Hippo Campus – „Bambi“


Künstler Hippo Campus

Hippo Campus Bambi Review Kritik

#MeToo war ein wichtiger Einfluss fpr „Bambi“.

Album Bambi
Label Transgressive
Erscheinungsjahr 2018
Bewertung

„Das Einzige, worüber ich mir bei diesem Album sicher bin, ist, wie unsicher es ist“, sagt Gitarrist Nathan Stocker über die morgen erscheinende zweite Platte von Hippo Campus. „Die Menschen sollen sich gerne so verunsichert von allem fühlen wie wir selbst, weil Verwirrung eine interessante Sache sein kann. Wenn man nicht versteht, was abgeht, ist man viel aufmerksamer. Du hinterfragst die Dinge und versuchst, deine eigenen Lösungen zu finden. Daraus kann viel Gutes entstehen.“

Diese Einschätzung trifft den Charakter von Bambi sehr gut. Das 2013 gegründete Quintett aus St. Paul, Minnesota arbeitet zwar wie auf dem Debütalbum Landmark (2017) erneut mit Produzent BJ Burton (Bon Iver, Francis And The Lights, Low) zusammen, findet aber einen durchaus neuen Sound. Bambi setzt auf deutlich mehr Drumcomputer und Synthesizer, ebenso wie auf ein stärkeres Augenmerk auf Soundästhetik, Details und Finesse.

Mistakes eröffnet die Platte mit einem fast spirituellen Gesang, die Musik dazu ist beinahe ätherisch. Das folgende Anxious zeigt mit seinem verspielten Rhythmus und dem mutigen Arrangement ebenfalls, wie sich die Ambitionen und Fähigkeiten von Hippo Campus entwickelt haben. Noch deutlicher wird das in Think It Over, worin die Musik wie beschädigt, der Gesang wie bloß geträumt klingt, und der Ballade Passenger als Album-Abschluss, in der Crowded House und Talk Talk zu einem emotional erstaunlicherweise stimmigen Ganzen verwoben werden.

„Wir waren in der High School und unsere ursprüngliche Idee war es, eine Band zu gründen, die unsere Freunde zum Tanzen bringt. Es war einfach der totale kreative Spaß“, sagt Bassist Zach Sutton über die Ausgangssituation bei Hippo Campus, der die fünf Musiker erstaunlich schnell entwachsen sind. Auf Bambi gehe es viel weniger um Party und stattdessen um den Ansatz, mit Kunst die persönliche Erfahrung zu spiegeln. „Wir sagen: Das ist, was ich jetzt tue. So sieht mein Leben aus. Es geht darum, diese Erfahrung zu teilen, damit sich andere vielleicht weniger einsam fühlen, die dasselbe durchmachen.“

Dass es hier um Probleme, Sorgen und Schwächen geht, zeigen bereits die Songtitel. Gab es auf Landmark noch Vacation und eine Simple Season, gibt es diesmal etwa einen Track namens Doubt: Das Lied zeigt, dass Hippo Campus weiterhin Lust auf große Refrains haben, zum kraftvollen, mit etwas gutem Willen auch tanzbaren Sound kommt aber auch ein schwebendes Element, das dieses Fundament bricht. Why Even Try trägt den Zweifel ebenfalls bereits im Titel und wartet mit einer schlauen Dramaturgie auf, die dazu führt, dass man erst ganz am Ende merkt, wie viel Intelligenz und Intensität dieser Song auch dann hat, wenn nur Gitarre und Gesang zu hören sind.

Dass Bambi (der Titelsong verbreitet etwas Soul-Flair und zeigt die Freude der Band am Arbeiten mit Stimmen und Stimmungen) softer und tiefgründiger ist als das Debüt, hat auch mit dem Einfluss der #MeToo-Bewegung zu tun, sagt die Band: „Früher waren wir vielleicht zögerlich, wenn es darum ging, sich super-verletzlich zu zeigen. Jetzt achten wir mehr darauf, wie wichtig es ist, mit Themen wie Depression oder Angst auch offen umzugehen. Wenn mehr Männer dazu in der Lage sind, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sich diese Gefühle in Form von Wut oder Gewalt äußern.“

Honestly lässt dieses Bemühen klar erkennen und klingt wie The Strokes ohne Dreck. Als in Bubbles kurz vor der Hälfte ein brachialer Beat einsetzt, ist das eine Monster-Überraschung, so sensibel ist diese Platte bis dahin gewesen. Golden kommt am nächsten an einen Hit im Sinne des sehr heiteren Landmark-Sounds, weil die Wiederholungen nicht nur schnell für Eingängigkeit, sondern auf Dauer sogar für einen Taumel sorgen.

Zugleich verweist der Song auf eine Schwäche von Bambi, das teilweise in Steve Albinis Electrical Audio in Chicago aufgenommen wurde: So unmittelbar wie viele der Songs auf dem Debüt waren, funktioniert hier nichts. Es gibt deutlich weniger herausragende Songs, dafür ist diese Sammlung als Album stärker. Als Verlust kann man das nur bei sehr oberflächlicher Herangehensweise betrachten. Denn letztlich haben Hippo Campus nichts anderes erkannt als die Bedeutung von Reflexion. Wer sind wir? Wie ist die Welt und was macht sie mit uns? Diese Fragen stellt Bambi – und auf lange Sicht dürften sie reizvoller sein als noch eine Platte mit kurzweiligen Sommersongs.

Die Welt ist aus den Fugen – auch im Video zu Bambi.

Hippo Campus gibt es im neuen Jahr live in Deutschland.
27.02. Köln, Luxor
03.03. Berlin, Lido
04.03. Hamburg, Molotow

Website von Hippo Campus.

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