Hingehört: Tokio Hotel – „Zimmer 483“


Nach "Zimmer 483" weiß man: Es gibt Schlimmeres als Tokio Hotel.

Künstler Tokio Hotel
Album Zimmer 483
Label Universal
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung **

Ganz ehrlich: Ich habe ein wenig Angst. Und daran ist Cinderella schuld. Cinderella, an diesen Namen erinnere ich mich genau, hat mir einst einen Brief geschickt. Er ist mir so gut im Gedächtnis geblieben, weil es der einzige Leserbrief war, den ich je bekommen habe. Ich hatte etwas (meiner Meinung nach) halbwegs Amüsantes über Daniel Küblböck geschrieben, und Cinderella fand das gar nicht lustig.

Ich habe also gelernt: Mit Teenagern sollte man sich nicht anlegen. Und mit Teenager-Idolen noch viel weniger. Insofern ist es in der Tat eine einschüchternde Lage, sich zum neuen Album von Tokio Hotel äußern zu müssen: Schreibt man, dass es großer Mist ist, wird man wohl wochenlang von kreischenden jungen Mädchen verfolgt (und das auch noch aus den völlig falschen Gründen). Schreibt man, dass es an der Platte eigentlich nichts auszusetzen gibt, hat man sich bei den meisten erwachsenen Musikfans wohl für alle Zeit disqualifiziert.

Die Frage, warum so viele Leute diese Band derart unerträglich finden, ist dabei mindestens ebenso schwierig zu beantworten wie die Frage, warum so viele Kids Feuer und Flamme ausgerechnet für das Quartett aus Magdeburg sind. Beide Fragen stellen sich beim Hören von Zimmer 483 um so mehr. Natürlich ist der CD gleich ein Zettel beigelegt, der zum Kauf von Postern und Klingeltönen aufruft. Natürlich stammen die meisten Kompositionen – wie schon beim Debüt Schrei – von ausgefuchsten Profis, die ihr Handwerk schon so unterschiedlichen Künstlern wie Marianne Rosenberg, Bed & Breakfast, Vicky Leandros oder Patrick Nuo zur Verfügung gestellt haben.

Entsprechend vergeblich sucht man hier nach Rebellion oder zumindest Authentizität. Doch das ist auch kein Wunder: Bill, Tom, Georg und Gustav haben keinen Grund, gegen ein System anzukämpfen, in dem sie seit zwei Jahren wie in einem einzigen Rausch ihren Traum leben können, und sie haben kaum eine Chance, irgendein Leben außerhalb der Branche zu führen, deren wertvollstes Gut sie derzeit sind: Zimmer 483 erreichte gestern natürlich auf Anhieb die Spitze der deutschen Charts. Man darf nicht übersehen: Tokio Hotel sind noch immer so jung, dass zwei von ihnen nicht Auto fahren dürfen – und entsprechend unbedarft.

Doch wenn man all das vergisst, machen diese vier Jungs ganz normale Rockmusik. Juli beispielsweise fabrizieren durchaus ähnliche Sounds wie die Single Übers Ende der Welt, haben aber dennoch so etwas wie ein glaubwürdiges Indie-Image. Einige Songs wie Spring nicht erinnern gar an Bon Jovi, die mitunter noch immer als harte Männer gelten.

Am meisten erstaunt an dieser Platte, wie konservativ sie ist. Es gibt hier ganz viel, mit dem sich Teenager identifizieren können, aber nichts, weswegen sich deren Eltern Sorgen machen müssten. Es gibt kein einziges wirklich schlechtes Lied und zwei richtig gute (das wilde Wo sind eure Hände dürfte bei Konzerten für den einen oder anderen Kreislaufkollaps sorgen; der Feger Reden ist ebenso unbeschwert wie unanständig).

Unterm Strich kann die Republik beruhigt sein: Der jüngere Teil darf davon ausgehen, dass Tokio Hotel ihre sagenhafte Erfolgsgeschichte noch eine Weile fortschreiben werden. Der ältere sollte sich klar machen, dass es bei Gott schlimmere Vorbilder für die Jugend des Landes geben könnte. Immerhin spielen Tokio Hotel selbst ihre Instrumente. Sie machen, so weit das ihnen möglich ist, ihr eigenes Ding. Mit dem passablen, an Silbermond erinnernden Wir sterben niemals aus haben sie auch ihren ersten selbst geschriebenen Song abgeliefert.

Das ist viel sympathischer, als seine Persönlichkeit an der RTL-Garderobe abzugeben und sich dem musikalischen Urteil von – ausgerechnet – Dieter Bohlen zu unterwerfen. Daniel Küblböck hat nur eins von beiden getan. Ich weiß, Cinderella.

Ich behaupte: Bon Jovi sind auch nicht viel härter. Der Clip zu Spring nicht:

Tokio Hotel bei MySpace.

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