Interview mit Wendelin Wiedeking


Wendelin Wiedeking sieht den Einstieg von Porsche bei VW als "gutes Geschäft". Foto: Porsche

Unternehmenschefs sind gemeinhin nicht allzu beliebt. Sie streichen Jobs, sie erhöhen Preise, sie schließen Werke. Bei Wendelin Wiedeking, dem Vorstandsvorsitzenden von Porsche, ist das anders. Mit Gewinnmaximierung, Lohndumping oder gar Heuschreckenmentalität würde man ihn nie in Verbindung bringen. Wiedeking gilt aus kompetent, gar als populär.

Der gebürtige Westfale weiß darum, kokettiert im Gespräch sogar ein wenig damit. „Wenn ich eine Heuschrecke wäre, würde ich sagen: Da haben wir einen ganz guten Deal gemacht“, kommentiert der 53-Jährige die guten Halbjahreszahlen von Volkswagen. Bei Europas größtem Autobauer sitzt Wiedeking im Aufsichtsrat. Seit Herbst 2005 ist Porsche größter Einzelaktionär bei VW, demnächst soll die Beteiligung auf 25,1 Prozent aufgestockt werden – dann hätte Porsche eine Sperrminorität.

Die Kartellwächter haben bereits grünes Licht gegeben – zumindest in Deutschland. „Aber eine solche Erlaubnis brauchen wir mittlerweile auch aus Korea, Rumänien oder Kroatien. Und eine dieser Genehmigungen fehlt uns noch“, erklärt Wiedeking. Ob Porsche sofort nachkauft, wenn der Weg frei ist, lässt er offen: „Wir haben Optionen, die wir nur noch umzudrehen brauchen. Wann wir das tun werden, ist auch von der Kursentwicklung abhängig.“

Schon jetzt hat Porsche bei VW ein gehöriges Wort mitzureden. Neben Wiedeking sitzt mit Finanzvorstand Holger Härter ein weiterer Mann des Sportwagenbauers im Wolfsburger Aufsichtsrat. „Wir haben da Einblick in die Konzernstrategie, wir diskutieren alle notwendigen Themen mit und bringen profundes Fachwissen ein. Wir wollen den Gesundungsprozess und Umbau bei Volkswagen konstruktiv und positiv begleiten.“

Wie das konkret aussieht, bleibt allerdings sein Geheimnis. „Zu sagen: ,Diese Maßnahme bei VW war eine Anregung von uns‘ oder ,Da ist unsere Handschrift zu erkennen‘, davon halte ich nichts. Entscheidend ist, wie der Konzern dasteht. Und Fakt ist: Das Unternehmen ist auf einem guten Weg. VW hat sehr gute Marken, sehr gute Mitarbeiter und den klaren Willen, nach vorne zu kommen. Und VW ist schließlich nicht das einzige Unternehmen unsere Branche, das Probleme hat.“

Dass Porsche im schwierigen Markt inzwischen wieder als Aushängeschild gilt, ist auch Wiedekings Verdienst. Als der promovierte Maschinenbauer Anfang der 1990er Jahre nach Zuffenhausen zurück kam, wo er vorher schon einmal tätig gewesen war, hatte Porsche – ähnlich wie VW heute – mit hohen Kosten, mangelnder Effizienz und zu geringer Auslastung zu kämpfen. Wiedeking brachte das Unternehmen zurück auf einen profitablen Kurs. Im übermorgen zu Ende gehenden Geschäftsjahr werden die Rekordzahlen von 2005 wohl noch einmal getoppt. Beim Absatz könnte erstmals die 100.000-Stück-Marke geknackt werden.

