Gebt diesem Mann eine Talkshow!

Saboteur und Selbstdarsteller: Jan Böhmermann liefert auch als Humor-Experte eine tolle Show. Foto: © Stefan Fischer / S-WOK

Saboteur und Selbstdarsteller: Jan Böhmermann liefert auch als Humor-Experte eine tolle Show. Foto: © Stefan Fischer / S-WOK

Es ist vielleicht eine besonders deutsche Eigenart, dass man über Humor nicht einfach lachen kann. Man muss ihn analysieren. Auch dann, wenn er im Fernsehen stattfindet. Erst recht, wenn man auf einem Podium sitzt. Und unvermeidlich, wenn dieses Podium auch noch bei einem Branchentreff wie dem Medientreffpunkt Mitteldeutschland steht.

Spaßdefizit im Programm? lautet die Frage, die dort diskutiert wird. Die Viererrunde auf dem Podium ist zwar nicht unbedingt typisch für das Humor-Angebot im deutschen Fernsehen. Niemand repräsentiert das klassische politische Kabarett à la Neues aus der Anstalt, auch Vertreter der Kategorie Cindy aus Marzahn fehlen, ebenso wie eine Abordnung der nach wie vor beliebten Comedy-Serien von Die dreisten Drei bis Ladykracher oder Stand-Up-Formaten wie dem Dauerbrenner Quatsch Comedy Club. Trotzdem entwickelt sich eine kurzweilige, sehr amüsante Debatte.

Immer wieder kann man auch den Satz „Jetzt mal im Ernst“ hören – und dann versucht sich das Quartett sogar an Antworten auf die großen Fragen des TV-Humors.

Gibt es ein quantitatives Spaßdefizit? Nein, sagt Christian Sieh, beim NDR zuständig für das Satiremagazin Extra 3. Er erkennt stattdessen sogar eine Übersättigung. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie das noch mehr werden soll. Es gab eine große Nachfrage, und deshalb wurde ganz viel produziert. Eigentlich müsste das jetzt sein wie beim Schweinezyklus, also eher weniger werden.“

Gibt es ein qualitatives Spaßdefizit? Oh ja, meinen alle. „Über schlechte Comedy kann ich nicht lachen“, attestiert Sieh, aber er sieht trotzdem eine Menge davon im TV. „Ein guter Witz fällt einem nicht alle zwei Minuten ein. Man kann nicht 24 Stunden Programm mit Witzen füllen“, lautet seine Erklärung für das oft niedrige Niveau.

Gibt es ein personelles Spaßdefizit? Wie man’s nimmt, lautet der Tenor. Sieh verrät, dass es im NDR mittlerweile sogar eine Teamleiterin Humor gebe, die unter anderem den Tatortreiniger gegen Widerstände durchgesetzt habe. Reinhard Bärenz von MDR Sputnik glaubt, dass man sich um Nachwuchs keine Sorgen machen müsse. Es gebe immer genug junge Leute mit komischem Talent: „Humor braucht die richtige Persönlichkeit“, sagt er „wir brauchen da keinen Ausbildungszweig“.

Ist das Publikum überhaupt reif für richtig guten Humor? Nein. Man würde den Zuschauern ja gerne bessere Comedy bieten, aber die seien leider meist nicht daran interessiert. „Was die Macher lustig finden, wird vom Publikum oft nicht verstanden“, erklärt Bärenz dieses Dilemma. „Je anspruchsvoller der Humor ist, desto später rückt die Sendung in den Abend hinein“, hat Moderator Michael Bollinger erkannt. Sieh kommt zu einem ähnlichen Schluss, auch für seine eigene Sendung: „Es gibt ein breites Angebot im deutschen Fernsehen. Das Problem ist nur: Es guckt ja keiner. Ich weiß, dass wir intelligenten Humor machen. Ich weiß aber auch, dass wir nicht massentauglich sind.“

Es ist voll im Studio 5 - vor allem dank der Böhmermann-Fans. Foto: Stefan Fischer / S-WOK

Es ist voll im Studio 5 - vor allem dank der Böhmermann-Fans. Foto: Stefan Fischer / S-WOK

Sehr wenig davon ist neu, nichts davon ist überraschend. Aber da ist ja auch noch Jan Böhmermann, laut Programmheft des Medientreffpunkts Mitteldeutschland mit der Berufsbezeichnung „Satiriker“ nach Leipzig gekommen und bis kurz vor dieser Debatte Chefreporter der Harald-Schmidt-Show. Er ist der Grund dafür, dass alle Stühle im Studio 5 besetzt sind, viele davon mit Studentinnen. Und er ist der Grund dafür, dass die Debatte um das Spaßdefizit viel witziger ist als fast alles, was im Fernsehen als Comedy angeboten wird. „Spaß ist, wenn mein Publikum lacht“, heißt seine lapidare Antwort, als nach einer Definition von Humor gesucht wird, und das macht er an diesem Nachmittag in Leipzig zum Prinzip.

