Irvine Welsh – „Trainspotting“


Autor Irvine Welsh

Irvine Welsh Trainspotting Rezension

Tief in der Scheiße stecken die Protagonisten von „Trainspotting“.

Titel Trainspotting
Verlag Goldmann
Erscheinungsjahr 1993
Bewertung

Kult wäre der Debütroman von Irvine Welsh sicher auch ohne die drei Jahre später folgende Verfilmung von Danny Boyle gewesen. Die ehrwürdige Sunday Times lobte die Geschichte einer Junkie-Clique als „die Stimme des Punk, aber erwachsener, weiser und eloquenter“. Die nicht ganz so ehrwürdige Postille Rebel INC pries das Werk schlicht als „das beste Buch, das jemals geschrieben wurde“. Und der 1958 geborene Autor selbst zeigte sich amüsiert, dass Trainspotting das meistgeklaute Buch in Großbritannien wurde (und freute sich sicher auch, dass weltweit dann doch auch noch eine siebenstellige Anzahl von Exemplaren verkauft wurde, wobei der zusätzliche Popularitätsschub durch die Verfilmung sicher nicht geschadet hat).

Hat man (wie ich) zuerst den Film gesehen und widmet sich dann erst der Romanlektüre, wird man etliche Figuren, manche Szenen, einige Songs (etwa von Iggy Pop) und sogar wörtliche Dialoge leicht wiedererkennen. Zugleich sind die Unterschiede beträchtlich: Im Roman erzählt Irvine Welsh keineswegs linear, sondern springt zwischen den Zeitebenen. Zugleich ist Mark Renton zwar auch hier so etwas wie der (Anti-)Held, steht aber weniger im Mittelpunkt als auf der Leinwand. Stattdessen gibt es verschiedene Erzählperspektiven, in denen mehrere Figuren des Ensembles als Ich-Erzähler auftreten können und dabei jeweils ihren eigenen Ton inmitten des von Peter Torberg stimmig übersetzten Szene-Slangs finden.

Der wohl größte Unterschied wird beim Blick auf den Titel deutlich: Trainspotting ist im Film ein Hobby, das Mark und sein Freundeskreis recht regelmäßig betreiben, vor allem aus Langeweile. Sie stehen auf einer Wiese und schauen sich die Züge an, die in der Ferne vorbeifahren. Im Buch taucht diese Idee nur an einer einzigen Stelle auf. Mark ist da mit seinem Kumpel Begbie im Bahnhof von Leith, dem Vorort von Edinburgh, in dem die Handlung spielt. Sie begegnen einem sturzbetrunkenen Obdachlosen, der sich als Vater von Begbie erweist. Vor allem aber zeigt sich: Der Bahnhof ist seit Jahren verwaist. Züge, denen man hinterher schauen könnte, fahren hier schon ewig nicht mehr. Der Unterschied ist bedeutend, auch für die Gesamtbetrachtung der Abweichung zwischen Film und Buch: Es geht hier nicht nur um die Lethargie und Apathie, die aus einem so sinnlosen Hobby wie dem Anstarren von Zügen sprechen. Es geht im Roman vielmehr um die vollkommende Ausweglosigkeit, die dann entsteht, wenn nicht nur die Sehnsuchtsorte, an denen man vielleicht Glück finden könnte, bloß in der Fantasie existieren, sondern selbst die Züge, die einen dorthin bringen könnten, fiktive sind. Renton und seine Freunde stecken in der ultimativen Sackgasse, so tief und so sehr zu ihrem eigenen Missfallen wie Hauptdarsteller Ewan McGregor in der legendären Filmszene kopfüber im „dreckigsten Scheißhaus von Schottland“ steckt.

Der von ihm verkörperte Mark ist ein Junkie, der im Verlauf des Romans mehrfach versucht, von seiner Heroin-Sucht loszukommen. Wie seine Freunde hält er sich im Leith der späten 1980er Jahre mit Kleinkriminalität und Sozialbetrug über Wasser, stets mit dem Ziel, genug Geld für den nächsten Schuss zusammen zu bekommen. Die Schwierigkeiten, die er in der prekären Situation als Arbeitsloser in einer heruntergekommenen Gegend dabei hat, werden durch drei Dinge erträglich. Erstens blickt er mit vollendeter Verachtung auf das bürgerliche Leben. Zweitens spendet ihm die Droge, wenn er sie denn beschaffen kann, unvergleichlichen und stets zuverlässigen Trost. Und drittens sind auch alle in seinem Umfeld entweder (Ex-)Junkies oder anderweitige soziale Außenseiter.

