The Flaming Lips – „The Flaming Lips And Heady Fwends“


Künstler The Flaming Lips

Ke$ha albert mit Wayne Coyne herum. Und 12 andere Künstler, die nicht auf dem Cover sind, auch.

Ke$ha albert mit Wayne Coyne herum. Und 12 andere Künstler, die nicht auf dem Cover sind, auch.

Album The Flaming Lips And Heady Fwends
Label Bella Union
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung

Ein Top-10-Album in den USA (Embryonic im Jahr 2009) und eins in England (At War With The Mystics, 2006). So sieht die Erfolgsbilanz der Flaming Lips aus. Nach beinahe 30 Jahren im Musikgeschäft ist das keine allzu stattliche Ausbeute.

Ohne Zweifel sind die Flaming Lips bekannter für ihre irren Ideen als für ihre Songs. 1997 haben sie ein Album gemacht (Zaireeka), das man nur auf vier Stereoanlagen gleichzeitig hören konnte. Ende Juni haben sie acht Konzerte innerhalb von 24 Stunden gespielt, um ins Guinness Buch der Rekorde zu kommen. Und ihre EP Gummy Fetus aus dem vergangenen Jahr war ein USB-Stick, der in einem Fötus aus Weingummi versteckt war.

All das stellt die Wirkung ihres musikalischen Schaffens immer wieder in den Schatten. Trotzdem schafft es die Band aus Oklahoma City problemlos, zeitlos cool und jedermanns Liebling zu sein. Die Plattenfirma, zu der sie gerade gewechselt sind, feiert ob dieses Deals fast mehr als die Band, schließlich habe man nun „one of our all-time favourite bands“ unter Vertrag nehmen können. Das Q Magazine empfiehlt, man solle auf keinen Fall sterben, bevor man die Flaming Lips live erlebt habe. Und wenn sich Frontmann Wayne Coyne auf die Suche nach musikalischen Partnern macht, dann bekommt er mühelos Megastars wie Nick Cave und Ke$ha, Chris Martin und Yoko Ono ins Studio.

Sie alle sind auf The Flaming Lips And Heady Fwends vertreten, dem 13. Studioalbum der Flaming Lips. Die Songs entstammen Zusammenarbeiten für EPs der Gastkünstler oder spontanen Sessions zwischen Konzerten. Auf Vinyl ist das Werk schon am 21. April erschienen (zum Record Store Day, damals übrigens mit winzigen Blutproben der beteiligten Künstler als besonderes Gimmick), jetzt gibt es die 13 Tracks auch auf CD. Allerdings mit einer Veränderung: Chris Martin ist – womöglich aus rechtlichen Gründen – nicht mehr dabei, sein Beitrag wurde durch Tasered And Maced ersetzt, eine Zusammenarbeit mit Aaron Behrens (Ghostland Oberservatory), die nun das Ende des Albums bildet und eine hübsch spinnerte Geschichte von Polizeigewalt erzählt.

Auch davor klingen die Flaming Lips noch experimenteller, als man das von ihnen ohnehin kennt. Natürlich stecken in dieser Platte wieder ein paar schöne Melodien wie in Girl, You’re So Weird (mit New Fumes) kurz vor Schluss, aber sie sind gut versteckt inmitten von reichlich Quietschen, Rauschen, Fiepen. 2012 (You Must Be Upgraded) mit Ke$ha beginnt als aggressiver Zukunfts-HipHop und verwandelt sich dann in sanfte Flöten-Psychedelik. Helping The Retarted To Know God legt die Vermutung nahe, Edward Sharpe & The Magnetic Zeros seien in Wirklichkeit Marsmenschen, die sich bloß mit irrer Gesichtsbehaarung als Folkies getarnt haben. Supermoon Made Me Want To Pee (mit Prefuse 73) ist eigentlich kein Lied, sondern ein Inferno.

An Children Of The Moon, der Zusammenarbeit mit Tame Impala, hätte auch der junge Marc Bolan seine Freude gehabt: Es gibt eine schrottige Akustikgitarre, eine Heliumstimme und reichlich Geräusche aus einer anderen Dimension. Irgendwo unter all der Verzerrung und dem schrägen Chor von That Ain’t My Trip (mit Jim James von My Morning Jacket) behauptet sich tatsächlich so etwas wie ein Groove. Das abenteuerliche I’m Working At Nasa On Acid, gemeinsam mit Lightning Bolt entstanden, klingt genau so, wie der Titel das vermuten lässt. Das Erstaunlichste am Yoko-Ono-Track Do It! ist, dass sie darauf nicht wie eine 79-Jährige klingt, sondern wie eine 19-Jährige.

Zu den Höhepunkten zählt You Man, Human???, sehr heavy und dank der Sprechstimme von Nick Cave sicherlich sehr nah dran an der Musik, die einst im Kopf von William S. Burroughs erklang. Die Frage Is David Bowie Dying? beantworten Neon Indian im gleichnamigen Track mit einem eindeutigen „Nein, er wird unsterblich sein.“ Herrlich ist das, was Erykah Badu aus Ewan MacColls The First Time Ever I Saw Your Face gemacht hat. Ihre 10-Minuten-Coverversion ist intensiv, sphärisch, betörend. Das Lied ist so traumhaft, dass die Sängerin mittlerweile sogar die Kontroverse um das dazugehörige Video vergeben hat, in dem Erykah Badu angeblich nackt zu sehen ist (erst schimpfte sie, die Veröffentlichung niemals erlaubt zu haben, dann behauptete sie bei Twitter, die nackte Frau im Video sei ihre jüngere Schwester).

Mit Bon Iver entstand die verstörte Ballade Ashes In The Air, die vielleicht den Schlüssel zur Beliebtheit der Flaming Lips enthält. „You and me / we’re all so fucked up“, lautet eine Textzeile, und es ist wohl dieses Gefühl, das viele Musiker zu Wayne Coyne hinzieht: Der Typ ist kaputt, aber er hat den Mut, das auch auszuleben. Und er hat deshalb alle Bewunderung dieser Welt verdient.

Für Songs und Videos wie das von Supermoon Made Me Want To Pee haben die Engländer wohl den Begriff „far out“ erfunden:

Homepage der Flaming Lips.

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