Man darf durchaus vermuten, dass ein Stückchen Ernst enthalten ist, wenn man ihn sagen hört: „Ich hätte gerne mit meiner guten Freundin Monika Piel über den Gottschalk-Sendeplatz gesprochen. Aber sie wusste nicht, wer ich bin.“ Und man muss definitiv bedauern, dass das so ist. Gebt diesem Mann eine Talkshow! (und zwar nicht bloß eine halbe bei ZDFkultur) – diese Forderung würden wohl die meisten hier unterschreiben.

Böhmermann genießt diesen Auftritt auf ungewohntem Terrain, und gerade die seltsamen Rahmenbedingungen machen diese Podiumsdiskussion für ihn zu einer idealen Bühne. Er ist der Einzige, der von Beginn an die Absurdität der Situation thematisiert: Vier Clowns sitzen da und sollen als ganz seriöse Experten über Wesen, Kritik und womöglich gar Zukunft des Humors dozieren.

In Moderator Michael Bollinger findet er ein dankbares Opfer. Der ehemalige Radiomacher, mittlerweile Intendant einer selbst gegründeten Kleinkunstbühne, hört sich gerne reden – besonders gerne über sich selbst. Schon zum Auftakt dichtet er Goethe um (“vom Geiste befreit ist das deutsche Fernsehen”), danach verheddert er sich hoffnungslos im Versuch einer Verbrüderung mit dem Publikum (alle werden geduzt) und gleichzeitigem Zwang zur Akademisierung der Debatte (ewig lang reitet er auf einer angeblich notwendigen Nachwuchsförderung rum, auf die keiner eingehen will). “Ich alter Hase erzähl euch mal, wie es geht” – dieser Ansatz bringt zunehmend schmerzverzerrte Gesichter auf dem Podium (und im Publikum) mit sich. Spaß geht anders.

Böhmermann hebelt all das geschickt aus. Er ist vorlaut und aggressiv und hat keine Angst davor, sich angreifbar zu machen (beispielsweise mit dem Bekenntnis, dass er bei Mario Barth lachen kann). Von Anfang an nimmt er die Rolle des Saboteurs ein. „Wie? Man sollte sich vorbereiten?“, fragt er ketzerisch, als MDR-Mann Bärenz seinen ersten Wortbeitrag um eine Audio-Einspielung anreichert (eine reichlich misslungene Privatradio-Persiflage, die Bärenz selbst noch immer rechtfertigt: “Wir fanden es lustig, aber nach sechs Jahren wegen Erfolglosigkeit eingestellt.”).

Böhmermann ist Selbstdarsteller – und er ist deshalb so gut, weil er keine Schere im Kopf hat. Gefühlt gibt es bei diesem Mann keinen Filter zwischen Hirn und Mund. Das macht seine Beiträge so bissig. Das führt auch dazu, dass er trotz etlicher Spitzen gegen die Zuschauer in Leipzig immer wieder verschwörerische Blicke ins Publikum werfen und sich sicher sein kann: Die Leute sind auf seiner Seite.

In Sieh hat er einen perfekten Mitstreiter, gelegentlich spielen sie sich die Bälle zu, meist über den verdutzt in der Mitte sitzenden Bollinger hinweg. Erstaunlich: Böhmermann funktioniert nicht nur als Sidekick, sondern auch mit Sidekick.

Bei allem Klamauk hat er aber auch ein paar essentielle Beiträge zu bieten. Er wird sehr ernst, wenn es um die Unfähigkeit der ARD geht, ihre Inhalte online-gerecht aufzubereiten. Auch sonst ist die Bürokratie wohl der bisher größte Feind seiner Karriere gewesen. „Humor ist im Öffentlich-Rechtlichen besonders schwierig. Nichts ist der ARD fremder als Humor. Denn zum Humor gehört Anarchie, und die ist ihrer ganzen Organisationskultur fremd.“

Böhmermann plaudert ein bisschen aus dem Nähkästchen („Es sind tendenziell Nerds, die sich mit Humor professionell und erfolgreich beschäftigen“) und glänzt mit Anekdoten über Harald Schmidt („Eine Redaktionskonferenz bei Schmidt dauert vier Stunden, davon dreieinhalb Stunden Monolog von Harald. Im Rest der Zeit holen die Mitarbeiter Schnitzel und nicken“). Er erzählt auch, dass Spaß hinter den Kulissen zum sehr seriösen Geschäft werden kann. Und er betont, dass es heutzutage keinen Sinn mehr macht, Formate oder Gags aus dem Ausland abzukupfern, weil die Originale auch hierzulande im Netz verfügbar sind. „Man muss sich dem internationalen Wettbewerb stellen und sich selber Sachen ausdenken“, lautet seine Schlussfolgerung.

