Shearwater – „Animal Joy“


Künstler Shearwater

Auf "Animal Joy" haben die Tiere von Shearwater nicht nur Muskeln, sondern auch Zähne und Klauen.

Auf „Animal Joy“ haben die Tiere von Shearwater nicht nur Muskeln, sondern auch Zähne und Klauen.

Album Animal Joy
Label Sub Pop
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung

Seien wir ehrlich: Shearwater hätten allen Grund, ein wenig unmotiviert zu sein. Schon in ihrer Geburtsstunde 2001 waren sie irgendwie keine vollwertige Band, sondern nur eine weitere Spielwiese von Will Sheff (Okkervil River) – ausgerechnet der hat dann 2008 auch noch sein eigenes Nebenprojekt verlassen. Jonathan Meiburg (Gitarre, Klavier), Kimberly Burke (Bass) und Thor Harris (Schlagzeug) schlagen sich seitdem alleine durch – und das, obwohl Meiburg und Burke einmal ein Paar waren, und mittlerweile geschieden sind. Nach sechs hoch gelobten, aber mäßig erfolgreichen Platten standen sie auch noch ohne Label da – ihr letztes Album Shearwater Is Enron, eine Sammlung von Instrumentalstücken, brachten sie in Eigenregie heraus.

Nun ist das Trio aus Austin bei SubPop untergekommen. Und tatsächlich zeigen sie auf Animal Joy, ihrem achten Longplayer, keine Spur von Frustration oder Lustlosigkeit. Im Gegenteil: Shearwater haben sich neu erfunden. Statt einer mysteriösen, thematisch eng verwobenen Trilogie wie zuletzt gibt es auf Animal Joy vergleichsweise konkrete Stücke. Immaculate, das gut zu Maximo Park passen würde, kann man beispielsweise nicht anders als „straight“ nennen. Believing Makes It Easy ist kurz vor Schluss gerade deshalb so stark, weil der Song fast nichts außer einem klitzekleinen Geheimnis zurückhält.

Das Triebhafte des Menschen (und die vergeblichen Versuche, das Tier in uns zu domestizieren) kann man zwar als Leitmotiv ausmachen. Immer wieder treffen in den Texten Hirn und Instinkt aufeinander. Der Albumtitel wird durch Zeichnungen von Tieren im Booklet erweitert. Und über die Session mit Produzent Danny Reisch sagt Jonathan Meiburg sogar: “We’re having trouble taming this one. But luckily, we don’t really want to.”

Doch überall sind bei Shearwater jetzt, um im Bild zu bleiben, reichlich Muskeln an diesen Songs, gelegentlich auch Fell, Hörner, Klauen und Zähne. Animal Life schleicht sich an, mit einem sehr luftigen Sound, wird dann aber schnell ungeduldig, energisch und am Ende glorios. Breaking The Yearlings dreht von Beginn an ein ganz großes Rad und macht mit seinem Sound die Tatsache nicht mehr ganz so unvorstellbar, dass Shearwater einmal als Vorgruppe für Coldplay gespielt haben. Auch das dynamisch-bombastische You As You Were geht in diese Richtung.

Spätestens bei Insolence ist kaum mehr zu fassen, wie kreativ und ehrgeizig Shearwater nach wie vor sind. Industrial, Folk, Dub, Americana, Rock, Blues und ein bisschen Brecht/Weill – all das steckt in diesen knapp sechseinhalb Minuten, gekrönt von einer guten Dosis Verzweiflung.

Daneben ist es der Gesang von Johathan Meiburg, über den man auf Animal Joy immer wieder fassungslos den Kopf schütteln muss. Vor allem in den etwas reduzierteren Momenten wie Dread Sovereign, wo er lange Zeit zu einer trockenen Telecaster singt, oder dem herrlich verlorenen Run The Banner Down fällt auf, wie treffsicher er für jede Stimmung die passende Stimme findet. Mal klingt er wie Peter Gabriel, dann wie Dave Gahan, mal wie Paul Smith, dann wieder wie Bryan Ferry, und wenn es sein muss, hat er auch Morten Harket oder David Bowie drauf, wie im feinen Rausschmeißer Star Of The Age. Gut zu wissen, dass in Shearwater noch so viel Energie und Zukunft steckt. Das hätte damals im Jahr 2001 wohl besser heißen müssen: Lebenprojekt.

Die netten Menschen von Sub Pop bieten Animal Joy, also tatsächlich gleich das ganze Album von Shearwater, im Stream an:

Shearwater bei MySpace.

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