The Gaslight Anthem – „American Slang“ 3


Künstler The Gaslight Anthem

„American Slang“ ist ein Trostpflaster in Zeiten der Krise.

Album American Slang
Label SideOneDummy
Erscheinungsjahr 2010
Bewertung

Heute morgen bin ich von meinem iPod mit The River von Bruce Springsteen geweckt worden. Natürlich ein guter Start in den Tag, eine Hyme, ein Tearjerker, voller Aufbegehren – und doch eines der romantischsten Lieder überhaupt. Bei der Zeile „I remember her sliding in her mother’s car“ kann man auch nach 30 Jahren noch leicht eine Gänsehaut bekommen.

Und da wurde mir klar: Es sind Zeiten wie diese, in denen die Sehnsucht entsteht. Die Sehnsucht nach großen Gefühlen, echten Werten und unbedingter Authentizität. Der Wunsch, etwas zu finden, das Bedeutung hat. Jemanden an seiner Seite zu wissen, an den man glauben kann.

Denn die Krise, in der alles wankt, vieles fragwürdig ist und nichts sicher erscheint, erschüttert nicht nur unser Sparbuch, unsere Altersvorsorge oder die Urlaubsplanung. Sie berührt uns vor allem auch emotional, sie raubt uns Lebensfreude, ruhigen Schlaf und Hoffnung.

Genau da setzen The Gaslight Anthem an. Seit ihrem Debüt Sink Or Swim im Jahr 2007 macht das Quartett aus den USA Musik, die beinahe berstet vor Leidenschaft. Diese Band gibt sich nie damit zufrieden, dass sie beeindruckt. Sie legt immer noch eine Schippe drauf, bis sie wirklich begeistert. Und die Texte von Sänger Mike Fallon haben oft genug genau die feine Beobachtungsgabe, genau das richtige Wort an der passende Stelle, die sie so allgemeingültig (also: besonders) machen.

Übermorgen erscheint mit American Slang ihr drittes Album, und auch diesmal gilt: The Gaslight Anthem sind eine Band, deren Lieder man nicht nur hören, sondern selbst in Zeiten von MySpace und Spotify auch haben (also tatsächlich: kaufen) will. Ihre Textzeilen scheinen nicht auf einem profanen Notizblock das Licht der Welt erblickt zu haben, sondern wirken wie abgelesenen von (oder gemacht für) Unterarm-Tätowierungen. Dies ist Musik, die «noch in ferner Zukunft Bestand haben wird», wie der NME schon über den grandiosen Vorgänger The ’59 Sound geschrieben hat.

Auf American Slang perfektioniert die Band ihren Sound, der sich nach wie vor sehr praktisch mit zwei Worten beschreiben lässt (da isser dann wieder): Bruce Springsteen. Auch der wurde in Zeiten der Rezession zum Anker für den kleinen Mann, auch er kannte den blue-collar-Puls und auch er erzählte die kleinen Geschichten vom großen Niedergang – und wurde als angenehmer Nebeneffekt zum Superstar.

Auf seinen Spuren wandeln The Gaslight Anthem, die genau wie der «Boss» aus New Jersey kommen, auch diesmal. Es gibt Hymnen, Inbrunst und jede Menge Aufrichtigkeit. Es gibt die Wut auf das übermächtige System, und das Wissen um die kleinen Schliche, mit dem man ihm doch ein Schnippchen schlagen kann. Das wäre womöglich arg peinlich, wenn es nicht echt wäre: Die Band stammt aus der Punk-Szene von New Brunswick, Mike Fallon ist gelernter Schreiner.

American Slang, das wie der Vorgänger von Ted Hutt produziert wurde, zeigt aber auch so etwas wie eine neue Virtuosität (wenn man bei einer Band, die aus der Hardcore-Punk-Szene kommt, solch einen Begriff gebrauchen darf). Er habe sich ein Beispiel am Musiker-Ethos von Eric Clapton genommen und «angefangen, richtig Gitarre spielen zu lernen», sagt Fallon, wenn er die Unterschiede zum bisherigen Sound erklären soll. Und er sagt: «Mit diesem Album haben wir, kurz gesagt, hart daran gearbeitet, herauszufinden, was uns ausmacht.»

Und das ist, neben Energie und Melodien, nun vor allem das Leitmotiv der Selbstvergewisserung: Wir haben noch immer das Herz am rechten Fleck. Wir sind nicht mehr ganz jung, aber «Establishment» ist noch immer ein Schimpfwort für uns. Ein paar (Frauen-)Geschichten sind schief gelaufen, aber es gibt nichts zu bereuen. Wir sind jetzt eine erfolgreiche Band, aber wir haben immer noch genug über das echte Leben zu erzählen. Vieles hatten wir uns anders vorgestellt im Leben, aber das ist kein Grund, aufzugeben.

Dazu kommt diesmal die Lust an der ganz großen Geste. Dass sie nicht nur als Gäste von Bruce Springsteen in riesigen Hallen auf der Bühne stehen wollen, sondern auch selber diese Liga im Visier haben, macht American Slang ganz deutlich. Fallon macht daraus, ganz Punk-untypisch, gar keinen Hehl: „Wir wollen nicht einfach nur eine Fußnote in der Musikgeschichte sein. We want to be The Ones, y’know?“ Und man hört der Platte an, dass hier in Großbuchstaben gesprochen wird.

Auch im Vorfeld hatten The Gaslight Anthem eine Menge getan, was sich mit Punk-Purismus nicht gut vereinen lässt, American Slang aber sicher helfen wird, ein Erfolgsalbum zu werden. Es gibt eine Extra-Website für das Album mit einem Video-Tagebuch über die Arbeit im Studio. Und die Plattenfirma verschenkt im Tausch gegen E-Mail-Adressen und Fan-Unterstützung einen akustischen Gratis-Song.

Und genauso ambitioniert klingt American Slang. Schon im Titelsong ganz am Beginn der Platte gibt es Glocken und Chöre. Bring It On setzt auf einen verspielten Call-and-Response-Gesang, The Diamond Church Street Choir schafft es, gleichzeitig die eigene Street-Credibility zu beschwören und gleichzeitig ein paar Seiten aus dem großen U2-Handbuch für Stadionrock zu reißen. Mit dem packenden Orphans und dem noch ein Stückchen besseren Boxer sind zwei echte Hits dabei.

Eines der Schlüsselstücke ist das ebenfalls sehr gelunge Stay Lucky. Der Song hat einen Refrain, der auch von Green Day stammen könnte. Der Text ist von High Fidelity inspiriert und erzählt davon, welch passende (und gefährliche) Begleiter die richtigen Platten für Nostalgie und Selbstmitleid sein können. Keine Frage: Eines Tages wird American Slang für ganz viele Menschen auch eine dieser Platten sein.

The Gaslight Anthem auf der Bühne mit ihrem Held und Mentor: Bruce Springsteen macht mit bei The ’59 Sound:

The Gaslight Anthem bei MySpace.


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