Ein Spaßdefizit, um noch einmal kurz zum Thema zu kommen, kann Böhmermann übrigens nicht feststellen. Seiner Ansicht nach gibt es „sehr viele lustige Sendungen im TV. Viele sind nicht lustig gemeint, sind aber trotzdem sehr lustig. Vor allem im MDR.“ Andere Shows seien komisch gemeint, würden aber nicht funktionieren. „Die entwickeln dann eine eigene Tragik, die auch auf ihre Art komisch ist. Komiker im BR ist so ein Beispiel. Der beste Beweis: Die ARD kann Meta-Comedy.”

Einen anderen Beitrag von mir zu diesem Event gibt es bei news.de.

Urheberrecht – Argumente für die Müllhalde

Urheberrechtsverstöße sind auch im Netz strafbar - und können schnell teuer werden. Foto: obs/Advocard Rechtsschutzversicherung AG

Urheberrechtsverstöße sind auch im Netz strafbar - und können schnell teuer werden. Foto: obs/Advocard Rechtsschutzversicherung AG

Von den „halbgaren Versuchen, sich in die Moderne hineinzuzwängen“ habe ich vor zwei Jahren geschrieben, als ich gerade zurück kam vom Medientreffpunkt Mitteldeutschland in Leipzig. Damals ging es um das Leistungsschutzrecht. Zwei Jahre später sind die Medienkonzerne diesem Blödsinns-Ziel dank beharrlicher Lobbyarbeit deutlich näher gekommen. Diskutiert wird trotzdem noch, Sven Regener sei Dank. Diesmal geht es ums Urheberrecht an sich.

Die Debatte spannt einen erstaunlichen Bogen. Es geht um Details wie die Nutzung von Schulbüchern im Unterricht oder die Frage, wer bei einer Kulturflatrate auswerten soll, welche Angebote überhaupt genutzt werden, bis hin zur Forderung nach einer weltweiten Internetverfassung oder dem Heraufbeschwören eines „Kulturkampfs“ ums Netz. Und es ist erstaunlich, wie renitent sich die etablierte Medienindustrie weiterhin weigert, die Realität anzuerkennen.

„Weltfremd“, sagt eine junge Dame hinter mir, als sich die Podiumsdiskussion zum Thema Der Konflikt ums Urheberrecht. Freiheit, Eigentum, Vielfalt dem Ende nähert. „Wo leben die denn?“, fragt sich ihr Nachbar wenig später. Ein paar Mal müssen beide kichern, und es wundert, dass auch bei den anderen Zuhörern im Saal offensichtlich die Höflichkeit regiert. Denn die Argumente von Plattenfirmen, Verlagen oder Filmstudios sind nach wie vor hanebüchen.

These 1: Wer alles kostenlos herunterlädt, kauft nichts mehr. Falsch! Moderatorin Vera Linß (Deutschlandradio) zählt gleich eine ganze Reihe von Studien auf, die das widerlegen. Filesharer gehen besonders oft ins Kino, in Norwegen wächst die Musikindustrie wieder – nicht trotz, sondern wegen eines besonders liberalen Umgangs mit der Thematik.

Dem hält Holger Enßlin aus dem Vorstand der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) einen Schaden von mehr als 20 Milliarden Euro im Jahr 2010 in Deutschland entgegen. Doch solche Größenordnungen zweifelt inzwischen selbst die US-Regierung an. Die Entwicklung habe sich in den vergangenen vier bis fünf Jahren „dramatisiert“, jetzt finde eine Konsolidierung auf hohem Niveau statt, mahnt Enßlin.

Doch wie solche virtuellen Beträge gemessen werden, ist schleierhaft. Man kann diese widersprüchlichen Aussagen ganz nüchtern betrachten wie Jan Engelmann, der für Wikimedia auf dem Podium sitzt. „Der Urheberrechtsdebatte mangelt es an empirischem Material“, sagt er, „wir wissen beispielsweise nicht, wie es mit der Zahlungsbereitschaft oder dem Unrechtsbewusstsein aussieht.“ Man kann auch auf den gesunden Menschenverstand setzen: Dass Filesharer alle Produkte auch kaufen würden, die sie sich im Netz kostenlos beschaffen, ist höchst unrealistisch.

These 2: Alle Urheber wollen Geld verdienen. Falsch! Permanent ist in der Debatte, nicht nur in Leipzig, die Rede von Intellektuellen, Produzenten, Kreativen. Doch keiner hat im Blick, dass es auch Kreative gibt, die in erster Linie ein Werk kreieren wollen, unabhängig von der Vergütung. Ein Bildhauer, der eine Skulptur schafft – weil es ihm ein Bedürfnis ist. Ein Musiker, der ein Lied schreibt – weil ihm eine Melodie nicht mehr aus dem Kopf geht. Ein Journalist, der einen Text verfasst – weil er die Ergebnisse seiner Recherche oder seine Meinung an die Öffentlichkeit bringen will. Ein Wissenschaftler, der eine Studie veröffentlicht – weil er sich Lob und Anerkennung erhofft.

