Hingehört: The Naked And Famous – „Passive Me, Aggressive You“ 3


"Passive Me, Aggressive You" hat sich völlig zu Recht als Dauerbrenner etabliert.

„Passive Me, Aggressive You“ hat sich völlig zu Recht als Dauerbrenner etabliert.

Künstler The Naked And Famous
Album Passive Me, Aggressive You
Label Fiction
Erscheinungsjahr 2010
Bewertung ****1/2

Auf Platz 4 steht Passive Me, Aggressive You gerade in den Charts von Saturn.de in der Rubrik Heavy/Alternative. Bei Amazon reicht es immerhin noch zu Platz 485 unter allen Musik-CDs. Das wäre an sich nicht weiter erstaunlich. Denn The Naked And Famous haben mit ihrem Debüt eine äußerst gelungene Platte hingelegt. Das Verwunderliche ist nur: Erschienen ist Passive Me, Aggressive You bereits im September 2010. In den Charts hat so ein altes Album normalerweise längst nichts mehr zu suchen.

Es dauerte freilich mehr als ein halbes Jahr, bis das Debüt des Quintetts aus Neuseeland überhaupt in die deutschen Charts einstieg. Nochmal ein halbes Jahr später finden sich immer noch erstaunlich viele Käufer. Das ist natürlich das Ergebnis eines cleveren Marketings. Beim MTV und Viva waren die Songs von The Naked And Famous zu hören, in Fernsehserien und Videospielen. Es ist aber auch ein Beweis für die Qualität von Passive Me, Aggressive You. Was also macht diese Platte zu solch einem Dauerbrenner?

Die Lösung ist nicht allzu schwierig. The Naked And Famous schaffen es auf Passive Me, Aggressive You schlicht und ergreifend, quasi alles auf einer CD zu vereinen, was momentan aufregend ist an Musik. Nehmen wir als Kriterium einmal das Melt-Festival (bei dem The Naked And Famous im Sommer begeisterten) und die Headliner der vergangenen beiden Jahre: Tocotronic, Massive Attack, The XX, Pulp, Paul Kalkbrenner, Robyn. Sie alle haben ihre ganz eigenen Stärken – und all diese Stärken finden sich bei The Naked And Famous.

Ähnlich wie Tocotronic haben sie nichts gegen einen hübschen Slogan. Das fängt bei den Songtiteln an (Young Blood, Girls Like You) und geht in den Texten weiter (in Frayed schaffen sie es sogar, die herrliche Studentenzeile „Procrastination baby / I had it tainted lately“ unterzubringen). Ähnlich wie die Hamburger um Dirk von Lotzow geben sie sich abseits der Bühne gerne ganz unprätentiös, haben in ihrer Musik aber durchaus Spaß an der großen Geste.

An Massive Attack könnten The Naked And Famous ihr Gespür für die richtige Atmosphäre geschult haben. The Source ist ein Beispiel dafür, das nach drei atemberaubenden Stücken zu Beginn von Passive Me, Aggressive You ein bisschen Zeit zum Luftholen gibt, dabei aber trotzdem verstörend bleibt. No Way schafft es, die Brücke von einem akustischen Intro über mächtigen Wumms hin zu einem üppigen Psychedelik-Finale zu schlagen. In Jilted Lovers erlauben sie sich sogar ein wenig Sperrigkeit und The Ends klingt eigentlich schon wie das Outro des Albums, leitet dann aber bloß über zum echten Rausschmeißer.

An The XX erinnert nicht nur das Zusammenspiel der Stimmen von Alisa Xayalith und Thom Powers. In Frayed ist es besonders betörend, wenn sie eigentlich bloß sprechen über einem Soundbett aus Gitarre und Schlagzeug, das ungeheuer heavy ist. Auch das Flüstern im etwas düsteren The Sun weist in diese Richtung.

Pulp haben nicht nur hinsichtlich der Pop-Sensibilität dieser Band Pate gestanden, sondern auch für einige der sehr cleveren Textzeilen. „What would you do if you lost your beauty / How would you deal with the light / How would you feel if nobody chased you / What if it happened tonight”, fragt Thom Powers im packenden Schlusspunkt Girls Like You. Das hat nicht nur die Poesie der Texte von Jarvis Cocker, sondern auch seine Bösartigkeit.

Ähnlich wie Paul Kalkbrenner wissen The Naked And Famous ganz genau, wie man Spannung aufbaut und die Ekstase möglichst lange am Leben erhält. Das famose Punching On A Dream ist das beste Beispiel dafür: ein paar Keyboard-Töne kündigen die Verheißung an, dann wird das Lied im genau richtigen Moment gewaltig wie eine Dampfwalze. A Wolf In Geek’s Clothing klingt, als würden The Prodigy einen Krieg gegen Manowar führen, und Kate Bush würde den Soundtrack dazu schreiben.

Von Robyn haben die Neuseeländer schließlich die Fähigkeit, gottverdammte Hits abzuliefern. Den Refrain von Punching On A Dream könnten auch die Ting Tings oder The Sounds nicht unwiderstehlicher hinbekommen. Eyes schafft es, sagenhaft kitschige Eighties-Gitarren mit noch schlimmeren Eighties-Drums zu vereinen und trotzdem einen sonnigen, modernen Kracher daraus zu machen. Und im überragenden Young Blood klingen mittlerweile schon die ersten paar Töne wie ein Klassiker. Zu 99 Prozent besteht dieses Lied aus Optimismus, aber es ist das eine Prozent Melancholie, das daraus einen großen Song macht.

Auch in punkto Eklektizismus können Robyn und The Naked And Famous (der Name stammt übrigens aus dem Song Tricky Kid von Tricky. „Wir dachten, das passt, weil sich der Songs über diese ganze Promikultur lustig macht“, verrät Schlagzeuger Jesse Wood im Interview mit news.de) als Geistesverwandte gelten. Passive Me, Aggressive You vereint Folk und Metal, Disco und Indie, Shoegaze und Pop. Der Opener All Of This hat eine Bass Drum, die in einem Technotrack nicht unerbittlicher sein könnte, der Gesang dazu ist im Refrain freilich zuckersüß wie bei den Stars, und in Summe entsteht eine Atmosphäre voller Bedrückung und dem Wissen um die unmittelbar bevorstehende Erlösung, wie sie auch die besten Songs von Joy Division auszeichnet.

Vielleicht das beste Beispiel für die Klasse dieses Albums (und auch ein guter Beleg für die fantastische Produktion, für die Thom Powers gemeinsam mit Keyboarder Aaron Short zuständig war) ist Spank. Das Lied mündet in einem atemlosen Finale, und davor ist es heavy und doch leicht, eingängig und doch komplex, plakativ und doch geheimnisvoll. So wie das gesamte Album.

Ausgelassen, aktuell und mit einem Prozent Melancholie: Das sehr hübsche Video zu Young Blood:

The Naked And Famous bei MySpace.


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