Interview mit Blond


Blond Band Interview

16 Personen mussten mithelfen, damit Blond in diese Kostüme fanden! Foto: Check Your Head/Anja Jurleit

Reis mit Scheiß, nach Erfahrung der Band die übliche Künstlerspeise auf Tour, findet sich backstage nirgends. Auch Martini Sprite, wie der Name ihres gerade veröffentlichten Debütalbums lautet, gehört offensichtlich nicht zum Catering von Blond. Stattdessen gibt es auf den Buffettischen viele Sachen, die der sehr gesund aussehen – und so viele davon, als solle eine ganze Fußballmannschaft damit verpflegt werden. Passend dazu stehen reichlich Kleintransporter mit Chemnitzer Kennzeichen vor dem Künstlereingang zum Werk 2 in Leipzig, wo die Band in ein paar Stunden das letzte Konzert ihrer aktuellen Tour spielen wird. Woran das liegt, erklären Nina Kummer, Lotta Kummer und Johann Bonitz im Interview. Trotz Corona-Panik begrüßen alle drei mit einem beherzten Händedruck und geben danach spannende Einblicke in die Besonderheiten ihrer Kostüme, den Kampf gegen Sexismus und ihre Nicht-Wahrnehmung als Ost-Band.

Musikjournalisten arbeiten ja gerne mit Vergleichen. Mein Eindruck ist: Wenn eine Band so schlecht in eine Schublade passt wie ihr, greifen sie noch lieber auf diesen Trick zurück. Was war der krasseste Vergleich, der euch bisher begegnet ist?

Johann: Wir werden sehr oft mit den Cranberries verglichen. Ich habe allerdings keine Ahnung, wo das herkommt.

Nina: Seltsam ist auch, wenn man uns mit Bands vergleicht, die wir noch nie gehört haben. Dann müssen wir erst googeln, wer das überhaupt ist.

Ich bekenne mich in dieser Hinsicht auch schuldig. Wollen wir die Assoziationen mit anderen Acts durchgehen, die ich hatte, als ich Martini Sprite gehört habe? Ich hoffe, ihr könnt euch darin einigermaßen wiederfinden.

Alle: Sehr gerne.

Die erste: Tic Tac Toe. Daran musste ich beim Intro denken.

Lotta: Das habe ich auch schon gelesen.

Nina: Die haben wir allerdings nie gehört. Das war einfach deutlich vor unserer Zeit. Aber auf keinen Fall sehen wir das als Beleidigung.

Bei Sie musste ich an Courtney Barnett denken, auch wegen der feministischen Komponente. Passt das?

Nina: Die kennen wir leider nicht. Aber wir hören mal rein.

Dritter Versuch: Bei Es könnte grad nicht schöner sein habe ich mich gewundert, dass nicht einmal Peaches bisher so einen Song gemacht hat. Fühlt ihr euch in ihrer Nähe wohl?

Nina: Das ist eine Ehre! Denn sie hat für uns eine ganz wichtige Rolle gespielt. 2017 sind wir in Leipzig im Täubchenthal aufgetreten, und Peaches hat nach uns gespielt. Nach diesem Konzert haben wir gesagt: So eine Show wollen wir auch präsentieren. Die ganze Art, wie sie auf der Bühne ist – da kann man sich eine Scheibe abschneiden. Das ist unfassbar cool.

Letzter Vergleich: TLC. Die habe ich bei Sanifair Miilionär herausgehört.

Lotta: Von denen kenne ich nur Waterfalls (fängt an, den Refrain zu singen).

Nina: Geil. Das ist wieder so eine Assoziation, mit der ich nie gerechnet hätte. Wie kommst du darauf?

Mein Eindruck ist, dass ihr bei sehr vielen Songs sehr liebevoll die entsprechende Ästhetik eines Genres aufgegriffen habt. In diesem Fall eben von R&B aus den frühen 1990ern. Mit viel Bedacht fürs Detail, souverän, zugleich mit der nötigen Eigenständigkeit.

