Hingehört: This Many Boyfriends – „This Many Boyfriends“


Wenig Politur, viel Herz - das sind die Zutaten bei This Many Boyfriends.

Wenig Politur, viel Herz – das sind die Zutaten bei This Many Boyfriends.

Künstler This Many Boyfriends
Album This Many Boyfriends
Label Angular
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ****1/2

“Misfits should coagulate, or congregate, and take over the world. With us at the helm.”

Diesen schönen Satz hat Jarvis Cocker zur Blütezeit von Pulp einmal gesagt, und damit so etwas wie das Manifest von Indie in die Welt gesetzt. Schließlich geht es dabei um Außenseiter, die sich zusammenschließen. Die sich gegenseitig in dem Gefühl bestärken, dass es eine besser Welt wäre, wenn alles nach ihren Vorstellungen liefe (auch wenn sie eine Minderheit sind und den Arsch nichtmal hochkriegen würden, wenn die Weltherrschaft zum Greifen nahe wäre). Und die Hoffnung ziehen aus der Tatsache, dass es noch andere gibt wie sie – und sogar die passende Musik dazu.

Wer sich in diesem Gedankengebäude zuhause fühlt (und, ganz ehrlich: jeder sollte das), der könnte in This Many Boyfriends seine neue Lieblingsband gefunden haben. Das Quintett aus Leeds schwelgt auf seinem Debütalbum immer wieder in Außenseiter-Romantik. Manchmal passiert das in der Nähe von Built To Spill wie bei Number One. Manchmal ist es beinahe naiv wie in Starling – einem Lied, in dem der Kindheit definitiv nachgetrauert wird, oder wenigstens den Teenagertagen, in denen es noch normal erschien, wenn man ein bisschen anders war. Manchmal wird es auch schräg, düster und beleidigt wie ganz zum Schluss in Everything, das beseelt ist von dem Glauben an das Gerechte in der Welt und an die Musik als Mittel auf dem Weg dahin.

Dazu kommt ein herrlicher DIY-Sound (produziert hat dieses Debüt Ryan Jarman von den Cribs), der etwa in Sometimes oder dem tollen (I Should Be A) Communist enormen Charme entwickelt. Vor allem aber entfalten This Many Boyfriends ein so großes Begeisterungspotenzial, weil sie besessen sind von Popmusik. Sie haben sich benannt nach einem Song von Beat Happening und sie verweisen auch sonst gerne auf ihren exquisiten Geschmack.

Das erste Lied beginnt nicht nur mit der grandiosen Zeile “You love pop songs about love / more than being in love in the first place”, sondern es heißt auch noch Tina Weymouth (jawohl, die Bassistin der Talking Heads) und behandelt die Frage, ob die eigene Musik-Obsession womöglich schädlich sein könnte. “I know I’m a little hard to get along with / When I set my little heart on a little something / And these films will go away, and these records they might stay / but I might be a better person if I’m without them”, lautet der Verdacht. Die Musik dazu klingt so enthusiastisch, als würden This Many Boyfriends über ihre eigenen Beine stolpern.

Auch das zackige Young Lovers Go Pop! spielt mit den Referenzen aus dem Plattenschrank. Der Song hat die Unbedingtheit der Libertines und einen Refrain, der so unfassbar mitreißend ist, wie das bei einem Lied namens Young Lovers Go Pop! eben sein muss. Das punkige I Don’t Like You (’Cos You Don’t Like The Pastels) ist witzig, aber man ahnt auch, dass dahinter echter Schmerz steht, eine Ideologie, ein gebrochenes Herz.

Die Stimme von Sänger Richard Brooke lässt immer wieder an Morrissey denken, und auch seine Texte können mit dessen Humor und Intelligenz mithalten. “Five years of not counting birthdays / has left me young to the touch but not to the mind”, singt er in Young Lovers Go Pop! Auch später wimmelt diese Platte vor tollen Zeilen wie diesen: „I should be a communist / I tried, I failed / I’m far too decadent.”

Eine große Stärke von This Many Boyfriends ist dabei, dass sie sich zwar traumwandlerisch sicher in einem Kosmos von Referenzen bewegen, aber erfreulicherweise nie in versnobbtes Namedropping verfallen, sondern selbst mit ihren größten Helden sehr frech und ganz spielerisch umgehen. «Bands merken gar nicht, wie lächerlich ihre Musik manchmal wirkt», sagt Frontmann Richard Brooke. «Deshalb ist es unsere Mission, die Musik so melodisch und einfach wie nur möglich zu halten und nicht dazusitzen und merkwürdige, sieben Minuten lange Soundlandschaften zu kreieren.»

Man hört der Platte an, dass hier kein Wert auf Politur gelegt wurde, dafür stecken reichlich Spontaneität und Herz darin. Das gilt für das hübsche Artwork von Laura Black, die zu jedem Lied ein Bildchen gemalt hat. Es gilt für die sehr umfangreichen Danksagungen im Booklet (unter anderem an Edwyn Collins, in dessen Studio This Many Boyfriends aufgenommen wurde). Und es gilt natürlich für die Musik.

Das faszinierende You Don’t Need To Worry wird von der Stimme von Hannah Botting veredelt. That’s What Diaries Are For klingt mit den Zeilen “We all got bullied at school / some of us just took it better”, als habe es der Junge aus About A Boy geschrieben. Auch hier wird die Musik wieder als Ersatz für so etwas wie soziale Integration beansprucht, auch hier müssen sich This Many Boyfriends selbst in Erinnerung rufen, dass das keine gute Strategie für die echte, harte, erbarmunsglose Nicht-Indie-Welt ist. „Fanzines aren’t friends“, propagieren sie am Ende des Lieds in bester Art-Brut-Manier (noch ein wichtiger Bezugspunkt).

Auch da ist er wieder: Der Außenseiter, der Trost sucht (und zumindest Identifikation findet) in der Musik seiner Helden. Mit einem so famosen Debüt könnten This Many Boyfriends sehr bald auch selbst zu diesen Helden gehören.

Auch schön selbstgemacht: Das Video zum großartigen Young Lovers Go Pop!

Homepage von This Many Boyfriends.

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