Hingehört: Times New Viking – „Dancer Enquired“


Das Cover von "Dancer Enquired" sieht irgendwie selbstgebastelt aus. Die Platte klingt auch so.

Das Cover von „Dancer Enquired“ sieht irgendwie selbstgebastelt aus. Die Platte klingt auch so.

Künstler Times New Viking
Album Dancer Enquired
Label Wichita
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung **1/2

Steve Jobs würde sich im Grab rumdrehen. Da lässt er in seiner Apple-Zauberbude extra eine nette kleine Software wie GarageBand entwickeln und das Programm dann sogar kostenlos auf jedem Mac einbauen. GarageBand bietet allen Hobby-Bands (und solchen, die vielleicht mal Superstars sein wollen) die Möglichkeit, ohne viel Geld sehr professionell klingende Songs aufzunehmen. Hard-Fi beispielsweise haben nur 300 Pfund investiert in ihr Debüt Stars Of CCTV – und davon dann 1,2 Millionen Exemplare verkauft.

Times New Viking scheinen noch nie etwas von GarageBand gehört zu haben. Für Dancer Enquired, ihren fünften Longplayer, ist die Band aus Ohio zwar erstmals in ein Tonstudio gegangen (und zwar, nomen est omen, unter anderem zu Columbus Discount Recordings). Das Album klingt trotzdem, als sei es in einem riesigen Schuhkarton aufgenommen. Mit einem Kassettenrekorder. Ohne Batterien. Unter Wasser. Auf dem Mond.

Das ist freilich weder verwunderlich noch schlimm, schließlich zählen Times New Viking zur Speerspitze eines Genres mit dem hübschen Namen Shitgaze. Wer damit nichts anfangen kann: Shitgaze ist wie Shoegaze, also mit mächtigen Gitarren, schrägen Gesangseffekten und wenig Hektik – aber zusätzlich mit schlechtem Sound. Guided by Voices (mit denen Times New Viking auch schon auf Tour waren) sind die Shitgaze-Überväter, auch No Age oder Wavves werden (ob sie wollen oder nicht) der Szene zugeschlagen.

Wer also den genauen Frequenzbereich seiner neuen Hi-End-Anlage ausprobieren möchte, sollte lieber nicht Dancer Enquired auflegen. Wer aber Punk mag (die Attitüde, nicht zwangsläufig die Aggressivität), Ausgelassenheit und eingängige Melodien, der ist hier ganz richtig. Der Opener It’s A Culture würde bei doppelter Geschwindigkeit gut zum Ungestüm von Be Your Own Pet passen, mit etwas mehr Politur könnten Those Dancing Days aus dem Song sogar einen Hit machen.

In Ever Falling In Love liefern sich Schlagzeuger Adam Elliott und Keyboarderin Beth Murphy ein herrlich chaotisches Gesangsduell. In der Single No Room To Live scheitert der Glamrock-Beat famos am denkbar reduzierten Keyboard und der in keiner Weise zupackenden Gitarre von Jared Phillips. Ways To Go bietet ein unwiderstehliches Orgel-Riff, in Fuck Her Tears schlummert (gut versteckt) eine Libertines-Hymne und Don’t Go To Liverpool könnte mit etwas mehr Punch durchaus ein Klassiker aus dem Ramones-Repertoire sein.

Dass Dancer Enquired trotzdem nicht umwerfend geworden ist, liegt nicht am schlechten Sound, sondern an der Herangehensweise. Der Platte fehlt schlicht ein Stückchen Raffinesse. Dass man als Lo-Fi-Sound bei den Aufnahmen gerne mal „ist schon okay, das lassen wir so“ sagt, ist naheliegend. Dass diese Attitüde hier aber manchmal schon beim Songwriting galt, hört man den schwächeren Stücken auf Dancer Enquired selbst dann an, wenn sie nicht einmal zwei Minuten lang sind (was auf 5 der 14 Stücke zutrifft). Da hilft es auch wenig, dass Times New Viking in ihren Texten gelegentlich ganz clevere Referenzen zu Pop-Klassikern einbauen (wie in More Rumours, das Gilbert O’Sullivans 1973er Hit Get Down zitiert, oder Want To Exist, das für den Refrain ein paar Zeilen von Queens Under Pressure übernimmt).

Bei seiner Betrachtung von Shoegaze und Shitgaze im NME hatte Mike Williams erkannt: „The main difference between the two is ambition – where shoegaze’s was minimal, shitgaze’s is completely non-existent.” Dancer Enquired ist leider der Beweis für diese These.

Noch 20 Jahre, dann sind wie alle Eierköppe. Behauptet zumindest das putzige Video zu Ever Falling In Love:

Times New Viking bei MySpace.

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