Johann: Das ist auf jeden Fall ein schönes Kompliment. Und es stimmt auch.

Heute in Leipzig geht eure erste Tour als Headliner zu Ende. Was war der Moment, der am meisten Las Vegas Glamour hatte?

Nina: Es gibt fünf, sechs Mädchen, die jetzt schon vor der Halle sitzen. Die haben das in den letzten Tagen immer gemacht. Das ist Wahnsinn.

Johann: Was für mich als Glamour zählt: Gestern musste sich unser Tonmann die Ohren zuhalten, weil die Leute so laut mitgesungen haben.

Nina: Bei dieser Tour haben wir auch eine Person mitgenommen, die sich nur um unsere Kleidung kümmert. Das ist eine Freundin von uns. Wir haben etwas schwierige Outfits, und sie sorgt dafür, dass alles gebügelt ist, gut sitzt und dass wir richtig verkabelt sind. Das fühlt sich glamourös an.

Johann: Überhaupt ist es ein Luxus, dass wir unsere Crew dabei haben. Wir sind mit 16 Leuten auf Tour.

Nina: Nicht zuletzt: Bei Sanifair Millionär werden uns immer haufenweise Sanifair-Bons auf die Bühne geworfen. Das ist mein Gefühl von Reichtum!

Haben sich die Konzerte verändert, seit das Album veröffentlicht ist?

Johann: Ja. Es ist ja unsere erste Tour als Headliner. Es ist das erste Mal, dass die Clubs immer voll sind.

Nina: Die Leute sind jetzt auch sagenhaft textsicher. Bei den vorherigen Touren hatten wir ja nur einen deutschen Song. Jetzt haben wir den Eindruck: Die Leute setzen sich wirklich zuhause hin und lernen die Texte auswendig. Wir haben ja viel Support gespielt, für Von Wegen Lisbeth oder AnnenMayKantereit, auch viele Festivals. Auch im Vergleich dazu ist es jetzt natürlich anders. Oft geht es mir auf der Bühne noch so, dass ich mich daran erinnern muss: Wir sind nicht die Vorband! Nach uns kommt gar nichts mehr! Die Leute sind alle wegen uns da!

Wir müssen natürlich auch das allgegenwärtige Coronavirus besprechen. Ich weiß nicht, wie gut eure Kenntnisse in synthetischer Biologie sind, aber wenn ihr im Labor ein Virus basteln könntet: Welche Symptome würde es bewirken und wen würdet ihr gerne damit infizieren?

Lotta: Ich würde einen Virus bauen, das nur Sexisten befällt und die Proll-Elemente aus ihrem Kopf nimmt. Zugleich würden die Gleichberechtigungs- und Toleranz-Synapsen gestärkt. Trump oder Putin könnte man das gut einflößen, dann muss der auch nicht mehr oben ohne auf einem Pferd herum reiten. Am besten wäre das Virus auch hoch ansteckend.

Nina: Wenn wir nach der Tour wieder Zeit haben, werden wir uns mal damit beschäftigen.

Lotta: Wir haben ja ohnehin so ein kleines Chemielabor, wo wir eh schon tüfteln. Zuletzt haben wir da solche Dämpfe entwickelt, die wir jetzt immer beim Konzert verbreiten. Die machen dann süchtig und die Leute müssen immer wieder zu Blond kommen. (alle lachen)

Eure Live-Show ist ja bekannt dafür, dass ihr neben den Songs noch viele andere Elemente einbindet. Gibt es Ideen, die ihr bisher aus Kosten- oder Logistik-Gründen nicht umsetzen konntet?

Nina: Ja, ganz viele. Wir sind ja große Fans von Zaubertricks und optischen Täuschungen. Wenn wir es hinbekommen könnten, dass man durch Spiegel den Eindruck hat, das Schlagzeug würde schweben: Das wäre mega krass. Oder Pyrotechnik, mehr Feuer. Ich stehe auch total auf Kitsch. Ich würde liebend gerne als Perle in einer großen, aufgeklappten Muschel stehen. Oder so eine spektakuläre, geschwungene Showtreppe herunterlaufen. Als erster Schritt wäre es aber schon einmal klasse, wenn wir in jeder Stadt unsere Konfettikanone einsetzen könnten und es egal wäre, dass wir dafür vielleicht eine Strafe für die Reinigung der Saals zahlen müssen.

