Hingehört: Pop Levi – „Medicine“


Wer dringend Kopfschmerzen braucht, ist mit der "Medicine" von Pop Levi gut bedient.

Wer dringend Kopfschmerzen braucht, ist mit der „Medicine“ von Pop Levi gut bedient.

Künstler Pop Levi
Album Medicine
Label Counter Records
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung *1/2

Okay, tief Luft holen. Pop Levi ist, weißte, total crazy schräg. Seine Songs haben Namen wie Motorcycle 666 oder Police $ign. Abgefahren! Und sie sind eigentlich nicht von ihm, irgendwie. Sein fünftes Soloalbum Medicine wurde in Wirklichkeit “recorded by a different version of me in another dimension, then transmitted to this version of me during prolonged isolation tank sessions”, erklärt der Engländer, und fügt zur Verdeutlichung gerne noch an: “I’ve tried to render the songs as close to the versions I sent to myself. Although achieving a precise re-recording would prove impossible, I hope you and all the other versions of myself think it’s just the hotness.”

Pop Levi mag, kicherkicher, Marc Bolan, Peter Gabriel und, hihi, Paul McCartney. Und er verweist gerne auf die “chemical-induced split personality living inside of me”. Oh Mann. Also schon wieder so ein Typ, der das macht, was ich gerne “ADHS-Pop” nenne. Diese Leute vergessen oft, dass „schräg“ nicht dasselbe ist wie „interessant“, dass „chaotisch“ nicht dasselbe ist wie „faszinierend“. Dass Musik, die beim Musizieren großen Spaß macht, beim Hören noch lange nicht unterhaltsam sein muss.

Bei Pop Levi kommt erschwerend noch seine Stimme dazu. Sie klingt, als hätte jemand den Crazy Frog kastriert und dann mit einem hellblauen Mikrofon von Toys R Us aufgenommen. In einem Hamsterkäfig. Im Jahr 1978. All das macht Medicine zu einer kleinen Dosis akustischem Terror.

Strawberry Shake beginnt so, wie man es bei ADHS-Pop vermuten würde: mit einem Urschrei, dem plakativsten Beat der Welt und einer Fuzz-Gitarre. Das ist ebenso eingängig wie irre, als hätten sich Aqua und Marilyn Manson zusammengetan.

Auch Handclaps erklingen sehr früh in Strawberry Shake. Sowieso bedient Pop Levi gerne alle Klischees aus dem Rockbaukasten, von der Ballade mit Orgelsounds (Bye-Byes) über Pseudo-Blues mit Kuhglocke und Wah-Wah-Gitarre (Medicine) bis hin zu rückwärts abgespieltem Gesang (You Understand).

Das Riff von Motorcycle 666 enthält ungefähr 80 Prozent U2, als sie vor 20 Jahren kurz versuchten, modern zu sein, und 107 Prozent Kasabian. Coming Down lässt mit seiner Piano-Psychedelik daran denken, wie Supergrass als eine sehr, sehr schlechte Queen-Coverband klingen würden. Das wuchtige Terrifying wirkt, als hätte jemand die Queens Of The Stone Age ohne Ideen in den Orbit geschickt. Und das schlimme Records erinnert schmerzhaft daran, dass ELO mal irgendwann versucht haben, mit Synthesizern auf den Spuren von Buddy Holly zu wandeln.

Das meiste (vor allem Rock Solid, Police $ign und Midnite Runaround) lässt vor dem inneren Auge noch schrecklichere Bilder aufziehen: Jack White übt vor dem Spiegel seine schönsten Gary-Glitter-Posen, mit Spandexhosen, Plateauschuhen und allem drum und dran. Auch Remember, Remember fällt in diese Kategorie, das wie die Parodie einer Parodie einer Parodie klingt – als hätte jemand die Glam Chops von Eddie Argos erst in Stubenhocker verwandelt und dann mit Plastik übergossen.

Also, Pop Levi, pass auf! Setz dich mal eine Minute lang hin. Halt die Füße still! Und spitz die Ohren: Man kann keinen Glamrock machen (und ihn auch nicht imitieren), wenn man keine Aggressivität hat und keinen Sex. „Schräg“ ist nicht dasselbe wie „interessant“. Und bloß weil man eine große Plattensammlung, ein halbwegs funktionierendes MacBook und eine Gitarre vom Sperrmüll besitzt, ist man noch lange kein Musiker. Sondern manchmal bloß eine Nervensäge.

Synchrones Playback hat Pop Levi vor lauter Überschwang auch noch nicht gelernt:

Homepage von Pop Levi.

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