Natürlich brauchen sie alle die Rahmenbedingungen, um überhaupt geistiges Eigentum schaffen zu können. Aber all diese Menschen zu „Urhebern“ zu machen, ist eine unzulässige und unnötige Justifizierung. Die Debatte wird dadurch auf einen finanziellen Aspekt verengt. „Es gibt nicht nur einen Typus Urheber“, stellt Engelmann endlich klar – er bleibt der einzige auf dem Podium, dessen Horizont so weit reicht.

Nicht zuletzt muss in diesem Zusammenhang gesagt werden: Die Freiheit der Kunst, auch die Pressefreiheit, meint natürlich nicht die Freiheit, dass sich jeder einfach das geistige Eigentum eines anderen aneignen darf. Gemeint ist aber auch nicht, dass geistige Eigentum automatisch kostenpflichtig ist oder dass die Freiheit unmittelbar an eine Garantie auf Geldverdienen geknüpft ist. Im Gegenteil: Beispielsweise die Pressefreiheit soll es ermöglichen, dass jeder – als Produzent und Konsument von Medien – an der öffentlichen Debatte teilnehmen kann. Angestrebt wird also eine möglichst große Öffentlichkeit. Die Öffentlichkeit wird umso größer, je einfacher (also auch: günstiger) diese Medien (also auch: Kopien von ihnen) verfügbar sind. In letzter Konsequenz bedeutet das: Kostenlose Inhalte, die jeder ungehindert verbreiten kann, sind der beste Nährboden für eine lebendige, informierte, pluralistische Öffentlichkeit.

These 3: Die Urheber brauchen Distributoren, um Geld zu verdienen. Falsch! Durch Piraterie würden in erster Linie die Kreativen getroffen, die Geld verdienen wollen, sagt Enßlin. Stimmt. „Dazu brauchen sie nach wie vor Vertriebswege wie Plattenfirmen, Verlage oder Kinoverleih“, ergänzt er. Stimmt nicht.

Gerade diese Behauptung führt zum Kern der Debatte: Das Internet macht nicht das Urheberrecht überflüssig, sondern die Distributoren. Jeder Kreative kann sein geistiges Eigentum heutzutage selbst vermarkten – weltweit, vom eigenen Schreibtisch aus und vor allem, ohne Zwischenhändlern ein saftiges Stück vom Kuchen abgeben zu müssen. Wer Videos bei YouTube hochlädt, kann sie von Google vermarkten lassen, Blogger können auf AdSense setzen oder auf Bezahlmodelle wie Flattr. Natürlich ist es schwierig, aus solchen Erträgen seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Aber es zeigt, dass das Netz die Macht der Urheber stärkt.

Plattenfirmen oder Verlage, die sich nun vorgeblich für die Urheber in die Bresche werfen, haben jahrzehntelang prächtig an den Leistungen der Künstler verdient (und zudem immer wieder versucht, deren Anteil am Erlös so gering wie möglich zu halten). Sie kämpfen auch jetzt nicht für die Kreativen, sondern um ihre eigene Existenz.

These 4: Ohne die Finanzkraft großer Konzerne entsteht kein neues geistiges Eigentum. Falsch! „Wir müssen Geld verdienen, nur dann können wir in neue Inhalte investieren“, erklärt Michael Müller, bei ProSiebenSat.1 für den Bereich Distribution zuständig. Weiter gedacht bedeutet das: Wenn die Distributoren nicht mehr zahlen, entstehen keine neuen Inhalte – die Medienkonzerne werden zum Motor der Produktion geistigen Eigentums.

Das Gegenteil ist der Fall: Zum einen gibt es etliche Kreative, die auch ohne finanzielle Anreize produzieren (siehe These 2). Zum anderen waren und sind die Medienkonzerne bei weitem nicht nur Förderer, sondern in mindestens ebenso großem Maße auch Verhinderer von Kultur. Jahrzehntelang haben Buchverlage die Manuskripte abgelehnt, die sie für unverkäuflich hielten. Plattenfirmen haben Demobänder weggeschmissen, denen sie keine Marktchancen einräumten. Bei Produktionsfirmen landeten Drehbücher im Müll, die unrentabel erschienen. All diese Werke sind niemals veröffentlich worden. Die Distributoren haben daraus eine riesige Müllhalde der Kreativität gemacht, weil sie in diesen Werken für sich selbst keine Gewinnchancen sahen. Das macht ziemlich gut deutlich, wie weit es her ist, mit dem Kulturförderungsbewusstsein der Rechte-Industrie.

Im Netz können all diese Werke das Licht der Welt erblicken. Jeder Urheber kann sie selbst veröffentlichen und verbreiten. Mehr noch: Durch die Digitalisierung sind die Produktionsmittel deutlich günstiger geworden, auch für die Vermarktung gibt es ganz neue, zum Teil kostenlose Werkzeuge. Kein Künstler braucht mehr Unternehmen, die behaupten, nur sie könnten ihm den erfolgreichen Zugang zum Markt gewähren.

