Hingehört: Wise Blood – „These Wings“


Wise Blood hindert sich auf "These Wings" selbst daran, Hits zu machen.

Wise Blood hindert sich auf „These Wings“ selbst daran, Hits zu machen.

Künstler Wise Blood
EP These Wings
Label Loose Lips Records
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ***1/2

Dort, wo die meisten Karrieren enden, da fing die Karriere von Wise Blood an: auf dem Friedhof. Christopher Laufman aus Pittsburgh, der hinter dem Projekt steckt, arbeitete ein Jahr lang als Totengräber. Als er dort auch Kinder beerdigen musste, war das die Initialzündung für einen neuen Blick auf sein Leben: “I felt bad for myself because I got out of a long term relationship, but then I realized that this dead kid was just nine years old. It helped me embrace life, even the terrible shit.“

Diese Erkenntnis setzt Wise Blood (den Namen hat ihm sein Großvater gegeben, in Anspielung auf einen Roman von Flannery O’Connor) in seiner Musik um. Das erste Ergebnis war die EP +, nun folgt mit These Wings das nächste Kapitel. Es ist ein verwirrendes, faszinierendes, intensives Werk geworden.

„I wanted to make pop songs but have them be a collage from different sources to make something new,“ hat er Pitchfork erzählt, als der Trendsetter-Blog ihn in seiner „Rising“-Kategorie vorgestellt hat. „I really want to focus on melody, I think it’s one of the most important aspects of music, being able to mix noise and melody and have it work right.“ Ein gutes Beispiel dafür ist der letzte der sieben Tracks auf These Wings. “Shooting for the moon / living with the stars couldn’t be very hard / I still believe that I was meant for those things”, singt Wise Blood offensichtlich ohne ironischen Unterton im bezeichnend betitelten Penthouse Suites. Dieses Selbstbewusstsein, dieser Materialismus, diese Melodie – all das könnte R. Kelly sein. Aber der Song besteht fast nur aus Orgel und Schlagzeug und klingt deshalb allenfalls wie eine Zombie-Variante von R. Kelly.

Auch anderswo hat Wise Blood kein Problem damit, das ganz große Pop-Lexikon rauf und runter zu zitieren, gleichzeitig aber destruktiv und schräg zu bleiben (und sich für das Pressefoto, denkbar unglamourös, beim Pinkeln ablichten zu lassen). Der Opener Fantasize ist zusammengesetzt aus rückwärtslaufendem Indianergesang, Hundegebell, einem Solo zwischen Klavier und Steeldrum und einem Rap, den Prince nicht schlüpfriger klingen lassen könnte.

Danach klingt Darlin’ You’re Sweet wie Hurts, wenn Darwin Deez sie in den Schwitzkasten nehmen würde. Die Single I’m Losing My Mind ist noch so ein digitaler Tearjerker, in dem Wise Bloods Stimme (die ein bisschen an Jack White gemahnt) glänzen kann, Nosferatu baut eine defekte Coldplay-Gitarre ein, The Lion führt die Tuba in die Welt des Dubstep ein.

Wise Blood hindert sich selbst daran, Hits zu machen, und trotzdem macht These Wings großen Spaß. Denn man merkt der EP in jedem Moment an, wie viel Kreativität hier drin steckt. Man darf davon ausgehen, dass da noch mehr kommt, und dass Wise Blood daran seine Freude haben wird. Im Gespräch mit Pitchfork hat er schließlich sehr überzeugend geschlussfolgert: „If I want to read more great things about me, I have to put out more great music.“

Wasser, Wald und Wirrniss: Das Video zu Nosferatu ist eine schöne Entsprechung der Arbeitsweise von Wise Blood.

Wise Blood bei MySpace.

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