Hingehört: Stax 50th Anniversary Celebration 2


Schwarz-weiß ist das Logo von Stax. Und die Arbeitsweise.

Schwarz-weiß ist das Logo von Stax. Und die Arbeitsweise.

Künstler Diverse
Album Stax 50th Anniversary Celebration
Label Concord Music
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung ****

Wenn man heute von „Soul“ spricht, dann ist das meist nur ein großes Missverständnis. Sarah Connor denkt, sie mache Soul. Amazon verramscht für 5,99 Euro eine Doppel-CD namens Best Of Body And Soul, auf der sich unter anderem Whitney Houston, Ginuwine und Chaka Khan tummeln. Und geht man zu einer Tanzveranstaltung, die mit dem Wort „Soul“ wirbt, dann kriegt man (neben extrem teuren Cocktails und extrem geschminkten Frauen) dort meist extrem klinische Musik geboten, die mit hoher Wahrscheinlichkeit von Musikschulabsolventen fabriziert wurde, die noch nie in ihrem Leben Sex hatten.

Was Soul wirklich bedeutet, das macht die Stax 50th Anniversary Celebration deutlich. Die Doppel-CD, erschienen 2007 zum 50. Jubiläum des Labels, macht noch einmal deutlich, warum Stax Records neben Motown die stilprägendste und erfolgreichste Marke des Genres war. Es gibt hier nicht nur einige der legendärsten Soul-Stars aller Zeiten (Otis Redding, Booker T. & The MGs, Sam & Dave, Isaac Hayes) und einige der größten Hits der Ära (Soul Man, Sitting On The Dock Of The Bay, Respect, Theme From Shaft, I’ll Take You There).

Der Sampler zeigt auch, dass Soul bei dem 1957 von Jim Stewart (einem weißem Geiger, der viel lieber Country hörte als schwarze Musik) gegründeten Label nicht nur tatsächlich mit Seele gefüllt wurde. Sondern dass Soul im Sinne von Stax vor allem bedeutet: innige Liebeslieder, zu denen man tanzen kann – und die nicht aus dem Labor kommen, sondern mitten aus dem Leben.

Wie sehr der Sound von Stax als Tanzmusik gedacht war, machen am eindrucksvollsten die insgesamt fünf hier vertretenen Instrumentals klar (Highlight: das irre ausgelassene Soul Finger von den Bar-Kays). Booker T. & The MGs, seit 1962 die für den Rhythmus zuständige Hausband und hier gleich mit drei Tracks vertreten, entwickelten einen ganz eigenen, sehr packenden Backbeat. Die Mar-Keys (später Memphis Horns) sorgten dazu für ordentlich Bläser-Pfeffer, wie sie hier mit Last Night deutlich machen dürfen.

Gerade die Lieder ohne Gesang auf der Stax 50th Anniversary Celebration zeigen, was den Sound aus dem Süden von Memphis ausgemacht hat: Die Musiker durften hier vergleichsweise organisch arbeiten, zusammen an den Rhythmen, Songs und Arrangements feilen. Vor allem im Vergleich zum großen Rivalen Motown wird das deutlich: Bei Stax ging es zumindest in den 1960er Jahren eher minimalistisch zu. Die Lieder waren bei weitem nicht so durchkalkuliert. Im Stax-Studio (ein umgebautes Kino, an das später noch ein Plattenladen angeschlossen wurde) blieb auch Raum für Spontaneität und sogar Fehler.

Was für tolle Ergebnisse sich auch mit dieser relativ reduzierten Methode erzielen ließen, ist auf der Stax 50th Anniversary Celebration höchst augenfällig, vor allem bei den Songs, die damals nur kleine Hits waren und heute längst vergessen sind. You Don’t Miss The Water von William Bell ist herrlicher Herzschmerz aus dem Jahr 1962, sechs Jahre später legte er mit I Forgot To Be Your Lover noch eine Großtat nach. Carla Thomas definiert auf Let Me Be Good To You das Wort „Verführung“ mit sehr wenigen, aber gekonnt eingesetzten Mitteln. Und Jean Knight feiert auf Mr. Big Stuff mit viel Verve und (sicherlich lackierten) Krallen das weibliche Selbstbewusstsein.

Hinsichtlich der Themen gibt es ohnehin quasi nur ein Wort: Zweisamkeit. Die insgesamt 50 Lieder lassen sich tatsächlich fast durchweg der Kategorie „love song“ zuordnen. Zumindest, wenn man unter Liebe nicht bloß Schwärmen, Anhimmeln und Knutschen versteht, sondern die ganze Breite der Gefühle berücksichtigt, die Liebe nun einmal mit sich bringen kann: Leidenschaft, Reue, Eifersucht, Begehren, Verzweiflung.

Es wird geschwärmt wie von Carla Thomas auf dem bezaubernden Gee Whiz (Look At His Eyes) oder dem drei Jahre später erschienenen Candy von The Astors.

Es wird gelitten, manchmal zuckersüß und mit leichten Anzüglichkeiten wie bei I Want Someone von den Mad Lads, manchmal zerfließend vor Sehnsucht wie bei Frederick Knights I’ve Been Lonely For So Long.

Es wird das Glück der Liebe gefeiert wie in Sam & Daves kraftvollem You Don’t Know Like I Know oder dem bezaubernden B-A-B-Y von Carla Thomas.

