Interview mit Superpunk 4


Superpunks im Nebenjob: Carsten Friedrichs (links) und Tim Jürgens.

Superpunks im Nebenjob: Carsten Friedrichs (links) und Tim Jürgens.

Im Biergarten des Ilses Erika in Leipzig, wo Superpunk am Abend ein sehr gelungenes Konzert spielen werden, sind schon viele schräge Dinge passiert. Auch mein Interview mit Superpunk läuft nicht rund, finde ich. Ich treffe Sänger Carsten Friedrichs und Bassist Tim Jürgens, um über das neue Album Die Seele des Menschen unter Superpunk und das mittlerweile 15 Jahre währende Dasein als Top Old Boys zu sprechen. Und vor allem über, sozusagen, Ein großes bisschen Seele jetzt. Doch so recht kommt das Gespräch nicht in Schwung. Trotzdem schalten sich später noch Keyboarder Thies Mynther („Ich lade viel bei iTunes runter“) und Gitarrist Lars Bulnheim („Ich habe einen Kühlschrank entdeckt“) ins Gespräch ein. Vielleicht wollen sie sich nur davor drücken, das Equipment aus dem Tourbus zu holen. Vielleicht haben sie aber auch Gefallen an dem Gespräch gefunden, in dem es um Fußball, Bier und Rockstars mit Bürojobs geht.

Die Frage, woher der Name der Band kommt, ist wahrscheinlich die schlimmste von allen für Musiker. Deshalb frage ich nach dem Namen des Albums: Die Seele des Menschen unter Superpunk ist eine Anspielung auf…?

Carsten Friedrichs: …Oscar Wilde und seinen Essay The Soul Of Man Under Socialism.

Verdammt, das habe ich irgendwann sogar einmal gelesen, aber mir ist der Bezug nicht eingefallen. Trotzdem möchte ich mit euch gerne über die Seele sprechen. 15 Jahre Superpunk: Hat das eher zu eurem Seelenfrieden beigetragen oder hat es euch seelischen Schaden zugefügt?

Friedrichs: Mir hat das definitiv geholfen, meinen Seelenfrieden zu finden. Musik machen, die man mag, auf Tour gehen, jeden Abend gekühlte Getränke hingestellt bekommen: Das ist doch das Beste, was man sich vorstellen kann.

Es gab doch aber sicher auch Schattenseiten? Momente oder Phasen, die an euch gezehrt haben?

Tim Jürgens: Nicht so viele. Wir haben das ja immer freiwillig gemacht, hatten keinen großen Druck von außen und haben einfach geschaut, was passiert. Es hat sicherlich geholfen, dass wir am Anfang nicht allzu viel von der Band erwartet haben. Das lief lange Zeit nebenbei und dann wurde es ein bisschen größer. Wenn es anders gelaufen wäre, wären wir jetzt sicher nicht mehr zusammen. Wir haben eine Menge Bands gesehen, die bei einem Majorlabel unterschrieben haben, und dann auch kurz erfolgreicher waren als wir. Aber die gibt es heute nicht mehr. Als L’Age D’Or pleite ging, hätten wir auch bei ein paar anderen Labels unterschreiben können, die vielleicht für mehr Marketing gesorgt hätten – aber ein paar von denen gibt es jetzt gar nicht mehr. Wir sind da eher wie ein Mittelklassewagen, der beständig seinen Weg findet.

Quasi ein Ford Escort, wie das erste Stück auf dem aktuellen Album heißt?

Jürgens: Ja, zum Beispiel.

Wie wichtig ist Hamburg dabei für eure Musik? Hört man in den Superpunk-Songs die Hamburger Seele? Oder hätte euer Sound auch in Ingolstadt entstehen können?

Friedrichs: Das Einzige, was man für so einen Sound unbedingt braucht, sind ein paar Mitstreiter und elektrischer Strom. Und die kann man überall finden. Ich denke nicht, dass Hamburg uns so sehr geprägt hat. Aber Hamburg hat uns natürlich geholfen. In so einer großen Stadt findet man leichter Leute, mit denen man zusammen in einer Band spielen möchte. Und es gibt in Hamburg eine gut funktionierende Szene.