Trainspotting lebt sehr davon, dass man den Dreck, Siff und Schmodder dieser Szene geradezu riechen, schmecken und ertasten kann, genauso wichtig wie diese Authentizität ist das schillernde Ensemble. Mark Renton ist dabei der tiefgründigste Protagonist, um ihn herum tummeln sich unter anderem Sick Boy, der als Weiberheld anfängt und als Zuhälter endet, Begbie, der auch ganz ohne Heroin eine sagenhaft kurze Zündschnur hat und selbst seinen Freunden gegenüber zu psychopathischen Gewaltausbrüchen neigt, oder der unschuldig-minderbemittelte Spud. Es gibt innerhalb dieser Clique durchaus Momente von Zusammenhalt und scheinbarer Harmonie, etwa wenn sich alle beim Dealer an der neusten Lieferung an Stoff erfreuen oder gar eine Spritze teilen. Mit brutaler Klarheit zeigt Irvine Welsh aber auf, wie sehr sich Sucht und Solidarität letztlich ausschließen. Die ständige Jagd nach dem nächsten Schuss bringt Isolation und Enthemmung hervor – und natürlich gehört zu den wichtigsten Effekten von Trainspotting der implizite Hinweis, dass diese soziale Kälte und dieser Egoismus in unserer Welt auch ganz ohne Drogensucht omnipräsent sind.

Entsprechend wird Heroin in diesem Roman auch in keiner Weise glorifiziert. Den wenigen Stellen, an denen das High und der Rausch beschrieben werden, stehen unzählige Passagen gegenüber, in denen Entzug, Jeeper, Depression oder weitere unerwünschte Nebenwirkungen geschildert werden, von der ruinierten Libido bis zur Ansteckungsgefahr mit HIV, das im Roman viel mehr Raum einnimmt als im Film, was auch für den Blick gilt, den Irvine Welsh auf Suff und Medikamentenmissbrauch als sozial anerkannte Varianten des Drogenkonsums inmitten von dysfunktionalen Familien richtet.

Das alles tut der Autor mit einem Sound, der explizit, obszön, witzig, durchtrieben und schonungslos ist. Genauso wichtig wie die erbarmungslose Fixierung auf den Stoff, die eine Heroinsucht mit sich bringt, sind als Thema des Romans dabei die Prinzipien von Abgrenzung, die vor allem Mark Renton immer wieder reflektiert. Das meint keineswegs die soziale Ausgrenzung von Junkies, Arbeitslosen oder Aids-Kranken, obwohl diese auch gelegentlich angedeutet wird. Vielmehr zeigt Trainspotting, wie sich Cliquen, Gemeinschaften und Gesellschaften durch die oft genug willkürliche Festlegung von „innen“ und „außen“ definieren.

Die Hahnenkämpfe zwischen den Fans verfeindeter Fußballvereine, die erbitterten Debatten zwischen verschiedenen Konfessionen innerhalb seiner eigenen Familie, die Lokalrivalität zwischen Glasgow und Edinburgh, der zum Jingoism übersteigerte Nationalstolz auf schottischer ebenso wie auf englischer Seite, selbst das Herabblicken der Junkies auf andere Drogensüchtige: Überall trifft er auf Claims, die mit scharfen Grenzen abgesteckt sind, und das Wissen, dass man nur innerhalb der eigenen Claims ein halbwegs sicheres Leben als halbwegs respektiertes Geschöpf führen kann. Es ist sicher nicht zu weit gegriffen, wenn man das als die ultimative Botschaft von Trainspotting begreift: Bei der Sehnsucht nach einem Zug, der ihn aus Leith heraus bringt, geht es nicht nur um eine Flucht aus Perspektivlosigkeit und Fatalismus, sondern um den Traum, all diese Grenzen und Hoheitsgebiete hinter sich lassen und gegen so etwas wie eine universale Menschlichkeit eintauschen zu können – nicht nur für die Dauer eines Heroin-Highs, sondern als soziale Utopie.

Bestes Zitat: „Verdammte Verlierer in nem Land voller Verlierer. Hilft doch nichts, den Engländern dafür die Schuld zu geben, weil sie uns kolonisiert haben. Ich hasse die Engländer nicht. Sind doch bloß Wichser. Wir sind von Wichsern kolonisiert worden. Wir können uns noch nicht mal ne anständige, lebendige, gesunde Kultur aussuchen, die uns kolonisiert. Nein. Wir werden von ausgelutschten Arschlöchern regiert. Und was sind wir dann? Das Letzte vom Allerletzten, der Abschaum der Menschheit. Der erbärmlichste, jämmerlichste, kümmerlichste Haufen, der je auf die Welt geschissen wurde. Ich hasse die Engländer nicht. Die schlagen sich bloß mit dem Scheiß rum, den sie gekriegt haben. Ich hasse die Schotten.“

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