Hingehört: Rose Hill Drive – „Americana“


Rose Hill Drive pressen auf "Americana" die Essenz aus dem Rock'N'Roll.

Rose Hill Drive pressen auf „Americana“ die Essenz aus dem Rock’N’Roll.

Künstler Rose Hill Drive
Album Americana
Label The Organisation
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***

Mama Sproul wird nicht besonders entzückt sein. Als sie ihre beiden Söhne zur Welt brachte und dann in einer Straße namens Rose Hill Drive großzog, hatte sie bestimmt etwas anderes im Sinn, als sie eines Tages in einer Rockband enden zu sehen. Mehr noch: Jacob Sproul (Gitarre) zeigt sich auf dem Cover von Americana, dem dritten Album von Rose Hill Drive, auch noch in Frauenkleidern. In einem Swimming Pool. Mit Kippe, Lippenstift und einem Cocktail, der schwer nach Tequila Sunrise aussieht. Und als wäre all das noch nicht genug, um Mütterherzen zu brechen, landet die Frau Mama in Speed Dial auch noch nur auf Platz 5, als sein Bruder Daniel (Gesang) in einer bedrohlichen Horrorshow im Stile von Alice Cooper seine wichtigsten Telefonkontakte aufzählt.

Allerdings wird nicht nur Mrs. Sproul zu schlucken haben im Angesicht von Americana. Rose Hill Drive liefern hier ein Rockbiest ab, das voller Schweiß, Bier und Testosteron steckt, in jedem Moment dieser neun Lieder.

Schon der Titelsong zum Auftakt ist R-O-C-K im Verständnis von AC/DC oder Guns’N’Roses. Die Gitarre klingt nach Lederhose, das Schlagzeug nach freiem Oberkörper. Das Ganze wird gesungen wie im Fieber, und doch gibt es hier nicht eine Sekunde, in der Rose Hill Drive an Kraft zu verlieren drohen.

Auch Telepathic, das mit seiner nervösen Gitarre wie eine funky Version der Checks wirkt, geht erstaunlicherweise nicht die Puste aus. Baby Doncha Know Your Man? klingt, als hätte jemand die Red Hot Chili Peppers in Brand gesteckt. Und dann, nach diesen ersten drei Tracks, bemerkt man einen erstaunlichen Effekt: Nach jedem Lied auf dieser Platte gibt es drei Sekunden Pause, und diese Stille wirkt erst wie eine Wohltat und dann wie ein Schock, der im Kontrast erst recht die wahnsinnige Energie dieser Musik erkennen lässt.

Das Trio aus Colorado wird mit Recht weiter zur Speerspitze des Retro-Rock gezählt (bei ihren traditionellen Neujahrsshows spielen Rose Hill Drive gerne mal ganze Alben von Led Zeppelin oder The Who nach, zudem waren sie unter anderem auf Tour mit Gov’t Mule, den Black Crowes, Queens Of The Stone Age und Aerosmith), hat auf Americana aber auch seinen eigene Stil zu bieten. Vor allem wenn es in Pictures Of You dank Orgeleinsatz ein wenig psychedelisch wird oder sich Your Mother’s Jam von einem sanften Beginn zu einem Bassgewitter von Rage-Against-The-Machine-Ausmaßen auswächst, dann geht das weit über Epigonentum hinaus. Das famose Birds Against The Glass schafft es gar, Computerbeats und Streicher zu integrieren und zu so etwas wie einer kleinen Geschichte der USA zu werden.

Am stärksten sind Rose Hill Drive, die mit Jimmy Stofer einen neuen Bassist haben, aber immer dann, wenn sie mit aller Kraft aufs Gaspedal treten. Psychoanalyst hat eines von ganz vielen tollen Riffs dieser Platte und ist Rock’N’Roll in seiner pursten Essenz. Und Birthdays And Breakups, der letzte und beste Song dieses Albums, könnte sogar ein Hit sein – wenn sich Rose Hill Drive nicht entschlossen hätten, daraus eine fast neunminütige Mini-Rockoper zu machen, mit Countryflair und Gospelfinale. Runde Sache.

Was die Frau Mama wohl zum schrägen Video von Telepathic sagen wird?

Rose Hill Drive bei MySpace.

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