Nochmal zurück zum Erfolg. Hier mal drei Möglichkeiten, um ganz groß rauszukommen, dafür aber ein bisschen seine Seele zu verkaufen: 1. Superpunk geben einen Song für einen Beck’s-Werbespot her. 2. Superpunk gehen als Vorband der Toten Hosen auf Tour. 3. Jedes Mitglied von Superpunk beginnt eine Nebenkarriere als Krautrock-DJ. Was wählt ihr?

Friedrichs: Auf jeden Fall den Werbespot. Das macht mit Abstand am wenigsten Arbeit. Bei der Krautrock-Sache bin ich mir nicht so sicher, ob das wirklich lukrativ ist. Und um mit den Toten Hosen auf Tour zu gehen, muss man schon ganz schön geistesgestört sein.

Wegen der Band oder wegen der Fans?

Friedrichs: Wahrscheinlich beides.

Einen Song für einen Werbespot herzugeben, wäre für euch kein Glaubwürdigkeits-Supergau?

Friedrichs: Quatsch. Wir verkaufen ja auch Platten und T-Shirts. Warum sollten wir dann nicht auch das machen? Damit hätte ich gar kein Problem. So ist schließlich auch der Rock’N’Roll entstanden: Die Leute haben gemerkt, dass Teenager plötzlich Geld ausgeben. Und ein paar Leute aus dem Rotlichtmilieu haben dann die Beatles auf der Reeperbahn spielen lassen, weil sich damit eine schnelle Mark machen ließ. Da ist nichts Schlimmes dran. Ich sage immer: So etwas muss man sportlich sehen.

Jürgens: Ich kenne eine Menge Bands, die von sich behaupten, dass sie sich niemals für so etwas hergeben würden. Aber heimlich verkaufen sie ihre Songs dann für Werbung im Ausland, nur dass das hier keiner merkt. Das ist scheinheilig. Aber das ist eben auch gutes Marketing. So ähnlich funktioniert es im Fußball ja beim FC St. Pauli: Die gerieren sich als alternativer Fußballverein, dabei ist das ein ganz professionell geführter Laden. Eben war ich in einem Café hier in der Nähe, und allein auf dem Weg dorthin habe ich drei Leute mit einem St.-Pauli-Outfit gesehen. Daran sieht man: Dieses Image funktioniert ganz wunderbar.

Apropos Fußball, und noch mal zur Seele: Welcher Kicker trägt in euren Augen momentan die Seele des Spiels in sich?

Friedrichs: Ich habe immer Manfred Kaltz sehr gerne gemocht, den Erfinder der Bananenflanke. Der hatte eine Spielweise, die ich sehr mochte, und einen ganz unverwechselbaren Gang, den man schon auf hundert Meter Entfernung erkannt hat.

Jürgens: Ich schätze Horst Hrubesch sehr. Vor allem, weil er sich nicht verstellt. Der redet im Interview genauso, wie er mit seiner Frau redet. Ein ganz feiner Kerl.

Friedrichs: Wir halten also fest: Auf dem Platz würden wir gerne Manfred Kaltz wieder sehen, aber heiraten würden wir eher Horst Hrubesch.

Bezeichnenderweise wählt ihr Spieler, die in den 1970er und 1980er Jahren aktiv waren. Unterstützt ihr die beliebte These, dass der Fußball seine Seele verloren hat, weil die heutigen Profis alle zu glatt sind?

Friedrichs: Nein. Fußball war schon immer ein Geschäft, das muss man ganz unromantisch sehen. Wer einfach seine Meinung sagen will, der macht das immer noch. Und wenn Miroslav Klose nach einem Interview-Coaching so etwas formuliert wie „wir müssen uns bemühen, mehr Akzente in der Offensive zu setzen“, dann klingt das manchmal genauso lustig wie der witzigste Kalauer von früher.

Zu welchen Künstlern empfindet ihr eine Seelenverwandtschaft?

Jürgens: Ich habe vor kurzem eine Aufnahme von Jerry Lee Lewis gehört, von einem Auftritt auf der Reeperbahn in den 1950ern. Das war irre. Was er auf die Bühne bringt, damit kann ich mich sehr gut identifizieren.

Weil er so ein Showtalent war?

Jürgens: Nicht nur. Es ist einfach dieses Feuer, diese Energie. Er hat etwas Unbedingtes. Ich kann nur hoffen, dass wir das nach 15 Jahren auch noch so hinbekommen.

Friedrichs: Für mich gibt es sowieso nur einen Bezugspunkt, mit dem man Superpunk vergleichen könnte: Die Beatles. Die frühen Beatles (lacht).

