Interview mit Madsen 1


Sebastian (links) und Johannes Madsen (rechts) sehen gerne das Positive. Foto: Sony BMG/Ingo Pertramer

Sebastian (links) und Johannes Madsen (rechts) sehen gerne das Positive. Foto: Sony BMG/Ingo Pertramer

In Leipzig haben Madsen das drittletzte Konzert der aktuellen Tour gespielt. Vor der Show im Werk 2 habe ich Sänger Sebastian Madsen und Gitarrist Johannes Madsen zum Interview getroffen. Das Thema des Gesprächs sollte „Unglück“ lauten. Am Ende haben wir über Marvin Gaye gesprochen, über pubertierende Möchtegern-Kritiker, die Foo Fighters als Vorband und über ein Madsen-Lied, das die Band selbst nicht mehr leiden kann.

Als ich das letzte Mal mit euch gesprochen habe, stand gerade die Veröffentlichung von Labyrinth bevor. Ein paar Tage nach dem Interview passierte dann der Unfall beim Videodreh, der für alle ein Schock war und mit noch etwas mehr Pech das Aus für Madsen hätte bedeuten können. Deshalb würde ich mit euch gerne über das Thema „Unglück“ sprechen. Okay?

Johannes und Sebastian: Okay.

Fein, dann legen wir los. Die aktuelle Tour ist so gut wie beendet. Was war denn das größte Unglück, das euch dabei passiert ist?

Johannes: Bisher ist alles ziemlich glatt gelaufen.

Keine Panne, kein Missgeschick?

Sebastian: Doch, es ist etwas echt Blödes passiert. Zwar nicht uns, aber der Vorband. Wir wollten Walter Schreifels und seine Jungs unbedingt mitnehmen und haben gesagt: Wir geben euch ein Schlagzeug, ihr könnt unsere Verstärker benutzen, kommt einfach mit! Dann sind sie von New York aus losgeflogen, jeder nur mit einem Instrument. Und der arme Nathan, der Bassist, hat leider seinen Bass zerstört. Das Ding war gegen einen Verstärker gelehnt und ist dann einfach umgefallen.

Johannes: Der Hals ist gebrochen, das Ding ist irreparabel zerstört.

Sebastian: Der Mann ist 24 Jahre alt, das war sein erster richtiger, cooler Bass. Aus dem Jahr 1971. Extrem ärgerlich. Ich bin zu ihm hin und habe gesagt: „My heart bleeds for you.“ Aber das war vielleicht auch kein allzu großer Trost.

Das ist echt tragisch, man baut zu so einem Instrument ja eine Beziehung auf.

Sebastian: Auf jeden Fall. Meine Gitarre, auf der ich jetzt immer noch spiele, habe ich, seit ich 15 war. Die ist einfach perfekt eingespielt. Wenn damit so etwas passieren würde, müsste ich auf jeden Fall weinen.

Gut, nächste Frage: Muss man unglücklich sein, um ein guter Künstler zu sein?

Sebastian: Nee.

Aber hilft es, wenn man unglücklich ist?

Sebastian: Vielen tut das sicher gut. Ich war zum Beispiel beim Schreiben des letzten Albums nicht unglücklich, aber ich war es davor, in der Unfallszeit. Als ich dann endlich wieder spielen und schreiben konnte, ging es mir richtig gut. Aber das Unglück hat beim Schreiben schon eine Rolle gespielt, auch private Trennungen und so. Ich glaube schon, dass so etwas für gute Songs sorgt, aber es ist keine notwendige Voraussetzung. Man kann aus vielen Sachen Kreativität schöpfen. Lionel Richie hat Easy geschrieben, als es ihm richtig, richtig gut ging.

Wenn man richtig happy ist, hat man aber meistens nicht das Bedürfnis, dieses Gefühl jetzt sofort zu Papier zu bringen.

Johannes: Das stimmt. Ich glaube, dass aus dem Unglücklichsein schnell etwas Gutes entstehen kann. Man nutzt die Kunst ja dann dazu, um sich besser zu fühlen.