Lange, bevor das Patentrecht erfunden wurde, gab es Erfindungen und Innovationen. Genauso würde auch ohne Urheberrechte weiter geistiges Eigentum produziert. Lediglich die Distributoren verlören dann die Macht, Gatekeeper für dessen Entstehung und Verbreitung zu sein.

These 5: Die User und die Politik müssen sich bewegen, nicht die Rechte-Industrie. Falsch! Viola Bensinger, die als Anwältin unter anderem große Medienkonzerne berät, macht auf dem Podium in Leipzig einen zunächst einleuchtend klingenden Vergleich. Es sei unsinnig, den Anbietern von Musik oder Filmen in Deutschland ein fehlendes legales Vertriebsmodell vorzuwerfen und damit Piraterie zu rechtfertigen. Übertragen auf die Analog-Welt würde dies bedeuten: „Du willst dein Auto nicht verkaufen, dann nehme ich es mir eben einfach so.“ Es gibt allerdings einen entscheidenden Unterschied: In der digitalen Welt geht es nicht um einmalig verfügbare Güter, sondern es geht um identische Kopien, bei denen das Original voll und ganz erhalten bleibt.

Dass es also um ein ganz anderes Verhältnis gibt, und dass die Digitalisierung hier längst Fakten geschaffen hat, die sich nicht mehr werden auslöschen lassen, ignoriert ein solcher Ansatz. „Man kann den Nutzern nicht vorwerfen, dass keine Geschäftsmodelle entwickelt wurden“, dreht Engelmann den Spieß um und fordert: Die Rechte-Industrie sollte nicht Kopien hinterherjagen, sondern ihre Kreativität lieber in die Entwicklung tragfähiger Geschäftsmodelle stecken.

Mehr noch: Das bisherige Treiben von Plattenfirmen, Filmstudios & Co. war kontraproduktiv, meint er: „Durch den Fokus auf die Rechtedurchsetzung wurde womöglich eine ganze Generation von Kunden verprellt.“ Da widersprechen nicht einmal die Piraterie-Gegner. Die Abmahnindustrie (pro Jahr gibt es 3,6 Millionen Auskunftsersuche bei Providern wegen möglicher Urheberrechtsverletzungen) sei ein „fragwürdiges Geschäftsmodell“, erkennt Bensinger an. Aber dieses Vorgehen zeige eben auch die Hilflosigkeit der Anbieter.

These 6: Das Urheberrecht hat jahrzehntelang funktioniert. Es muss nicht reformiert werden. Falsch! Eine ganz außergewöhnliche Vielfalt der Angebote habe das System des Urheberrechts in Deutschland hervorgebracht, schwärmt Michael Müller. Und er warnt sogleich vor Änderungen: „Da können wir stolz drauf sein und da sollten wir vorsichtig mit umgehen.” Auch Viola Bensinger sieht beim Urheberrecht keinen grundsätzlichen Reformbedarf, sondern lediglich die Notwendigkeit „flankierende Rechte“ der digitalen Welt anzupassen.

Beides stimmt nicht (zumal man Müller entgegen halten möchte: Die Vielfalt ist nicht dem Urheberrecht zu verdanken, sondern den Urhebern) und unterschätzt die Wucht des digitalen Wandels. Engelmann macht das mit einem banalen Beispiel deutlich: „Wir sind alle potenzielle Urheber. Schon mit einem Handyfoto, das wir bei Facebook einstellen, können wir dazu werden“, erklärt er und führt damit die Dimension des Problems vor Augen: „Früher war das Urheberrecht nur für Kulturschaffende relevant, heute regelt es Alltagshandlungen.“ Auch Antje Karin Pieper, Medienanwältin und Sprecherin des Berliner Initiativkreises öffentlich-rechtlicher Rundfunk, lässt daran keinen Zweifel. „Das Urheberrecht muss auf jeden Fall geändert werden. Das Prinzip, dass jede Nutzung einzeln abgegolten wird, wird nicht mehr funktionieren“, sagt sie. Es gelte, Grundrechte wie Presse- und Meinungsfreiheit, Datenschutz, Persönlichkeitsrechte oder geistiges Eigentum im digitalen Zeitalter in Einklang zu bringen. Genau so ist es.

Der kritische Blick: Burnout ist keine Mode

Der DGB stellt in dieser Woche eine Studie zu den Arbeitsbedingungen in Deutschland vor, zudem legt die IG Metall demnächst ihr Schwarzbuch Leiharbeit vor. Beides hängt eng zusammen, und beides zeigt: Das Arbeitsleben ist hierzulande oft ein idealer Nährboden für Burnout.

Diese Diagnose mag manchem wie ein Modewort vorkommen. Sven Hannawald und Jan Ullrich, Mariah Carey und Britney Spears – sie alle haben sich schon mit der Begründung “Burnout” für eine Weile aus ihrer Karriere ausgeklinkt. Sie machen eine Weltreise, widmen sich einem exotischen Hobby oder tauchen einfach für ein Jahr ab. Das wirkt einigermaßen banal, in jedem Fall harmlos. “Burnout” – das klingt vor diesem Hintergrund wie die perfekte Ausflucht für Drückeberger und Weicheier.

