Interview mit Pete Townshend 2


Pete Townshend zeigt sich entspannt und humorvoll.

Pete Townshend zeigt sich entspannt und humorvoll.

Mehr als 3000 Gitarren hat Pete Townshend in seinem Leben angeblich zerschmettert. Doch das Image vom Berserker hat der Vordenker von The Who längst hinter sich gelassen. Auch im Interview kann man ihn sich trotz seines festen Händedrucks kaum als Wüterich vorstellen: Townshend, der am Samstag seinen 63. Geburtstag mit seiner Freundin in Bilbao gefeiert hat, ist höflich, intelligent und voll bei der Sache.

Wenn er nach einer Antwort sucht, zieht sich die hohe Stirn manchmal ein paar Sekunden in Falten, doch das Warten lohnt sich: Die Aussagen sind durchdacht und humorvoll. Man merkt: Diese Band, dieses Album und diese Tour sind ihm wichtig. Und er weiß, wovon er spricht.

Kein Wunder: Heute gilt Townshend als einer der profiliertesten Komponisten der Popgeschichte. Er hat mit Tommy und Quadrophenia das Genre der Rock-Oper mit erfunden, er war einer der ersten Rockmusiker, die mit Synthesizern experimentierten, und er ist einer der einflussreichsten und stilprägendsten Gitarristen aller Zeiten.

Frage: Gitarrenmusik scheint vor allem in Großbritannien derzeit ein Revival zu erleben. Fühlen Sie sich dafür ein bisschen mit verantwortlich? Und wie gefällt Ihnen aktuelle Musik, die sich auf The Who und andere Sixties-Bands bezieht?

Townshend: Ich bin ein bisschen verwundert, auch erleichtert. Ich erinnere mich an die 1980er Jahre, als es so aussah, als würde Gitarrenmusik aussterben. Ich weiß noch, wie das bei unserem letzten Auftritt bei Top Of The Pops war: Duran Duran waren da und Adam & The Ants, und neben denen sahen wir aus wie alte Männer, die gern jung sein wollen. Roger hatte ein rosa T-Shirt an, und ich hatte viel Gel in den Haaren und ein riesiges weißes Sakko. Unsere Single verkaufte sich nach dem Auftritt schlechter als vorher, und da wusste ich, dass wir aufhören mussten.

Erstaunlicherweise wurden genau zu dieser Zeit zwei andere britische Rockbands ganz groß: Queen und Status Quo. Ich denke, dass sie in den 1980er Jahren die Lücke gefüllt haben, die wir hinterlassen haben. Auch Bruce Springsteen hat mir das gesagt: Er hat damals in Amerika praktisch unser Publikum geerbt. Und nun profitieren wir ein wenig davon, dass sie und später die Britpop-Bands wie Jam, Oasis, Blur und Supergrass die Sache am Leben erhalten haben. Unser neues Album knüpft genau da an, wo wir aufgehört haben.

Aber den Zeitraum dazwischen haben andere Künstler überbrückt, die natürlich in der Tradition der Beatles, Stones, Kinks und von The Who stehen: Sie machen Musik, die einerseits ernst ist, aber auch bewusst auf Unterhaltung setzt, mit Ironie spielt und sich mit den Schwierigkeiten junger Leute beschäftigt.

Frage: Sind Sie stolz darauf, dass ein Song wie My Generation auch für heutige Teenager noch immer eine Hymne ist?

Townshend: Ich weiß nicht, was er für die Leute bedeutet. Manchmal stehen bei den Konzerten Kids vor der Bühne und tanzen wild zu dem Song. Manchmal sind es alte Männer, die bloß mit dem Kopf nicken. Ich kann nicht in ihre Köpfe sehen. Ich weiß nur: Als ich den Song geschrieben habe, habe ich keinen Gedanken daran verschwendet, dass ich jemals alt werden würde.

Ich wohnte damals in einer sehr schicken Gegend, in der Nähe der chinesischen Botschaft. Ständig begegnete ich Damen in Pelzmänteln und Männern im Rolls Royce, die mir zu verstehen gaben, dass ich hier nichts zu suchen hätte. Und mein einziger Gedanke war: Ich will nicht wie ihr sein. Zum Teil ging es in dem Song darum, dass wir nicht mehr dieselben Rahmenbedingungen hatten wie die Generation unserer Eltern und Großeltern sie noch vorgefunden hatte. Auch wenn das aus heutiger Sicht schockierend klingt: Ich habe mich damals beinahe danach gesehnt, einfach ein Gewehr zu bekommen und jemanden, der mir sagt, was ich zu tun habe. Stattdessen hatten wir zwar unsere Freiheit. Aber es hätte uns jemand sagen sollen, wie man damit umgeht.

