Hingehört: The Beach Boys – „That’s Why God Made The Radio“ 2


Nostalgie ist die wichtigste Zutat für "That's Why God Made The Radio".

Nostalgie ist die wichtigste Zutat für „That’s Why God Made The Radio“.

Künstler The Beach Boys
Album That’s Why God Made The Radio
Label Emi
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***

Zuerst die Fakten: Keine andere amerikanische Band hat so viele Alben oder Singles verkauft wie die Beach Boys. Keine hat es geschafft, drei Dutzend Hits in die Top40 zu bekommen. Schon seit einem knappen Vierteljahrhundert ist die 1961 gegründete Band in der Rock’N’Roll Hall Of Fame. Und nun gehen die Beach Boys erstmals seit 46 (!) Jahren wieder mit Mastermind Brian Wilson auf Welttournee, mit That’s Why God Made The Radio gibt es zudem ein neues Album, bei dem alle noch lebenden Originalmitglieder mitwirkten.

Wie soll man sich so einer Platte nähern? Ehrfürchtig? Wohlwollend? Dankbar? Skeptisch? Darf man hier Legenden auf dem kreativen Höhenflug bewundern oder muss man Altherrenrock befürchten, der nur mal kurz die persönliche Rentenkasse aufbessern soll?

Die Antwort darauf lautet: Es ist egal. Denn das Beeindruckendste an That’s Why God Made The Radio ist die Selbstverständlichkeit dieser Platte. Brian Wilson, Mike Love, Al Jardin, Bruce Johnston und David Marks musizieren auf ihrem 29. Studioalbum nicht nur so, als seien sie nie getrennt gewesen. Sie klingen auch so, wie die Beach Boys immer klangen: Als gebe es kein anderes Land auf der Welt als Kalifornien und als gebe es keine andere Musik als ihre eigene.

Die Platte beginnt mit Think About The Day, einem kurzen Warmsingen, das dann fast zu einem Choral wird. Das ist durchaus treffend gehört, denn in der Tat mussten sich die Beach Boys wohl erst wieder aneinander herantasten und behutsam zueinanderfinden. David Marks erlebte die Aufnahmen in den Ocean Way Studios in Los Angeles zwar „wie eine Familienzusammenführung“ und Bruce Johnston behauptet „als Freunde waren wir nie getrennt“. Aber das ist nicht nur Schönfärberei, sondern muss ein sehr gravierender Fall von senilem Gedächtnisschwund sein. Die Band war über Jahrzehnte zerstritten, es gab reichlich Rivalitäten, gekränkte Egos und juristische Auseinandersetzungen.

Umso mehr wird nun das Wiedersehen genossen. „Vor 50 Jahren haben wir etwas sehr Großes angefangen. Und jetzt feiern wir zusammen auch sehr groß“, sagt Brian Wilson. Und auch Mike Love beschwört die einstige Einheit und den Stolz auf das gemeinsam Erreichte: „Wir haben als ein Haufen Typen angefangen, die keine Ahnung hatten von Ruhm und Geld. Wir wussten, dass wir es mochten, Harmonien zusammen zu singen. Dass das Ganze dann letztendlich Bestandteil der amerikanischen Musikkultur wurde, ist schon ziemlich erstaunlich.“

Nostalgie ist die wichtigste Zutat für That’s Why God Made The Radio, aber nur einmal gerät die Platte in Gefahr, deshalb gestrig zu klingen: Beim programmatischen Titelsong. Die Melodie ist zwar ebenso makellos wie der Harmoniegesang der Beach Boys, aber insbesondere die Rhythmus-Sektion klingt arg klinisch, beinahe wie ein billiges Alleinunterhalter-Keyboard.

Viel besser gelingt das thematisch ganz ähnlich angelegte Spring Vacation. Unnachahmlich wird da der Californian Way Of Life zelebriert: „Driving around / living the dream / I’m cruisin’ the town / diggin’ the scene“, beginnt der Text, und wenig später erklingt genau die Art von Refrain, den man von den Beach Boys gerne hören will: „Spring vacation / good vibrations / summer weather / we’re back together“. Auch sonst gibt es auf dem Album immer wieder die Jugendsprache von vor 50 Jahren, aber Spring Vacation preist die Vergangenheit genauso wie die Chancen, die die Gegenwart bietet – etwa auf Versöhnung.

Auch das beste Lied dieses Albums geht in diese Richtung. Isn’t It Time wäre auch dann ein famoser Song, wenn er nicht mit all der Geschichte und Würde dieser Band gesalbt wäre. Es gibt nur ein bisschen Percussions, eine Ukulele, eine Gitarre und ein paar Bläser, dazu die traumhaften Stimmen der Beach Boys. Das klingt beinahe, als sei Brian Wilson irgendwann in den vergangenen Jahren einmal zu Snoop Doggs Drop It Like It’s Hot durch seinen Sandkasten getänzelt – eine irre Vorstellung.

The Private Life Of Bill And Sue setzt auf Marimbas, Steeldrums und ein tolles Saxofon und klingt tatsächlich wieder wie die Strandjungs von einst, vor allem im himmlischen a-cappella-Teil am Ende. Daybreak Over The Ocean holt My Bonnie Is Over The Ocean auf die Fantasie-Insel Kokomo, samt einem spanischen Gitarrensolo. Im tanzbaren Beaches In Mind ist dann endlich auch wieder vom Surfen die Rede, From There To Back Again arbeitet sich von verträumt zu beschwingt vor und das Finale Summer’s Gone ist nicht nur wunderschön wie das gesamte Album, sondern auch altersweise.

That’s Why God Made The Radio hat noch einen weiteren erstaunlichen Effekt, der sogar über schwächere Momente wie das etwas gewöhnliche Shelter oder das nicht ganz zwingende Strange World hinweghilft: Das neue Album und die Ankündigung der Welttournee verstärken einander, was die künstlerische Glaubwürdigkeit angeht: Wären die Beach Boys ohne neues Material bloß auf Tour gegangen, hätte man ein schamloses Cash-In vermuten können. Hätten sie diese Platte gemacht, die immer wieder die Harmonie beschwört, ohne zugleich zu beweisen, dass sie es wirklich wieder über einen längeren Zeitraum miteinander aushalten, denn würden einige dieser Lieder nichts weniger als verlogen klingen. Aber in Kombination funktioniert das blendend – eine höchst willkommene Rückkehr.

CBS berichtet über das 50. Jubiläum und das Comeback der Beach Boys:

Die Beach Boys bei MySpace.


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