Ist es aber nicht. Burnout ist ein ernstes Problem, vor allem in der Arbeitswelt. Und da haben die meisten leider nicht die Gelegenheit, auf die Therapie der Promis zurückzugreifen. Urlaub und ausgefallene Hobbys kosten eine Menge Geld, und die Frage nach einem Jahr Auszeit vom Job beantworten die meisten Chefs noch immer mit einem hysterischen Lachen.

Dabei wäre ein Umdenken dringend notwendig. Druck, Existenzangst, schlechte Bezahlung – all das sind wichtige Faktoren für Burnout. Anonyme Leiharbeit oder befristete Arbeitsverträge als Dauerzustand sorgen zudem dafür, dass sich viele Arbeitnehmer nicht mehr mit ihrem Job identifizieren können, oder gar mit dem Unternehmen, für das sie arbeiten.

Immer öfter muss man permanent erreichbar sein, immer mehr Deutsche schleppen sich auch krank noch zum Dienst. All das erhöht ebenfalls die Wahrscheinlichkeit, dass man irgendwann nicht mehr kann. Oder sich zumindest die Frage stellen muss, ob man bloß noch funktioniert und arbeitet, oder ob man auch noch lebt.

Wenn Arbeitgeber solche Zustände tolerieren oder sogar forcieren, dann schaden sie sich selbst. Denn wenn die Identifikation fehlt, gerät als nächstes die Motivation abhanden, und dann die Produktivität. So viel Kurzsichtigkeit kann sich in Zeiten des Fachkräftemangels kein Unternehmen mehr leisten.

Wenn der Staat nicht endlich gegensteuert, schadet er sich ebenfalls selbst. Denn die Kosten für die Behandlung psychischer Krankheiten sind explosionsartig gestiegen – Vorbeugen ist auch in dieser Hinsicht die beste Medizin.

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Der kritische Blick: Der peinliche Zapfenstreich von Christian Wulff

Christian Wulff besteht auf einem Großen Zapfenstreich zu seinem Abgang. Dass er wochenlang ignorant alle Vorwürfe gegen sich ausgesessen und mit seiner nicht enden wollenden Kredit-/Medien-/Sylt-Affäre der politischen Kultur schwer geschadet hat, ficht den ehemaligen Bundespräsidenten offensichtlich nicht an. Heute Abend will er trotzdem mit Glanz und Gloria verabschiedet werden. Das ist unwürdig – und Christian Wulff merkt noch nicht einmal, dass er sich mit dieser peinlichen Veranstaltung vor allem selbst demütigt.

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Der kritische Blick: Das Ende der Lohn-Bescheidenheit

Bis zu 6,5 Prozent mehr Lohn und Gehalt fordern die Gewerkschaften in der aktuellen Tarifrunde. Das klingt anmaßend – ist aber überfällig. Denn mit ihrer jahrelangen Zurückhaltung haben die Gewerkschaften zwar dafür gesorgt, dass Deutschland wettbewerbsfähig ist. Das ging aber auf Kosten der Binnennachfrage und der anderen EU-Länder und hat so zur Euro-Krise beigetragen. Vor allem aber haben die Arbeitnehmer dadurch den Aufschwung verpasst. Das darf nicht so bleiben.

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Der kritische Blick: SOPA geht zu weit

Ein Tag ohne Wikipedia? Dass uns dieses Szenario vielleicht nicht unvorstellbar, aber immerhin doch sehr ärgerlich und unbequem erscheint, ist der beste Beweis dafür, wie tief das Internet inzwischen in unsere Lebensumstände eingedrungen und wie weitreichend der Wandel ist, den es ausgelöst hat. Manche wollen das allerdings nach wie vor nicht begreifen, und genau gegen diese Gruppe protestiert die englische Wikipedia-Seite heute, indem sie einen Tag lang keine Inhalte bietet. Dem Protest gegen eine drohende Internetzensur in den USA haben sich viele andere Seiten angeschlossen. Auch ich meine: Der Stop Online Piracy Act (SOPA) bedroht die Freiheit im Netz. Raubkopien kann man schließlich auch ohne neues Gesetz bestrafen.

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Der kritische Blick: Der Hokuspokus der Ratingagenturen

Wenn man selbst nicht mehr durchblickt, dann braucht man Berater. In der Antike haben sich die Kaiser deshalb Traumdeuter an die Seite geholt, im Mittelalter haben sie Astrologen beschäftigt. Heute erfüllen die Rating-Agenturen diese Rolle. Und sie geben selbst zu: Viel profunder als damals sind ihre Voraussagen auch nicht.

Trotzdem haben sie eine unfassbare Macht erlangt. Standard & Poor’s droht Deutschland gerade mit dem Entzug des Top-Ratings AAA. Dann könnten die Staatsschulden für uns alle noch teurer werden. Ich frage mich, warum sich die Politik derart von ihnen treiben lässt.

