Hingehört: Title Fight – „Floral Green“


Hardcore ist für Title Fight eher eine Geisteshaltung als ein Genre.

Hardcore ist für Title Fight eher eine Geisteshaltung als ein Genre.

Künstler Title Fight
Album Floral Green
Label Side One Dummy
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***1/2

Wie stellt man sich einen ordnungsgemäßen Titelkampf vor? Brutal, schonungslos, wild entschlossen. Ein Kampf auf Gedeih und Verderb, ohne Abtasten, über elf Runden. Genau so klingt Floral Green, das zweite Album von Title Fight.

Das Quartett aus Pennsylvania hat seinen Sound nach dem Überraschungserfolg des Debüts Shed (produziert von Walter Schreifels) deutlich erweitert und verfeinert. Doch von ihrer Urgewalt oder gar ihrer Aggressivität haben Ned Russin (Bass und Gesang), Ben Russin (Drums), Jamie Rhoden (Gitarre und Gesang) und Shane Moran (Gitarre) nichts verloren.

Schon der wilde Opener Numb But I Still Feel It lässt daran keinen Zweifel. Das ist herrlich rotzig und rabaukig und klingt genau wie der Albtraum, von dem Ned Russin auch singt. Danach wirkt Leaf so, als würden Dinosaur Jr. und die Foo Fighters aufeinander treffen, wieder geht es um ein Trauma, und das Ganze ist so intensiv, dass kein Mensch der Band unterstellen könnte, dieser Schmerz sei nicht echt. „Wenn ich schreibe, versuche ich, wirklich gnadenlos ehrlich zu sein, obwohl das für mich auch immer ein innerer Kampf ist. Das hier ist bislang das Ehrlichste und Unvermitteltste, das ich jemals geschrieben habe. Ich bin darauf sehr stolz, aber manchmal mache ich mir auch Sorgen darüber, dass die Leute so genau wissen, wie ich mich fühle”, sagt Ned Russin über die Songs auf Floral Green.

Make You Cry, der Track, der die Titelzeile des Albums enthält, handelt von der Vergänglichkeit allen Seins, und hat offensichtlich kein Problem damit, sogleich Emo wie Hardrock und Hardcore-Punk zu sein. Letzteres ist bei Title Fight ohnehin schon immer eher eine Gesinnung als ein musikalisches Genre. „Wir sind alle Hardcore-Kids, wir alle sehen uns Hardcore-Konzerte an, wir lassen uns von Hardcore-Bands inspirieren – also sind wir dann nicht auch eine Hardcore-Band?“, fragt sich Ned Russin. Seine Antwort: „Ich habe das Gefühl, die Hardcore-Szene unterstützt uns, weil die Leute spüren, dass wir immer die gleichen Leute sein werden und dass wir nichts tun, was wir selbst als Hardcore-Kids nicht unterstützen könnten.”

Auch Gitarrist Shane Moran betont diese Mentalität: „In letzter Zeit hat sich für uns alles wahnsinnig schnell entwickelt. Es gibt diese ganzen Profis aus dem Musikbusiness, mit denen man sich einlassen muss, und die versuchen, sich ein Stück vom Kuchen zu sichern. Also versuchen wir immer, mit unseren Freunden auf Tour zu gehen, und alles, was unsere Welt betrifft, von Musikvideos über T-Shirt-Entwürfe bis hin zum Albumcover, wird von Leuten gemacht, mit denen wir befreundet sind.“

Man hört Floral Green diese Bodenständigkeit, diese No-Bullshit-Attitüde und dieses Herzblut an, ebenso wie das Beharren darauf, keine Kompromisse zu machen, weil man sich schon im täglichen Leben ständig verbiegen muss. Frown ist das eklatanteste Beispiel für die Vertonung dieses Frusts. Es geht um Langeweile, Verlogenheit und Hoffnungslosigkeit, aber gegen deren Existenz wird nicht rebelliert – sie wird nur konstatiert. Auch Lefty geht in diese Richtung, mit einer Intensität, einer Grundsätzlichkeit und einem Beleidigtsein, wie das eigentlich nur Pubertierende hinbekommen.

Das Schöne dabei: Ganz ähnlich wie die unbedingt geistesverwandten Pissed Jeans sehen Title Fight zwar reichlich Grund zum Kotzen, aber keinen Grund zum Jammern. Ihr Gegenrezept heißt Power, im wilden Sympathy, das an die frühen Therapy? denken lässt, oder in Calloused, das erahnen lässt, wie es klingen könnte, wenn sich Motörhead jemals an einem Nirvana-Cover versuchen sollten.

Manchmal kommt etwas Licht in diese Welt, etwa in Like A Ritual oder der Ballade (!) Head In The Ceiling Fan. Mit Secret Society gibt es sogar ein Lied, das man sich – wenn man ein hübsches Keyboard hinzufügen würde und eine Stimme, die nicht nach einem ostgotischen Feldherrn im Todeskampf klingt – sogar von den Wombats vorstellen könnte, denn neben der obligatorischen Selbstanklage gibt es hier auch ein gutes Riff, veritablen Drive und eine durchaus erkennbare Melodie. Doch auch, wenn Title Fight mal einen Gang zurückschalten wie ganz am Ende in In-Between gilt: Versöhnung ist nicht. Das ist beim Boxen ja auch so.

Vorsicht vor kleinen Mädchen! Das ist die Botschaft im famosen Video zu Secret Society:

Title Fight beim Tumblr.

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