Jedes Maß verloren


Die Parallelen sind unverkennbar: Eine kleine Berufsgruppe probt den Aufstand. Die Forderungen scheinen für Außenstehende anmaßend. Und die Leidtragenden der Auseinandersetzung sind in erster Linie die Kunden, deren Mobilität eingeschränkt wird. Was die Lokführergewerkschaft GDL derzeit durchzieht, erinnert stark an das Gebaren der Lufthansa-Piloten vor sechseinhalb Jahren. Auch die fühlten ihre Interessen damals von der großen Gewerkschaft nicht vertreten, auch sie forderten 30 Prozent mehr Geld und streikten lange dafür. Am Ende setzten sie sich durch.

Ob die Tarif-Auseinandersetzung bei der Bahn ähnlich ausgehen wird, steht in den Sternen. In jedem Fall macht das Gerangel zwischen Gewerkschaftsboss Manfred Schell und Bahnchef Hartmut Mehdorn deutlich, dass es schon längst nicht mehr nur um Gehaltserhöhungen geht.

In dem scheinbar winzigen Unterschied zwischen dem „eigenständigen“ Tarifvertrag, den die Lokführer fordern, und dem „eigenen“ Tarifvertrag, den das Unternehmen nun angeboten hat, steckt ein Konflikt von riesiger Dimension: Die GDL kämpft nicht nur gegen den Bahn-Vorstand, sondern auch gegen die konkurrierenden Gewerkschaften Transnet und GDBA. Es geht um Macht, letztlich um die Existenz der GDL. Und die Bahn stemmt sich verzweifelt gegen einen Trend, der schon lange nicht mehr zu leugnen ist: Spezialisten scheren immer öfter aus dem Tarifgefüge aus und nutzen ihre Stellung an den Schaltstellen der Betriebsabläufe, um für sich besondere Vergünstigungen zu erstreiten. Das war bei den Piloten so, bei den Fluglotsen und bei den Klinikärzten. Sie alle setzten ihre Forderungen letztlich durch – und dürften für die GDL als leuchtende Vorbilder gelten.

Mit seinen Forderungen hat Schell – jenseits persönlicher Ränkespiele und des existenziellen Machtkampfes – dennoch jedes Maß verloren. Ein Gehaltsaufschlag von 31 Prozent ist ein Vielfaches von dem, was selbst die großzügigsten Tarifabschlüsse in diesem Jahr gebracht haben. Die GDL scheint dabei zu vergessen, dass es in Deutschland längst Branchen gibt, in denen es seit Jahren keine Einkommenserhöhungen und zum Teil auch keine Tarifverträge mehr gibt.

Auch das geforderte Einstiegsgehalt von 2500 Euro ist völlig überzogen. So viel verdienen Bauingenieure oder Architekten im ersten Berufsjahr – und die haben dafür jahrelang ihr Fach studiert. Sicherlich haben Lokführer eine große Verantwortung. Aber die haben Berufskraftfahrer auch. Und die verdienen als Einsteiger 1500 Euro.

Vor allem aber ist die Abkehr der Lokführer von der Tarifeinheit ein höchst zweifelhaftes Vorgehen. Natürlich sollte eine Gewerkschaft die Interessen ihrer Mitglieder vertreten. Doch sie sollte auch den Betriebsfrieden im Auge haben. Ohne Lokführer fährt kein Zug, das stimmt wohl. Aber ohne Schaffner, Stellwerker oder Wartungspersonal auch nicht. Diese Berufsgruppen will die GDL links liegen lassen, sie stößt sie mit ihren Forderungen sogar vor den Kopf. „Jeder muss sehen, wo er bleibt“, scheint Schells Devise zu sein. Wenn ausgerechnet eine Gewerkschaft derart unsolidarisch agiert, ist das erschreckend.

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