Habt ihr den Anspruch, mit euren Liedern auch den Hörern aus dem Unglück herauszuhelfen? Die Ärzte haben ja mal gesagt, dass sie deshalb „Die Ärzte“ heißen, weil sie ihre Fans vom Liebeskummer heilen wollen. Sollen eure Songs auch Medizin sein und Trost spenden?

Sebastian: Nein. Ich höre zwar, dass das oft passiert, und da freue ich mich auch drüber. Aber das ist nicht beabsichtigt. Da schreibe ich egoistischer. (lacht) Vielleicht passiert das auch unterbewusst. Ich bin da generell so ein kleiner Hippie: Ich verteile gerne Liebe und gute Laune, das ist einfach in mir drin. Und wenn wir ein Stück wie Mit dem Moped nach Madrid schreiben und dann fünf Typen wirklich losfahren und das in die Tat umsetzen, das ist dann echt gut.

Was hört ihr für Musik, wenn ihr down seid? Welcher Song kann euch dann wieder gute Laune machen?

Johannes: Ich höre dann keine Gute-Laune-Musik. Wenn ich down bin und das auch erkannt habe, dann will ich das richtig zelebrieren. Ich höre dann Lou Reed oder so etwas. Massive Attack, Portishead oder so. Dann hilft mir die Musik dabei, zu definieren, warum ich gerade down bin, und wenn man sich einmal so damit auseinandergesetzt hat, geht es ja auch schon wieder bergauf. So genannte depressive Musik muss ja nicht depressiv stimmen.

Es gibt also nicht den Song, der auf Knopfdruck wieder für drei Minuten Glückseligkeit sorgen kann?

Johannes: Nein. Es gibt ja immer verschiedene Lebensstimmungen, und es gibt bei mir leider noch kein Lied, das auf alle Stimmungen passt.

Sebastian: Bei mir: Mercy Me von Marvin Gaye. Das ganze Album höre ich gerne, auch wenn es mir nicht so gut geht. Der Typ hat einen ganz eigenen Ausdruck in der Stimme gehabt, das gibt mir Mut, Kraft. Mein Lieblingssänger.

Wo wir gerade bei Vorbildern sind: Es ist sicher ein großes Unglück, wenn man bei einem Festival direkt nach einer Band auf die Bühne soll, die bekanntermaßen immer eine Hammer-Show hinlegt. Vor wem würdet ihr euch da am meisten fürchten?

Johannes: Wenn die Black Keys spielen und wir sollten direkt danach raus, da hätte ich wirklich Bammel. Und bei allem, was mit Dave Grohl zu tun hat.

Andererseits eine schöne Vorstellung: die Foo Fighters als die eigene Vorband.

Sebastian: Stimmt, das wäre nicht schlecht, um 2 Uhr im Zelt (lacht). Da hätte ich Mörder-Respekt, und auch Angst. Die sind live unglaublich gut. Aber ich habe mir irgendwann angewöhnt, mit der Einstellung auf die Bühne zu gehen: Es könnte das letzte Konzert sein. Jedes Konzert ist eine Chance, jedes Konzert ist ein Highlight.

Hat das auch mit dem Sturz zu tun? Hat der ganz direkt eure Musik beeinflusst?

Sebastian: Ja, mit Sicherheit. Ich versuche immer, aus solchen Dingen langfristig das Positive zu ziehen. Dazu gehört, dass ich mich jetzt ohne Gitarre wunderbar bewegen und ganz anders auf die Leute zugehen kann. Und auch die Erkenntnis, dass es ganz schnell vorbei sein kann. Ich kann jetzt jede Show von der ersten bis zur letzten Minute genießen. Früher war ich viel ängstlicher. Ich war auch oft krank und habe mich dann vor einer Tour extra geschont, habe Sport gemacht und mich gesund ernährt. Das bringt aber nichts. Der Kopf muss frei sein und man muss Bock drauf haben. Dann kann man viel mehr schätzen, was man an der Band hat.

War das neue Album Wo es beginnt in dem Sinne so etwas wie ein Wendepunkt für Madsen?

Johannes: Im Hinblick auf die Herangehensweise auf jeden Fall. Wir haben selbst produziert, ohne Hilfe von außen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass wir das beim nächsten Album wieder so machen.