Vielen Dank, damit hätten wir die größenwahnsinnige Überschrift. Aber im Ernst: Was habt ihr für Superpunk noch für Ziele?

Jürgens: Ich denke, dass wir jetzt fünf Alben gemacht haben, die alle gut waren. Das ist schon eine Leistung. Nicht viele Bands schaffen es, so einen Standard ohne große Schwankungen zu halten. Wenn das auch für die Zukunft gilt, wäre das schon mal nicht schlecht.

Friedrichs: Ein Ziel ist ja immer ein wünschenswerter Zustand für die Zukunft. Und da hätte ich nichts dagegen, wenn wir ein bisschen größer werden, immer mehr Platten verkaufen und vor immer mehr Leuten spielen. Diesen Ehrgeiz sollte man haben. Ich muss nicht unbedingt Nummer 1 in den Charts sein, aber ich wäre schon froh, wenn wir mal Platz 99 wären. Als wir anfingen, hat keiner von uns erwartet, dass Superpunk mal unser Job werden könnte. Aber als es dann nach und nach besser lief, hatte ich schon gehofft, dass wir damit vielleicht mal irgendwann unser Geld verdienen können. Und ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als rund um die Uhr Musiker zu sein.

Jetzt arbeitet ihr alle noch in Nebenjobs. Ist es schwer, zwischen den Rollen als Büromensch und Rockstar zu wechseln, wenn ihr auf Tour geht?

Friedrichs: Das sind ja nur zwei Rollen, dabei gibt es noch viel mehr. Alle Mitglieder von Superpunk sind beispielsweise auch sehr gute Liebhaber (lacht).

Das ist natürlich auch eine Karriereoption. Aber bisher beschränken sich eure Nebenjobs meines Wissens auf Musikproduzent, Sportjournalist oder Mitarbeit bei Tapete Records. Lässt sich das immer unter einen Hut bringen?

Jürgens: Ich bin ja schon seit 15 Jahren hauptberuflich Nebenberufler, und finde das eigentlich gut so. Ich weiß auch nicht, ob ich Superpunk rund um die Uhr aushalten könnte. Aber diese beiden Rollen lassen sich gut vereinbaren. Wenn ich das Geräusch höre, wie die Tür vom Tourbus zugeht, dann ist das für mich das Signal: Jetzt beginnt Superpunk.

Es könnte ja auch ein Vorteil sein, noch ein normales Leben zu haben, über das man dann auch singen kann. Schließlich haben die meisten Fans auch genau so ein Leben.

Friedrichs: Darauf könnte ich gut verzichten. Wenn man ein paar Wochen auf Tour war, dann fällt das schon schwer, wieder im Büro aufzukreuzen. Eine Platte aufnehmen, ein paar Monate auf Tour gehen, dann zwei Jahre Pause, dann wieder von vorne, und dabei genug Geld verdienen, um sich ab und zu mal eine neue Bluejeans kaufen zu können – das wäre mein Traum.

Allerdings können immer weniger Leute diesen Traum leben, weil sich kaum mehr Geld mit Musik verdienen lässt.

Friedrichs: Das stimmt. Ich mag es zwar selber, wie schnell nun alles verfügbar ist und wenn ich im Internet überall mal reinhören kann. Aber für Musiker ist das tödlich, wenn jedes Lied, jedes Album nur ein paar Mausklicks entfernt ist – und auch noch gratis.

Jürgens: Wir haben es da vielleicht noch ganz gut getroffen, weil wir eine ziemlich feste Fan-Basis haben. Prozentual haben wir sicher nicht so viel verloren wie andere Bands.

Prozente, Verkäufe und Bürojobs – ist das nicht sehr un-Rock’N’Roll, dass wir jetzt die ganze Zeit über Geld reden?

Jürgens: Das stimmt vielleicht. Aber dieses Ideal vom sorgenfreien Leben in Saus und Braus – das hat noch nie gestimmt. Es war schon immer so, dass man Rechnungen bezahlen musste. Eine Band wie wir musste schon immer genau kalkulieren, ob es sich lohnt, für einen einzigen Auftritt von Hamburg nach Wien zu fahren. Jetzt wissen das eben auch alle, weil endlich auch mehr über diesen Aspekt des Musikerdaseins gesprochen wird. Das ist gut so.

Superpunk spielen Matula, hau mich raus live im Ilses Erika in Leipzig:

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