Jade Bird – „Jade Bird“


Künstler Jade Bird

Jade Bird Album Review Kritik

Kummer ist die treibende Kraft für Jade Bird.

Album Jade Bird
Label Glassnote
Erscheinungsjahr 2019
Bewertung

Entweder hat Jade Bird eine sehr dunkle Form einer sehr blühenden Fantasie. Oder sie hat in den gerade erst 21 Jahren ihres Lebens schon reichlich Mist erlebt. In den zwölf Liedern ihres Debütalbums geht es immer wieder um Frust, Enttäuschung und Sorgen, auch Trauer und Trennung sind sehr präsente Themen. Sie selbst betont, dass dies keineswegs ausgedacht sei, und für diesen autobiografischen und programmatischen Charakter spricht auch die Tatsache, dass die Platte ihren Namen trägt. „Dieses Album beruht auf meinen Erfahrungen in den letzten paar Jahren, direkt und unverdünnt. Jede Entscheidung, die ich getroffen habe, hat zu diesem magischen Prozess hingeführt, ebenso wie jedes Wort, das ich in diese Lieder eingewebt habe“, sagt die Engländerin, über die der NME sehr treffend geschrieben hat: „Jade Bird schafft es irgendwie, die schmerzhaftesten Momente des Lebens verdammt gut klingen zu lassen.“

Zugleich könnte man hier auch Anzeichen für die andere Vermutung finden. Denn eine große Vorstellungskraft beweist Jade Bird nicht nur in der Wahl ihrer Themen, sondern auch bei der musikalischen Umsetzung in den verschiedensten Genres. Lottery erweist sich als Folkrock mit viel Kraft und einer Aufgewühltheit, die niemanden kalt lassen kann, ausgelöst von den Versen: „You just to tell me / that life is a lottery / you got your numbers / and you’re betting on me“. In Does Anybody Know zeigt sie sich in sich selbst versunken und setzt nur auf Gesang und Gitarre, Uh Uh hingegen hat eine Rotzigkeit und Aggressivität wie Courtney Barnett.

Good At It singt sie aus der Perspektive der Ex mit der eifersüchtigen Frage: Ist die Neue genauso gut wie ich? Dazu gibt es Handclaps und im Refrain eine Melodie, die man durchaus hübsch finden kann. Ein Klavier steht im Zentrum von My Motto, auch hier ist sie nicht von der Vernunft gesteuert, sondern vom Gefühl, insbesondere vom Schmerz. Going Gone erweist sich als Mahnung an einen Boyfriend, der zur Unreife neigt. 17 zeigt: Sie ist zwar erst 21, aber wirklich jung kommt sie sich im Rückblick auf die Zeit vor wenigen Jahren nicht mehr vor, außer in den Momenten, in denen wieder großer Kummer droht: „My heart would break like I’m 17“, lautet die Prognose für den sich wohl bereits abzeichnenden Fall, dass der Liebste sie verlässt.

„Die Lieder haben unterschiedliche Stile, wie meistens bei meiner Musik, und sie versuchen, einer Kategorisierung zu entgehen. Aber das Verbindende zwischen diesen verschiedenen Liedern bin ich – eine junge Frau, die das Leben verstehen will“, sagt Jade Bird. Das wichtigste Bindeglied dabei, zugleich der deutlichste Ausdruck ihrer Individualität, ist ihr Gesang. Das zeigt schon der Auftaktsong Ruins: Zunächst erklingt darin nur eine Gitarre und diese kristallklare Sopranstimme, die insbesondere im Refrain bis ins Mark geht. Es geht um Unsicherheit und die Unfähigkeit zu Kontrolle, „I’m just a product of my emotions“, hat Jade Bird erkannt, und auch deshalb steckt so viel Zweifel in den Fragen, die sie hier artikuliert: Wollen wir diesen Schritt gehen? Was wird daraus in Zukunft und was ist unser Status überhaupt jetzt in der Gegenwart? Kann ich meiner Entscheidung diesmal vertrauen?

Gelegentlich scheint sich dieser Zweifel auf den Sound übertragen zu haben, denn klanglich würde man von Jade Bird gerne noch mehr Eigenständigkeit bekommen. Stattdessen klingen die Kompositionen und Arrangements der 21-Jährigen manchmal so konventionell, als hätten ihr jede Menge alter Männer reingeredet. I Get No Joy wird Rock in dem Sinne, wie ihn schon Alanis Morissette gemacht hat. Auch das schwungvolle Side Effect ist sehr klassisch, man kann hier Chrissie Hynde heraushören oder Melissa Etheridge, wenn man das will. Noch mehr Feuer hat Love Has All Been Done Before – gerade wegen des Refrains wird irgendein deutscher Musikjournalist bei diesem Lied wieder das schlimme Wort „Rockröhre“ gebrauchen.

Ganz am Ende versöhnt If I Die wieder mit diesen kleinen Schwächen dieses Albums. Es ist nicht nur ein sehr reifer Song, sondern bleibt nur auf Klavier und Gesang reduziert. Nicht nur deshalb ist das ein Dokument des Selbstbewusstseins.

Viel Entschlossenheit steckt auch in der Ästhetik des Videos zu Uh Huh.

Homepage von Jade Bird.

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