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Der kritische Blick: Alle doof, außer Guttenberg

Karl-Theodor zu Guttenberg ist zurück. Zumindest will er das alle glauben machen. Sein Buch Vorerst gescheitert soll dem CSU-Mann die Tür öffnen für das politische Comeback und die Zeit lässt sich auch noch missbrauchen, ihm den Roten Teppich auszurollen. Ich vermute: Man braucht wahrscheinlich wirklich mehr als 850 Jahre Familiengeschichte, um so viel Arroganz an den Tag legen zu können.

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Der kritische Blick: Wie unfähig ist der Verfassungsschutz?

10 Jahre konnte ein Neonazi-Trio um Beate Zschäpe mordend durch Deutschland ziehen. Verfassungsschutz und andere Behörden wissen auch jetzt noch nicht, was die Terrorzelle noch alles plante. Und natürlich hat auch keine Ahnung, ob das Trio nun auf sich gestellt war oder Unterstützer hatte. Vielleicht 10, vielleicht 20, vielleicht auch ein paar Beamte bei den Ermittlungsbehörden? Ich frage mich deshalb: Wer beschützt uns eigentlich vor so viel Inkompetenz?

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Nein heißt Nein – Der Slutwalk in Leipzig

Nein heißt Nein - das ist das Motto der Slutwalk-Bewegung.

Nein heißt Nein - das ist das Motto der Slutwalk-Bewegung.

Hautenge, knallrote Jeans. Knappes schwarzes Top. Weste mit Leopardenmuster. Und ein Mützchen, das kokett ein bisschen schief über den roten Haaren sitzt. So sieht eine Schlampe aus, würde man wohl sagen, wenn man für die Kostüme in einer Daily Soap zuständig wäre. Das Erstaunliche: Der Mensch, der in diesem Outfit steckt, ist stolz darauf, Schlampe zu sein. Und er ist ein Mann. „Es passiert eigentlich nicht, dass mich jemand Schlampe nennt. Ich bin also nicht persönlich betroffen. Aber ich möchte einstehen für die Leute, die davon betroffen sind“, sagt der Mann mit der Leopardenweste, der gerne „Ginger“ genannt werden möchte. „Jeder soll sich kleiden, wie er will. Jeder soll leben und lieben, wie er will – deshalb bin ich heute hier.“

Hier bedeutet: beim Slutwalk in Leipzig. Rund 400 Teilnehmer sind zum Aufmarsch der Schlampen gekommen. Die pünktlichen unter ihnen wirken am Treffpunkt am Connewitzer Kreuz noch einigermaßen konventionell. Die extrovertierten von ihnen kommen, wie es sich für Schlampen gehört, ein bisschen zu spät und sorgen dann doch noch dafür, dass schon rein optisch keinerlei Gefahr besteht, diesen Protestzug mit der zeitgleich stattfindenden Demo gegen die Macht der Banken zu verwechseln.

Es gibt grell geschminkte Gesichter, Miniröcke und Netzstrümpfe – jeweils bei Männern und Frauen. „Ich liebe Sex, aber ich hasse Sexismus“, „Liebe, wen Du willst“ oder „Nein heißt Nein“ steht auf den Transparenten. Es geht um sexuelle Selbstbestimmung, gegen Diskriminierung und sexuelle Gewalt und vor allem gegen das Vorurteil, vergewaltigte Frauen seien selbst schuld, wenn sie sich aufreizend kleiden.

Dieser Vorwurf stand am Anfang der Slutwalk-Bewegung. „Frauen sollten sich nicht wie ,Schlampen’ anziehen, wenn sie nicht Opfer sexueller Gewalt werden wollen“, hatte ein kanadischer Polizist bei einem Vortrag geraten. Am 3. April gingen deshalb 3000 Teilnehmer beim ersten Slutwalk der Welt in Toronto auf die Straße. Längst ist die Bewegung auch in Europa angekommen. In London, Paris, Amsterdam oder Stockholm gab es schon Slutwalks. Am 13. August fand die erste deutsche Auflage in Berlin statt.

Auch in Leipzig lassen sich neben Elementen der viel beschworenen neuen Protestkultur (derzeit 357 Mal „Gefällt mir“ bei Facebook, Live-Berichterstattung bei Twitter) auch die gute alte deutsche Bürokratie und Verkopftheit beobachten. Zu Beginn des Protestzugs werden die Auflagen des Ordnungsamts verlesen, dann hält jemand eine Rede, die eher einer Zusammenfassung aktueller Gender-Studien gleicht als einem Aufruf zum gesellschaftlichen Wandel.