Sebastian: Wir hatten uns mit Labyrinth ja so gesehen auch neu definiert. Die neue Platte war ein Neuanfang in dem Sinne, dass wir das gemacht haben, was wir am besten können, was uns am besten steht. Dann macht die Produktion auch mehr Spaß. Aber so einen Schritt kann man auch nur machen, wenn man vorher einen Ausflug gewagt hat.

Nochmal eine Frage zum Unglück: Können euch Kritiken unglücklich machen? Lest ihr sie und nehmt ihr sie euch zu Herzen?

Johannes: Ich lese, aber nur Printmedien. Ich habe mir schon nach dem ersten Album abgewöhnt, die Sachen im Internet über uns zu lesen. Das regt mich viel zu sehr auf, und es ist viel zu undefiniert, wer da eigentlich dahinter steckt. Vielleicht ist das irgendein pubertierender 13-Jähriger, der mich dann aber am Sack kriegt – das muss ich mir nicht geben. Was ich aber, vielleicht blöderweise, wichtig finde, sind die Printmedien. Wenn ein gutes Magazin wie die Visions uns extrem verreißt, eine der wenigen Musikzeitschriften, die man überhaupt noch lesen kann, dann ärgert mich das schon. Aber es ist auch nicht so schlimm, dass ich mich dann hinsetze und weine. Umgekehrt freut es mich natürlich mindestens genauso, wenn die etwas Schönes schreiben.

Sebastian, wie sieht es bei dir aus? Du bist als Autor ja noch ein bisschen stärker betroffen.

Sebastian: Ich habe sicher nicht alles gelesen, was über das letzte Album geschrieben wurde, aber schon Einiges. Im Großen und Ganzen wird es mir immer egaler, weil wir insgesamt so viel tolle Bestätigung kriegen, dass eine schlechte Kritik im Vergleich dazu untergeht. Aber hier und da kann es auch passieren, dass mich so etwas ein bisschen ankratzt. Vor allem, wenn man mir Dinge unterstellt, die einfach nicht stimmen. Wenn jemand seine Meinung hat und schreibt „Gefällt mir nicht weil…“, dann ist das total okay. Aber wenn jemand schreibt, ich würde mein gesamtes Wissen, was Punkrock betrifft, nur aus zwei Bands ziehen, nämlich den Toten Hosen und den Ärzten, dann muss ich mich fragen: Woher willst du das wissen, du Vogel?

Gibt es Madsen-Momente, Lieder, Textzeilen oder auch Karriereentscheidungen, die ihr im Rückblick selbst verunglückt findet?

Sebastian (sofort): Jaaa.

(Johannes lacht laut)

Sebastian: Es gibt eigentlich nur ein Lied von uns, das ich nicht mehr gut finde, nämlich Sieger vom Labyrinth-Album. Ich weiß noch genau, warum ich es geschrieben habe, und in dem Moment fand ich es auch total super. Aber ich höre es mir heute nicht mehr gerne an.

Johannes: Es gibt noch ein, zwei andere Stücke, die wir früher auch gerne gespielt haben, aus denen wir aber ein bisschen rausgewachsen sind. Vor acht Jahren haben wir das noch gerne gespielt, aber jetzt sind wir einfach jemand anders. Wir stehen da noch dahinter, aber es fühlt sich komisch an, das heute noch zu spielen und zu singen. Zum Beispiel Ich rette die Welt. Es gibt aber auch Lieder wie Mein Therapeut und ich. Das haben wir ewig lange nicht mehr gespielt, aber jetzt hatten wir wieder tierisch Bock drauf.

Gab es in den acht Jahren Madsen mal eine Schublade oder Assoziation, die ihr als besonders unglücklich empfunden habt? Ein totales Missverständnis oder eine Ecke, in der ihr euch überhaupt nicht wohl gefühlt habt?

Sebastian: Oh ja, da gab es jede Menge absurde Vergleiche. Aber das wird auch immer egaler. Was interessiert es mich, wo irgendjemand uns da ansiedelt? Die Hauptsache ist, dass die Leute, die da unten stehen, abfeiern und einen persönlichen Bezug dazu haben. Madsen sind irgendwie doch ein eigener Planet, und das ist auch gut so.


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