittelmaß, von Dingen, die nicht danach streben, besser zu werden. Das ist etwas, womit die Band jeden Tag kämpfen muss. Jede Entscheidung, die du treffen musst, ist eine nicht endende Verwicklung. Das Ziel ist nicht, rebellisch zu sein, sondern etwas loszuwerden. Denn wenn du das tust, kannst du erleichtert sein und weiter nach vorne gehen.“

Ein wenig klingt dieses Statement, als hätten sich Phoenix nach dem Mega-Erfolg von Wolfgang Amadeus Phoenix (unter anderem gab es für das 2009er Album Gold in den USA und einen Grammy) entschlossen, einfach wie bisher weiter zu machen. Davon kann allerdings keine Rede sein. Im Vergleich zum federleichten Vorgänger (und erst recht zum verhuschten Frühwerk der vier Franzosen) klingt Bankrupt! stellenweise wie Heavy Metal.

Entertainment, zugleich erste Single und Opener, weist den Weg für Bankrupt!: Das Schlagzeug ist ein bisschen lauter, die Stimme ein bisschen höher, der Pophimmel und die Achtziger (für Phoenix ist das vielleicht dasselbe) sind noch ein bisschen näher. Zudem gibt es in Entertainment, wie später auch im todschicken Trying To Be Cool und im mitreißenden Drakkar Noir, dank pentatonischer Tonleitern ein paar asiatische Anklänge.

The Real Thing macht die neue Kraft des Quartetts aus Versailles noch deutlicher: Das ist ebenso funky wie riesig – die Sorte von Musik, zu der Godzilla tanzt. SOS In Bel Air ist gleich danach noch so ein Lied, das zunächst sphärisch klingt, verspielt und filigran, aber wie von Bodybuildern gespielt. Chloroform schafft es, zugleich nach Chillout und doch monströs zu klingen. „Dieses Album hat mehrere Schichten“, eklärt Gitarrist Laurent Brancowitz diesen Effekt: „Je öfter du es auflegst, desto mehr hörst und verstehst du, was dort passiert. Gleichzeitig wollten wir aber auch, dass es richtig flüssig und einfach ist, wie eine Kugel aus Marmor. Zunächst siehst du einfach nur eine Kugel – aber es gibt einen Typen, der sie ein Jahr lang poliert hat.“

Auch dieses Bestreben ist Bankrupt! deutlich anzumerken. Es gibt innerhalb dieser gut 40 Minuten quasi keinen Klang, der in seinem Urzustand belassen wurde. Bei den Aufnahmen mit Produzent Philippe Zdar, die in Manhattan begannen und sich dann nach Montmartre erstreckten, wurde offensichtlich jeder einzelne Ton bearbeitet, optimiert, stilisiert, verknüpft.

Der Rausschmeißer Oblique City ist ein guter Beleg dafür. Das Lied berauscht sich förmlich an der eigenen Komplexität und Ausgefeiltheit. Noch deutlicher wird es im Titelsong: Bankrupt! beginnt mit nervösen Funkfrequenzen, dann erklingt eine verrückt gewordene Flöte, die durch eine Alien-Invasion aus dem Jahr 1976 abgelöst wird, die wiederum wenig später mit einer Zeitreise in die Ära des Barock verschmilzt – und all das geschieht, bevor nach viereinhalb Minuten überhaupt erst der Gesang einsetzt. Viel irrer (und schöner) hätten das auch MGMT nicht hinbekommen können.

Auch die Texte funktionieren nach diesem Prinzip: Anspielungen auf die Antike lassen sich ausmachen, gerne zeigen sich Phoenix als polyglott wie im famosen Bourgeois. Die Orte, an denen sich diese Lieder abspielen, dürfen bevorzugt exotisch sein oder gar den Eindruck erwecken, als sei die ganze Welt ein einziges Duran-Duran-Video. Ein Sinn ist in diesen Zeilen schwer zu erkennen. Aber es klingt himmlisch.

Phoenix sind im Video zu Entertainment im Asien-Rausch:

Homepage von Phoenix.

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