John Ironmonger – „Der Wal und das Ende der Welt“


Autor*in John Ironmonger

John Ironmonger Der Wal und das Ende der Welt Kritik Rezension

„Der Wal und das Ende der Welt“ gewinnt enorm durch den Corona-Kontext.

Titel Der Wal und das Ende der Welt
Originaltitel Not Forgetting The Whale
Verlag S. Fischer
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

„Es schmiegte sich so perfekt in die Krümmung des Hangs, und die gewundenen Straßen und Granitmauern griffen die natürlichen Formen der Felswände dahinter auf. Tatsächlich wäre es schwierig, sich diese Bucht ohne das Dorf vorzustellen, als wären diese niedrigen Mauern und Schieferdächer Teil der örtlichen Geologie, als hätten Meer und Wind sie aus dem Felsen gemeißelt.“ So beschreibt John Ironmonger zu Beginn von Der Wal und das Ende der Welt den Schauplatz seines Buchs. Das Fischerdorf St. Piran an der Küste Cornwalls hätte damit auch gut in einen Roman von Rosamunde Pilcher gepasst. Es ist so weit abgelegen, dass man es von der Straße aus kaum findet, und die 307 Einwohner*innen haben sich daran längst gewöhnt. „Uns besucht nie einer, sieht nie einer, an uns denkt nicht mal einer. Und genau so mögen wir das“, sagt eingangs eine Dorfbewohnerin.

Für Joe Haak ist diese Abgeschiedenheit aus zweierlei Gründen perfekt. Erstens ist er auf der Flucht. Er hat als Analyst bei einer Investmentbank in der Londoner City gearbeitet und dort eine komplexe Software zur Prognose von Aktienkursen entwickelt. Als das Tool erstmals eingesetzt wird und der Bank binnen kürzester Zeit immense Verluste beschert, macht er sich Hals über Kopf aus dem Staub. Er sucht intuitiv einen Ort, der möglichst weit weg von der Hauptstadt ist, parkt am Hafen von St. Piran und geht mitten in der Nacht ins Meer. Am frühen Morgen wird er dort gefunden und schnell wieder aufgepäppelt.

Zweitens ahnt Haak, dass eine weltweite Krise bevorsteht. Genauer gesagt: eine tödliche Grippewelle. Sein Programm hat ihm vor Augen geführt, wie verletzlich unsere globalisierte, hochintegrierte Zivilisation für eine neue Infektionskrankheit ist, auch deshalb scheint ein Ort, der sprichwörtlich am Arsch der Welt liegt, vergleichsweise sicher. Natürlich ist diese durchaus prophetische Idee – das englische Original des Romans erschien 2015, die deutsche Übersetzung im Frühjahr 2019 – in Zeiten der Covid-19-Pandemie einer der Gründe, warum Der Wal und das Ende der Welt zum Bestseller wurde. Einen gehörigen Anteil am Erfolg dürfte indes auch seine Feelgood-Atmosphäre haben. Ein geläuterter Held („Es würde nie eine bessere Gelegenheit geben, ganz neu anzufangen, die ungewollten Erinnerungen an ein Leben auszulöschen, aus dem er geflohen war. Also, zum Teufel (…) mit seinem ganzen unerfüllten, unproduktiven Leben“, sagt sich Joe Haak), ein beschauliches Zusammenleben, gegenseitige Unterstützung und eine unschuldige Liebelei – so lässt sich eine Dystopie doch gleich viel besser ertragen (und besser verkaufen).

Denn Joe Haak, der als Opfer und Fremder in St. Piran ankommt, wird schon tags darauf zum Helden: Diesmal ist ein Finnwal gestrandet. Joe erinnert sich, dass ihm das Tier beim Badeausflug in der Nacht zuvor womöglich das Leben gerettet hat, denn als er völlig entkräftet und unterkühlt befürchten musste, es nicht mehr zurück an Land zu schaffen, produzierte der Wal eine gewaltige Welle, die Joe bis ans Ufer trug, wo er dann ohnmächtig wurde. Auch deshalb trommelt er nun möglichst viele Menschen zusammen, um den Wal zurück ins Meer zu schieben, was durch den ungewohnten Enthusiasmus und den Organisationsgeist des Neuankömmlings tatsächlich gelingt: „Für die Bewohner von St. Piran hatte Joe Haak ein Selbstvertrauen, das sein Alter Lügen strafte. Seine Augen strahlten mit einer Intensität, der die kleine Gemeinde nichts entgegenzusetzen hatte.“

Von da an ist er bei allen willkommen, wird Untermieter bei einem Arzt, lebt sich ein und versucht, sie über seine Vergangenheit klar zu werden, während er zugleich sein gesamtes Geld in Lebensmittelvorräte investiert, um das ganze Dorf mehrere Monate lang versorgen zu können, wobei er die Einwohnerschaft für das Anlegen eines gut gesicherten Lagers erneut mobilisieren kann. Denn tatsächlich kursieren mittlerweile Nachrichten einer bedrohlichen Grippewelle, die weltweit zahlreiche Opfer fordert und schon bald für erhebliche Versorgungsengpässe und schließlich Chaos und Aufruhr im ganzen Land führt.