Frage: Kann Rockmusik dabei helfen? Kann sie womöglich sogar die Welt verbessern?

Townshend: Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten sich alle Leute in meiner Generation vorgenommen: Wir werden es anders machen. In gewisser Hinsicht haben wir das auch geschafft. Wir haben vielleicht nicht die Art geändert, in der die Welt regiert wird, aber immerhin die Musik und die Mode. Man kann sich schwer vorstellen, wie die Welt heute ohne diesen Beitrag aussehen würde und ob sie besser oder schlechter wäre. Immerhin haben wir angefangen, eine ganze Menge Fragen zu stellen, auch wenn die Antworten darauf vielleicht erst die Generation unserer Kinder finden wird.

Frage: Wenn Sie auf ihre Karriere zurückblicken: Was ragt heraus, worauf sind Sie besonders stolz?

Townshend: Sicherlich Quadrophenia. Es war das wagemutigste und ehrgeizigste Projekt, das ich angegangen bin. Lustigerweise war das auch die Aufnahme, über die ich am meisten Kontrolle hatte. Vor allem aber mag ich Quadrophenia, wegen der Idee, die dahinter steht. Das Album repräsentiert ganz viel von dem, wo The Who herkamen und wie es war, in den Nachkriegsjahren aufzuwachsen.

Die Mod-Bewegung gab vielen Menschen die Möglichkeit, eine Identität zu finden, einen Platz, wo sie sich zugehörig fühlen. In vielen Ländern, vor allem in Südeuropa, werde ich noch heute manchmal auf der Straße angehalten von Leuten, die mir sagen, wie sehr sie das Album lieben. Wir haben viele Hits gehabt, aber die Leute sprechen mich fast immer nur auf Quadrophenia an.

Frage: Wie läuft das Komponieren heute ab? Steht am Beginn meist eine Textidee oder eine Gitarrenfigur?

Townshend: Am Anfang ist das meistens eine sehr abstrakte Idee, und das war schon immer so. Wir waren damals Intellektuelle, wir interessierten uns für Werbung und Marketing und Images, und das war sehr vorausschauend. Denn die einflussreichsten Künstler unserer Zeit sind meiner Meinung nach Werbe-Leute, die Slogans für Firmen oder Spots für das Fernsehen produzieren. Und mir fällt das Schreiben dann leicht, wenn ich weiß, wo ich hin will. Ich möchte eine Wahrheit vermitteln, ich möchte etwas präsentieren, von dem ich zunächst nur eine grobe Vorstellung habe. Das hat eine große Ähnlichkeit mit Journalismus.

Frage: The Who spielen auf der aktuellen Tour in vielen Großstädten, aber teilweise auch in der Provinz. Trifft das Management diese Entscheidungen, oder äußert da auch die Band ihre Wünsche?

Townshend: Wir reden da schon ein Wörtchen mit. Hier in Madrid haben wir beispielsweise auch vergangenes Jahr gespielt, und das war für mich einer der Höhepunkte der Tour. Als ich sehr jung war, habe ich viel spanische Musik gehört und deshalb war ich sehr nervös, als ich zum ersten Mal auf einer Bühne in Spanien Gitarre spielen sollte. Aber dann wurde mir klar, dass vieles von dem, was ich mit meinem Körper im Konzert tue, zwischen Fußball und Flamenco schwankt – und diese Kombination sollte in Spanien ja wohl funktionieren (lacht). Am Ende war es wirklich eine gute Show, und wir waren froh, dass wir endlich einmal in Spanien auftreten konnten, wo wir noch nie zuvor gespielt hatten.

Wir versuchen durchaus, an solche Orte zurückzukehren, wenn es uns gut gefallen hat. Außerdem wollen wir gerne Konzerte dort spielen, wo wir schon lange nicht mehr waren. Letzten Endes müssen wir aber natürlich auch ein paar Tickets verkaufen. Wir haben auch schon in Barcelona vor 4000 Leuten gespielt – in einer Halle, in die viermal so viele Zuschauer reinpassen. Da wird uns dann klar: Wir haben dieses Land auch ein bisschen vernachlässigt. In England, den USA und Deutschland waren The Who immer so präsent, dass wir uns dort wirklich ins nationale Bewusstsein eingeprägt haben. Wir können dort jederzeit spielen und werden ein Publikum haben. Die Vorstellung, uns diesen Status in einem anderen Land erst erarbeiten zu müssen, hat mir hingegen wirklich Angst gemacht, weil die Welt dafür einfach zu groß ist. Aber es ist auch eine Herausforderung, und deshalb spielen wir in diesem Jahr auch an ein paar neuen Orten.

Pete Townshend in Aktion nach dem Interview: See Me Feel Me und Listening To You live in Madrid:


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