In allen offiziellen Dokumenten zum Slutwalk in Leipzig, vom Flyer bis zur Homepage, wird natürlich feinsäuberlich darauf geachtet, dass hier auch mit Sprache nicht diskriminiert wird. „Die Demonstrant_innen des SlutWalk eignen sich den Begriff [Schlampe] daher an, um ihn zu dekonstruieren und gehen hierzu als solidarische Gemeinschaft auf die Straße“, heißt es etwa in der Pressemitteilung. Statt des legendären Binnen-I hat man also eine ganz neue Form der Terminologie gefunden. Demonstranten für die Männer, Demonstrantinnen für die Frauen und der Unterstrich für alles, was es dazwischen noch so gibt.

Zu derlei politischer Überkorrektheit kommt, erstaunlich für eine Veranstaltung, mit der man doch die Öffentlichkeit erreichen will, eine übertriebene Medien-Paranoia. Die Perspektive, dass Medien tendenziell im Lager des Feindes stehen und dass Journalisten einen im Zweifel lieber missverstehen (wollen) – das kennt man sonst eigentlich nur in der rechten Szene. Bittet man um ein Interview, wird zuerst misstrauisch gefragt, für welches Medium man denn zu berichten gedenke. Als zwei der Organisatorinnen ein paar Statements für ein Kamerateam abgeben, tarnen sie sich mit putzigen Masken.

Andererseits: Über die eigene Sexualität in der Öffentlichkeit zu sprechen, sich als transsexuelle Hausfrau oder als schwuler Fußballfan vor aller Welt zu positionieren (oder sich auch bloß mit Opfern sexueller Diskriminierung zu solidarisieren) – das ist nach wie vor heikel. Insofern protestieren die Teilnehmer des Slutwalk auch dafür, irgendwann ihre eigene Vorsicht ablegen zu können. Seinen echten Namen will jedenfalls niemand nennen, und schon gar nicht möchte irgendjemand für die gesamte Bewegung sprechen. „Es gibt dazu ganz unterschiedliche Ansichten bei uns im Plenum“, das ist ein ebenso niedliches wie typisches Zitat – und man möchte den Machern etwas mehr von der Lockerheit wünschen, die von den Teilnehmern hier an den Tag gelegt wird. Höhepunkt der Strenge (oder eine Sicherheitsmaßnahme nach schlechten Erfahrungen bei anderen Slutwalks) ist wohl die eigens eingerichtete Awareness-Gruppe, die solche Teilnehmer aussortieren soll, die bloß da sind, um vielleicht ein paar nackte Brüste erspähen zu können oder sich wenigstens heimlich über die Kerle in Stöckelschuhen zu amüsieren.

Für allzu viel nackte Haut ist es an diesem sonnigen Oktobertag in Leipzig allerdings ohnehin zu kalt. „Es wird sicherlich die Standard-Gaffer geben, die aus dem Fenster gucken. Aber solange niemand belästigt wird, ist das kein Problem. Wir haben ja Lust uns zu zeigen, und wir zeigen uns ganz bewusst so“, sagt Die Wölfin, eine der Initiatorinnen des Leipziger Slutwalks. „Schlampe ist ein Begriff, der von außen kommt, den wir uns aber angeeignet haben. Er bedeutet für mich, dass man seine Sexualität selbst steuert und selbst darüber bestimmen kann“, sagt sie. In ihren Augen ist es kein Problem, wenn man Schlampe ist und gleichzeitig verheiratet, Bond-Girl oder Bundeskanzlerin. „Das ist bloß eine Frage der Definition. Wir wollen zeigen: Von sexueller Gewalt sind letztlich alle Menschen betroffen.“

Die Message kommt an: Als der Slutwalk dann nach mehr als einer Stunde tatsächlich mit dem Laufen in Richtung Innenstadt anfängt, trifft er bei den Passanten offensichtlich eher auf Sympathie und Amüsement denn auf Empörung oder Feindseligkeit. Es wird getanzt, eine fast komplett in pink gekleidete Samba-Truppe spielt ihre eigene Version des MC-Hammer-Hits U Can’t Touch This, aus den Lautsprechern des einzigen Begleitfahrzeugs erklingen Lieder von Madonna und Hole. Es ist ein seltsamer, aber sympathischer Mix aus Flashmob und Love Parade, Facebook-Party und Christopher Street Day, Aktivisten und Sympathisanten.

Auch Ginger, der über einen Flyer an der Uni vom Slutwalk erfahren und dann über Facebook weitere Freunde eingeladen hat, fühlt sich in diesem Umfeld sichtlich wohl und muss trotz seiner Leopardenweste keinen Moment befürchten, dass ihn hier jemand als Schlampe beleidigen könnte. Er hofft, dass sich der Begriff nach und nach wandeln wird – ebenso wie das Bewusstsein der Menschen. „Man braucht solche aggressiven Begriffe, um die Leute zu provozieren und sie auf ein Problem aufmerksam zu machen. Vor ein paar Jahren war ,schwul’ auch noch ein Schimpfwort. Das hat sich geändert. Vielleicht kann es mit ,Schlampe’ genauso sein.“

Eine Kurzversion dieses Artikels gibt es auch bei news.de – samt Fotostrecken zu Slutwalks weltweit und in Deutschland.