Die Kontraste, auf die der 1954 geborene Autor setzt, sind so offensichtlich wie seine Anspielungen auf Mythen, Religion und Philosophie. Joe Haak ist Jonas und Kassandra, das Finale von Der Wal und das Ende der Welt gleicht einer Weihnachtsgeschichte und zwischendurch dürfen wir über die Frage grübeln, ob Thomas Hobbes mit seiner Aussage im explizit im Buch erwähnten Leviathan richtig lag, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sein wird, wenn die Zivilisation zusammenbrechen sollte. Genauso simpel werden die Gegensätze zwischen bodenständigem Dorfleben und der Abgehobenheit der City, uraltem Handwerk und globaler Finanzindustrie gezeichnet.

Auch wenn das nicht sonderlich subtil ist, wird es von John Ironmonger doch als eine glaubhafte und unterhaltsame Empowerment-Geschichte erzählt. Als sich Joe Haak mit den Menschen und den Abläufen in St. Piran vertraut gemacht hat, nennt er London und seinen Job dort „die echte Welt“, aber natürlich wissen wir, dass es umgekehrt ist: Weder die finanziellen Verluste dort sind real noch die Konflikte und Wettbewerbe, die von seinen ehemaligen Kolleg*innen ausgefochten werden, oder die vermeintlichen Freundschaften und (Liebes-)Beziehungen, denen Joe halbherzig nachtrauert. Nach einer Weile erkennt er auch selbst, was die Spekulation an den Finanzmärkten – seine Abteilung ist auf Leerverkäufe spezialisiert – im echten Leben anrichtet: „Seltsam, dachte er, dass er das noch nie so gesehen hatte. Das Scheitern eines Unternehmens bedeutete nicht bloß eine Gelegenheit für Händler aus der City, ordentlich abzukassieren; es bedeutete Kummer und finanziellen Ruin für die Gründer, herbe Verluste für die Aktionäre, Arbeitslosigkeit für die Angestellten. Hinter jeder Zahl, überlegte er, steckte ein menschliches Schicksal. Einhundert Schicksale. Und während die Händler johlten und die Korken knallten, würden Männer und Frauen mit den schlechten Neuigkeiten nach Hause fahren, die Mienen versteinert, um nicht in Tränen auszubrechen.“

Zu den Stärken von Der Wal und das Ende der Welt gehören kluge Gedanken zu Vulnerabilität und Resilienz unserer Welt („Wir glauben, unsere Gesellschaft ist stabil. Wir glauben, sie steckt alles weg, was das Leben ihr in den Weg legt. Aber wir übersehen dabei etwas Entscheidendes. Die Komplexität. Das ist unser Schwachpunkt.“), ebenso wie zum Wettstreit zwischen Solidarität und Eigennutz in einer globalen Krisensituation („Das Einzige, was noch mächtiger ist als der Egoismus des Einzelnen ist der nationale Egoismus.“). Wie gut recherchiert und weitblickend das ist, hat Corona bewiesen, und man könnte mit gutem Gewissen sagen: Hätte John Ironmonger dieses Buch erst in diesem Jahr und mit der persönlichen Erfahrung einer Pandemie geschrieben, hätte er kaum etwas ändern müssen. Ein Schwachpunkt ist indes der Schluss, sowohl literarisch als auch in puncto Glaubwürdigkeit. So klar im Verlauf der Lektüre wird, wie die Antwort des Autors auf die Frage von Thomas Hobbes lauten würde, so albern ist es, ausgerechnet Religion und die Finanzbranche zu den Kräften zu machen, aus denen die Rettung der Welt erfolgen könnte.

Bestes Zitat: „Menschen sind keine Puzzleteile. Wir treffen nicht plötzlich auf jemanden, der unser exaktes Gegenstück ist. Wir müssen unsere Persönlichkeiten und unsere Leben ein bisschen verbiegen, um Platz für den anderen zu machen. Und der muss dasselbe für uns tun. Das passiert nicht auf den ersten Blick.“

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