Johann: Ein Fortschritt wäre auch schon, wenn die Bühne überall groß genug ist, dass Chor und Tänzer nicht übereinander stolpern.

Lotta: Auf jeden Fall schreiben wir uns solche Ideen derzeit auf. Wir hoffen einfach, dass wir irgendwann an dem Punkt sind, wo wir das umsetzen können. Das ist auf jeden Fall ein Ziel von uns. Eigentlich übertreiben wir ja jetzt schon total, was die Show angeht. Die Tänzer und den Chor können wir uns nur leisten, weil das alles Freunde von uns sind.

Ihr habt auf der aktuellen Tour zwei Stationen im Osten gespielt, wenn man Berlin mitzählt. Bei Konzerten in München oder Stuttgart: Werdet ihr da als Ost-Band wahrgenommen?

Nina: Nein. Gelegentlich wird in Interviews danach gefragt, aber bei den Konzerten spielt das eigentlich keine Rolle. Manchmal merken wir noch Unterschiede, und natürlich ist das Teil von uns. Aber ich finde es Quatsch, daraus ein großes Thema zu machen. Es ist unsere Herkunft, aber es ist nicht bestimmend für unsere Identität.

Im Intro auf Martini Sprite gibt es das Bekenntnis „Musik ist unser Leben“. Ich interpretiere das einmal mit Blick auf eure bisherige Biographie: Wahrscheinlich gab es da nie eine Zeit, in der ihr nicht ständig von Musik umgeben wart?

Johann: Das stimmt, definitiv. Wir haben auch wirklich alles dafür gegeben, jetzt als Band Musik machen zu können.

Nina: Wir haben auch schon immer sehr viel Musik konsumiert. So lange ich denken kann, haben wir immer gerne gesungen, getanzt oder irgendetwas mit Musik aufgeführt. Als wir 11-jährige Hanseln waren, haben wir zu dritt im Kirschbaum gesessen und Alben gehört, Aggro Berlin und so etwas. Das war wirklich prägend.

Johann: Eigentlich ist es ein Wunder, dass wir noch nie mit Aggro Berlin verglichen wurden! (alle lachen)

Die andere Komponente von „Musik ist unser Leben“ ist natürlich in die Zukunft gerichtet. Das Bekenntnis ist „Wir wollen nie etwas anderes machen“. Wahrscheinlich funktioniert das ja aber momentan noch nicht ganz. Was macht ihr, wenn ihr gerade nicht Blond seid?

Lotta: Von der Zeit her ist Blond gerade schon ein Full Time Job. Wir widmen die meiste Zeit des Tages der Musik. Aber wir können leider noch nicht komplett davon leben. Die Zeit, die übrig bleibt, nutzen wir deshalb, um irgendwo zu kellnern und irgendwie unseren Lebensunterhalt zu verdienen.

Könnt ihr euch Blond in 30 Jahren vorstellen?

Lotta: Ja, auf jeden Fall! Wenn wir 60 sind, wollen wir unsere große Comeback-Tour geben. Die Leute sollen völlig durchdrehen beim Gedanken: Wow, Blond spielen noch mal live!

Nina: Ich möchte auf jeden Fall, dass es dann mindestens eine Blond-Coverband gibt. Die können dann regelmäßig bei Stadtfesten spielen. Oder Doubles von Lotta, Nina und Johann, die damit ihr Geld verdienen.

Das klingt, als seid ihr bis dahin auch zusammengeschweißt.

Nina: Vielleicht hat jemand von uns irgendwann auch mal Lust auf was anderes. Aber Blond wird immer drei Leute sein. Und das soll auch so bleiben.

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