Doch Details will Porsche erst während des Pariser Autosalons Anfang Oktober bekannt geben. „Die 100.000 ist für uns kein Dogma. Wir werden deutlich über 90.000 Einheiten absetzen, das war unser klares Ziel, und das haben wir erreicht“, verrät Wiedeking schon jetzt und kündigt an: „Es werden gute Zahlen sein. Die Märkte sind uns wohlgesonnen, die Kunden mögen unsere Autos. Wir können beruhigt in den Urlaub gehen.“

Auch im Korruptions-Skandal um den Zulieferer Faurecia muss sich Wiedeking wohl keine Sorgen machen. Die Staatsanwaltschaft hat bereits bestätigt, dass gegen Porsche bisher nicht ermittelt wird. Allerdings zählt Porsche auch zu den Kunden von Faurecia. Die Franzosen liefern beispielsweise die Armaturen für den Cayenne. „Aber diese Komponenten laufen über den VW-Einkauf, deshalb sind wir nur indirekt betroffen“, erklärt Wiedeking. Man müsse nun „rigoros vorgehen“, fordert er, warnt aber davor, die ganze Zuliefererbranche unter Generalverdacht zu stellen.

Wiedeking war selbst drei Jahre beim Wiesbadener Zulieferer Glyco tätig und weiß: „Die Kompetenz, die viele Zulieferer den Herstellern bieten, ist notwendig, um ein gutes Produkt zu machen. Das kann ein Hersteller alleine gar nicht leisten.“ Wenn Lieferanten heute zum Teil mehr als die Hälfte eines Autos produzieren, bedeute dies keine Abhängigkeit der Hersteller, sondern sei eine „strategisch unabdingbare Beziehung“.

In der eigenen Strategie setzte Porsche zuletzt auf eine immer breitere Modellpalette. Doch gerade der Geländewagen Cayenne, neben den Sportwagen mittlerweile das zweite Standbein von Porsche, machte zuletzt Sorgen. In den ersten zehn Monaten des Geschäftsjahres ging der Absatz um 16 Prozent zurück. Auch andere Hersteller bleiben im einst boomenden SUV-Segment zunehmend auf ihren Autos sitzen. Wiedeking sieht dennoch eine gute Perspektive für den edlen Allradler. „Der Cayenne hat seine Liebhaber – und wir wissen, was wir mit dem Fahrzeug noch machen können.“

Insgesamt sei das Modell ein gelungener Coup gewesen. „Wir haben doppelt so viele Autos verkauft wie geplant. Wenn das kein Erfolg ist, dann muss man mir erklären, was Erfolg sein soll.“ Zudem könne Porsche den Rückgang durch die Neuheiten mehr als kompensieren. „Wenn ein Modell abfällt, wachsen andere – so plant man sein Geschäft. Und auf der Sportwagenseite stehen wir mit Cayman oder dem neuen 911er im Moment sehr gut da.“

Für Aufsehen hatte der Cayenne schon gesorgt, bevor er überhaupt auf der Straße war. Für den Geländewagen baute Porsche ein neues Werk in Leipzig – ein Bekenntnis zum Standort Deutschland. Porsche verzichtete dabei auch freiwillig auf Fördermittel. Von Subventionen hält Wiedeking nach wie vor nichts – und das gilt auch für die zuletzt diskutierten Kombilohn-Modelle für ältere Arbeitnehmer. „Eigentlich ist das eine verrückte Sache: Auf der einen Seite unterstützt der Staat das Ausscheiden älterer Arbeitnehmer finanziell durch Vorruhestandsregelungen, auf der anderen Seite soll es nun Fördermaßnahmen geben, um sie wieder in Lohn und Brot zu bringen“, wundert er sich. Der Staat liege „mit seinen lenkenden Methoden völlig falsch. Zuerst muss einmal die Arbeit da sein.“

Mehr noch: Durch Vorgaben wie beim Kündigungsschutz habe der Gesetzgeber selbst Hürden aufgebaut, die es für Unternehmen schwer machen, ältere Arbeitnehmer einzustellen. „Das ist das größte Problem, daher kommt die Zurückhaltung. Ein Arbeitsplatz ist heute eine hohe Investition, gerade im Mittelstand. Und deshalb scheuen viele dieses Risiko. Daran werden auch 20 Prozent Subventionen nichts ändern.“

Das ganze Anreizsystem fördere bloß eine Mitnahmementalität bei den Unternehmen. „Wenn man einen Napf hinstellt, findet sich immer ein Hund, der daraus frisst. Aber etwas bewegen kann man damit nicht.“

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