Hingehört: Sophie Zelmani – „Memory Loves You“


Sophie Zelmani besingt auf „Memory Loves You“ den ewigen Herbst.

Künstler Sophie Zelmani
Album Memory Loves You
Label Sony
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung ***

Ich habe keine Ahnung, was man am Liverpooler Lipa unter der Schirmherrschaft von Paul McCartney oder an der Mannheimer Popakademie als Kommilitone von Xavier Naidoo wohl lernen mag. „Konzept und Wirkung des Openers“ steht aber sicherlich irgendwann im Grundstudium auf dem Stundenplan. Der erste Song einer Platte sollte den Hörer gefangennehmen, mitreißen, begeistern.

Sophie Zelmani, so kann man sich sehr gut vorstellen, hat da sicherlich nicht aufgepasst. Stattdessen aus dem Fenster geguckt, Schmetterlinge in ihr Hausaufgabenheft gemalt und in Gedanken Wolkenkuckucksheime gebaut. Und deshalb ist Wait For Cry auch ein Auftakt, der eigentlich gar nicht stattfindet. Nach 191 Sekunden ist das Lied zu Ende, ohne dass man es überhaupt bemerkt hat.

Das passt natürlich ebenso gut zu Zelmani wie die Vorstellung von der verträumten, etwas abwesenden Schülerin, in die alle heimlich verliebt sind. Seit Jahren nimmt die Schwedin die immer gleichen Platten auf und langweilt ihre Fangemeinde doch nicht im Geringsten. Denn was die Anhängerschar von Zelmani will, sind keine Lieder, sondern Stimmung.

Das Zarte, Unschuldige, leicht Melancholische beherrscht die Schwedin wie niemand sonst. Vor allem aber hat sie (neben ihrer Herkunft, die bei der Zielgruppe für Schmuse-Folk sicherlich lebendige Fantasien von sauberen Seen und glücklichen Kindern auslöst, und ihrem mehr als einnehmenden Äußeren) eine Stimme, die schlicht zu den schönsten der Welt zählt. Wenn sie säuselt, schmachtet, haucht, dann ist das nie weniger als bezaubernd – obwohl sich die vokale Bandbreite hier auf einem Bruchteil des Terrains bewegt, das etwa Mariah Carey oder Fergie durchwandern, um ähnliche Reaktionen zu evozieren.

Im Titelsong klingt diese Stimme, als wage sie sich kaum, gegen das vergleichsweise robuste (mit Schlagzeug und Slide-Gitarre) Klanggefüge anzusingen. I Got Yours hat all die Grazie eines Nick-Drake-Stücks und just durch den Gesang scheint die Sonne auf dieses Kleinod. Sorrow ist ein weiteres dieser geflüsterten Geheimnisse. Und der Rausschmeißer Shade klingt so himmlisch süß und so sehr nach Rette-Mich-Und-Nimm-Mich-In-Deine-Starken-Arme, dass es selbst James Blunt zum Bruce Willis werden lassen würde.

Gelegentlich gibt es Ausbrüche aus dem streng akustischen Korsett. Broken Sunny Day hat eine subtile rhythmische Finesse, eine feine Dire-Straits-Gitarre und eine unterschwellige Orgel-Dramatik. How Different trauert den verpassten Chancen mit einem höchst eleganten Klavier und einem Chor der gebrochenen Herzen nach. Travelling kommt mit so viel Schwung und Beat daher, dass es durchaus dem Repertoire von Kristofer Aström entsprungen sein könnte.

Diese Stücke sind nicht unbedingt die Höhepunkte von Memory Loves You, aber sie retten die Platte davor, allzu hübsch, aber belang- und ereignislos zu verplätschern. Und machen sie zu einem weiteren ganz wunderschönen Album für die Länder und Herzen, in denen immer Herbst ist.

Fast gar nicht da: Sophie Zelmani singt Wait For Cry für das schwedische Fernsehen:

Sophie Zelmani bei MySpace.

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