Es wird gebangt wie in Otis Reddings grandiosem I’ve Been Loving You Too Long (To Stop Now), das sich dank der Bläser in fast orgiastische Gefühlshöhen aufschwingt, dem unfassbar schönen Starting All Over Again von Mel & Kim oder dem auch in der Single-Version noch fast cineastischen Walk On By von Isaac Hayes.

Es wird misstraut und spioniert. Manchmal mit einem Augenzwinkern wie in Private Number, dem herrlichen Duett zwischen William Bell und Judy Clay, manchmal mit einem Stinkefinger wie in Johnny Taylors Who’s Making Love, mitunter auch in einem klärenden Gespräch von Woman To Woman, mit dem Shirley Brown im Jahr 1974 den letzten vorzeigbaren Stax-Hit landete.

Und immer wieder findet auch der Kampf der Geschlechter und der Wandel ihrer Rollenbilder Eingang in die Hits von Stax, wie bei Walking The Dog von Rufus Thomas oder Respect (hier in der Originalversion von Otis Redding vertreten und später bezeichnenderweise aus umgekehrter Perspektive von Aretha Franklin zum Klassiker gemacht).

Dass viele dieser Songs schon von den Zeitgenossen und bis weit in die Gegenwart hinein immer wieder gecovert wurden (von den unzähligen Rapsongs, die auf Samples von Stax-Liedern beruhen, ganz zu schweigen), zeigt die Wirkungsmacht dieser Lieder. Von den Rolling Stones (die in der Frühphase ihrer Karriere gerne Walking The Dog auf die Bühne gebracht haben) bis zu David Bowie (der später die definitive Version von Eddie Floyds Knock On Wood hingelegt hat), von Will Smith (der sich für Gettin Jiggy With It eifrig bei den Mar-Keys bediente) bis Salt’N’Pepa  (die 1994 noch einmal Linda Lyndells What A Man auf Platz 3 der Charts brachten) reicht die Riege derer, die einigen der Stax-Klassiker später ihren eigenen Stempel aufgedrückt haben. Das ist vielleicht der beste Beweis für die These, die Rob Bowman (Autor von Soulsville USA: The Story of Stax Records) in den Liner Notes aufstellt: Stax habe ohne Zweifel eine gewichtige Rolle gespielt „on a day-by-day basis in the crafting and marketing of African-American culture.“

Stax stützte und stärkte den Stolz der Schwarzen. Die Songs wurden bis zur Pleite des Labels im Jahr 1975 immer expliziter und opulenter – also selbstbewusster. Das gilt vor allem für die Zeit nach dem Einstieg von Al Bell als Miteigentümer im Jahr 1968, der das Sound-Spektrum vergrößerte, um die Stax-Musik auch außerhalb der Südstaaten erfolgreich zu machen und somit die hier auf CD2 vertretene kommerziell erfolgreichste Phase der Stax-Geschichte einläutete.  Und schon in Zeiten, als das in den Südstaaten bei weitem nicht selbstverständlich war, arbeiteten Schwarze und Weiße in den Studios und Büros von Stax zusammen.

Im Rückblick allerdings erstaunlich: Die Musik ist, mit der Ausnahme des Staple-Singers-Krachers Respect Yourself, komplett unpolitisch. Diskriminierung, Gewalt, Armut – nichts davon findet sich in den Texten der Songs auf der Stax 50th Anniversary Celebration. Die gesellschaftliche Wirkungsmacht von Soul im Allgemeinen und Stax im Besonderen lag anderswo: Zum einen setzten die (Liebes-)Lieder von Stax nicht auf einer abstrakten Ebene an, sondern mitten in der Lebenswirklichkeit der Hörer, bei Themen, die ihnen im Zweifel sicher noch ein bisschen wichtiger waren als Wahlrecht oder Mindestlohn. Zum anderen sorgte allein der Erfolg des Labels und der Künstler für ein neues Selbstverständnis der schwarzen Community.

Am deutlichsten wird das in einem der ganz wenigen Lieder auf dieser Doppel-CD, in denen es nicht um Zweisamkeit geht: Nachdem Isaac Hayes dem Label schon mit dem Klassiker-Album Hot Buttered Soul einen niemals für möglich gehaltenen Crossover-Erfolg beschert hatte, legte er 1972 mit dem Soundtrack zum Kinofilm Shaft nach. Das Theme From Shaft ist quasi die Weiterentwicklung von Soul Man: Musik zu lieben, tanzen zu können, schwarz zu sein – das war plötzlich kein Stigma mehr, sondern eine Möglichkeit zum Erfolg, zu Ruhm und Reichtum. Hayes lieferte so nicht nur die musikalische Blaupause für den Blaxpoitation-Sound und viele spätere Discohits. Er entwarf auch ein Role-Model, aus dem später der Pimp und somit der geistige Übervater des HipHop werden sollte.

Und nicht zuletzt bewies Stax, dass die gleichberechtigte Zusammenarbeit von Schwarzen und Weißen ein Erfolgsrezept sein kann. Ihre Offenheit füreinander verschmolz bei Stax so verschiedene Einflüsse wie Blues, Gospel und Jazz, später auch Reggae und karibische Klänge zu einem Sound, zu dem man einfach immer immer immer mit dem Finger schnippen will. Und singen möchte über all das, was das Herz so mit einem anstellen kann.

Ein fast vergessener Klassesong: William Bell singt You Don’t Miss The Water bei der Jubiläumsfeier von Stax:

Isaac Hayes bei MySpace.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

2 Gedanken zu “Hingehört: Stax 50th Anniversary Celebration