Stereophonics – „Graffiti On The Train“


Künstler Stereophonics

Blöd: Schon vor 15 Jahren wäre diese Platte gestrig gewesen.

Blöd: Schon vor 15 Jahren wäre diese Platte gestrig gewesen.

Album Graffiti On The Train
Label Stylus Records
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

In Tristesse Royale, so etwas wie der Pop-Stilfibel des ausgehenden vergangenen Jahrtausends, gibt es eine spannende Stelle, an der sich die fünf beteiligten Autoren auf die Suche nach dem Ursprung des Rock machen. Christian Kracht sieht das Phänomen Rock in „der Sehnsucht nach Ehrlichkeit, nach ehrlicher Musik begründet“. Wenig später entwickelt Eckhart Nickel diesen Gedanken weiter: „Ich glaube, so etwas entsteht aus Angst“, sagt er da. „Diese Angst, dass alles so bleiben soll, wie es ist, wie es gut ist – das ist Rock.“

Noch ein paar Sätze später stellt Joachim Bessing fest, dass es für Rocker unmöglich sei, wieder in ein Leben vor dem Rock zurückzukehren. „Im Rock (…) ist alles so festgefügt, dass selbst das eigene Lebensende, das Verschwinden und sogar das Re-Modeling bereits von Anfang an im System mit eingeschrieben sind. Unausweichlich. Der Rockstar, der irgendwann anfängt zu malen, zu schreiben oder zu fotografieren (…) ist also eigentlich der ärmste und unfreieste Mensch auf der ganzen Welt. Alles, was er tut, bleibt Rock. Er kann da nicht raus, aus dem Rock.“

Wie schlau diese Thesen (neben vielen anderen schlauen Thesen in dem Buch) sind, beweist Graffiti On The Train, das neue Album der Stereophonics. Gleich in doppelter Hinsicht. Zum einen ist das Quartett – 1992 gegründet und seitdem mit immerhin fünf Nummer-1-Alben in England aufwartend – so etwas wie der Inbegriff von „ehrlicher Rockmusik“. Zum anderen ist Frontmann Kelly Jones im Alter von 38 Jahren jetzt an dem Punkt angekommen, wo ihm das Rockerjäckchen offenbar zu eng geworden ist.

“I had all these little things I’d been wanting to do for 15 years. Whether it was writing scripts, or writing short stories… making different types of music. And I just decided to stop travelling and see what would happen”, sagt er. Die Band verabschiedete sich also vom Stress ständiger Konzertreisen und zugleich auch von ihrer alten Plattenfirma Universal (Graffiti On The Train erscheint auf ihrem eigenen Label Stylus Records) und probierte stattdessen in einem neuen Proberaum in London einfach mal ein bisschen rum. “It was the first time we hadn’t been on tour for 15 years and it was one of the best things we ever did. When you stop and let your mind open a bit, stuff just comes into it”, erklärt Jones.

Das Ergebnis: Er führt neuerdings Regie in den Videoclips der Band, und er hat zwei Drehbücher geschrieben. Das zweite davon war so etwas für die Keimzelle für Graffiti On The Train. Drehbuch und Album erzählen die Geschichte von zwei Freunden, die nach einem schlimmen Unfall, der mit Bahngleisen zu tun hat, schleunigst das Land verlassen wollen.

Das zeigt schon: Bei den Stereophonics ist ein neues Anspruchsdenken eingekehrt. Immer bloß kerniger Rock – davon haben sie selbst die Nase voll. “I found myself walking into a studio with 40 unfinished ideas, rather than 10 finished ones. And by doing that the songs became way more unpredictable”, sagt Jones und ergänzt noch schnell die wichtigste Prämisse für das achte Album seiner Band: “The first person I wanted to surprise was myself.”

Das Problem dabei: Kelly Jones, Richard Jones (Bass), Adam Zindani (Gitarre) und Jamie Morrison (Schlagzeug) sind mit diesem Anspruch völlig überfordert. Sie sind, um noch einmal Tristesse Royale zu bemühen, viel zu sehr gefangen im Rock, um wirklich innovativ werden zu können. Das Ergebnis ist ein Album, das in dieser Form schon vor 15 Jahren langweilig und unmodern gewesen wäre. Graffiti On The Train klingt, als wollten die Stereophonics unbedingt beweisen, dass Gitarrenmusik tatsächlich tot ist – leider aber mit den Mitteln der Gitarrenmusik.

We Share The Same Sun ist genauso hohl wie der Titel es vermuten lässt, versucht sich mit einem Pseudo-Coldplay-Refrain und am Ende mit schlecht geheuchelter Leidenschaft. Man kann das Stück kaum ernsthaft als „Song“ bezeichnen, so wenig Ideen gibt es im ersten Lied dieses Albums. Der Schluss von Graffiti On The Train hat dasselbe Problem: In No One’s Perfect gibt es den nach wie vor kompetenten Gesang von Kelly Jones, aber sonst bloß ein großes Nichts. Keines der Lieder dazwischen trifft irgendeinen Nerv, nicht beim ersten Hören und nicht beim achten Durchlauf.

Das Schlimme daran: Stereophonics geben sich hörbar Mühe, nicht langweilig und gestrig zu sein. Die Single Indian Summer setzt auf Killers-Theatralik, Catacomb versucht ein bisschen Kasabian-Rabaukentum, In A Moment wird dezent elektronisch, auf Take Me wird zur Verstärkung sogar Jakki Healy als Duettpartnerin herangefahren, die Freundin von Kelly Jones (“She came in to do the demo and we thought, ‘well that’s beautiful’, and we never touched it again“, erklärt der Sänger diese fragwürdige Wahl).

Violins And Tambourines bleibt drei Minuten lang akustisch und schwillt dann mächtig an. Roll The Dice gönnt sich ein Finale mit Pauken und Trompeten, irgendwo zwischen Live And Let Die-Bombast und Guns’N’Roses-Größenwahn. Auch Graffiti On The Train merkt man an, wie ambitioniert die Band diesmal ist, es gibt eines von vielen unnötigen Gitarrensoli und dazu ein ganzes Orchester – die Streicherarrangements dabei hat Filmkomponist Kevin Arnold (unter anderem Godzilla und Independence Day) übernommen. Die Melodieführung in der Titelzeile erinnert vage an Mike Oldfields 30 Jahre alten Hit Shadow On The Wall. Bevor man solch peinliche Bezugspunkte erreicht, sollte man sich eigentlich zur Ruhe setzen – auch wenn das für Rocker eben schwierig ist.

Mit Been Caught Cheating, einem (ausgerechnet!) sehr klassischen Neo-Blues im Stile von Primal Scream, gibt es immerhin auch ein brauchbares Lied. Ansonsten ist das Einzige, was man an Graffiti On The Train gut finden kann, der Mut der Stereophonics, etwas Neues zu probieren. Kelly Jones weiß sehr wohl, dass die Band damit auch scheitern kann: “I don’t care if the album fails or succeeds. I just feel so comfortable with what it is. And I’m not saying it’s the best thing I’ve done. But it’s certainly the most comfortable I’ve ever felt with something.”

Stereophonics spielen Indian Summer live:

Homepage der Stereophonics.

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