Julia Shapiro – „Perfect Version“


Künstler Julia Shapiro

Julia Shapiro Perfect Version Review Kritik

Das Studio wurde für Julia Shapiro bei ihrem Solodebüt zum (Selbst-)Therapiezentrum.

Album Perfect Version
Label Hardly Art
Erscheinungsjahr 2019
Bewertung

Es könnte keinen besseren Titel für diese Platte geben als Perfect Version, aus zwei Gründen. Erstens erfüllt sich Julia Shapiro mit ihrem ersten Soloalbum den Traum, ihre Musik selbst aufzunehmen und die Möglichkeiten des Studios für sich zu erschließen. Eine wichtige Fähigkeit bei dieser Arbeit ist natürlich, die perfekte Version eines Lieds zu erkennen und einzufangen, den ultimativen Take, die besten Zutaten. Zweitens behandelt sie als zentrales Thema die Idee, sich selbst maximal zu perfektionieren, wirklich alles aus den eigenen Möglichkeiten herauszuholen. Was sie in diesen zehn Liedern oft herbeiwünscht, ist so etwas wie ein Photoshop für die eigene Persönlichkeit, den Charakter, das Wesen. Das Ziel dabei ist nicht in erster Linie, schöner und erfolgreicher zu sein, sondern zufriedener mit sich selbst.

Dieser Ansatz hängt unmittelbar mit dem Ausgangspunkt für diese Platte im April 2018 zusammen, den man mit Fug und Recht als Tief bezeichnen darf. Gerade war eine eigentlich geplante Tour ihrer Band Chastity Belt zur Promotion von deren drittem Album I Used to Spend So Much Time Alone geplatzt. Die Sängerin saß nun alleine in Seattle und erkannte beim Blick auf ihre Gesundheit, ihr Liebesleben und ihre Karriereperspektiven, dass nichts davon in einem halbwegs intakten Zustand war. „Ich hatte wirklich zu kämpfen. Ich war deprimiert. Ich hatte den Eindruck, ich könnte nicht singen und nie wieder ein richtiger Mensch sein. Ich war so am Ende, dass ich mir nicht vorstellen konnte, jemals wieder ein Konzert zu spielen“, blickt sie auf diese Krise zurück.

Gerade die Arbeit an Perfect Version half ihr dort heraus. Neben der Möglichkeit, sich etwas Kummer von der Seele schreiben (und singen) zu können und der Idee vom perfektionierten Selbst nachzuhängen, hatten insbesondere die technischen Aspekte der Aufnahmen daran Anteil. „Es schien, als hätte ich über den Rest meines Lebens die Kontrolle verloren. Umso schöner fühlte sich die Möglichkeit an, hier alles im Griff zu haben“, sagt Julia Shapiro über die Arbeit im Studio.

Natural eröffnet die Platte mit einem Gegenbild zu ihrer eigenen Situation. „How can someone be so blindly confident / I wanna know that trick / how can you love yourself so damn much / it isn’t natural“, lauten die ersten Zeilen über die Begegnung mit einer Person, die maximal mit sich im Reinen zu sein scheint. Ihre Position zu so übersteigerter Selbstliebe bleibt ambivalent, zumindest auf einen Versuch würde sie es aber wohl ankommen lassen. Für den Sound von Perfect Version ist schon dieser erste Eindruck sehr typisch: Der Gesang hält sich eher im Hintergrund, es gibt zwei (später drei) schüchterne Gitarren, auch Bass und Schlagzeug bleiben behutsam. Ganz am Schluss gesellt sich ein alter Synthesizer hinzu, den The Cure anscheinend 1987 irgendwo zurückgelassen haben.

Harder To Do führt diesen ästhetischen Ansatz noch weiter: Julia Shapiro tränkt ihren Gesang in Hall und die Gitarren in andere Effekte, all das verstärkt den Eindruck vollkommener Selbstvergessenheit, die hier auch für den Hörer manchmal so weit reichen kann, dass man fast nicht mehr merkt, dass da überhaupt Musik spielt. Für den konzentrierten Hörer bietet Julia Shapiro indes viele kleine Freuden. Im zunächst verwaschen wirkenden Shape gewinnt der ungewöhnliche Takt die Oberhand über Akkorde und Melodie. In Around The Block wird Verspieltheit erkennbar, sogar ein bisschen Kraft. Parking Lot setzt ausnahmsweise auf eine akustische Gitarre als Basis und besingt damit die kleinen Fluchten und winzigen Auszeiten von den eigenen Ängsten. Ein Song wie I Lied könnte mit mehr Punch vielleicht sogar ein richtiger Rocker werden. „Woke up feeling sad / I should really delete my Instagram“, lautet darin die Ausgangsposition, am Ende mündet das in der Erkenntnis: „It’s impossible to keep your life together.“

Alle, die sich mit dieser Schlussfolgerung identifizieren können (oder beispielsweise die Musik von Elliott Smith lieben, den Julia Shapiro als wichtigen Einfluss für ihr Solowerk benennt), werden Perfect Version natürlich besonders ins Herz schließen können. „I was not meant for this stuff“, bekennt sie in Tired. Wieder ist da dieses Gefühl, fremd und inkompatibel zu sein, vielleicht nicht in absoluter Hinsicht, aber dadurch, dass sie sich mit den falschen (hier wieder: selbstverliebten) Menschen umgibt. „I was so insecure“, heißt das Geständnis in A Couple Highs, gesungen zu einer der schönsten von vielen schönen Melodien auf diesem Album, „I really try“, lautet am Ende die Beteuerung.

Der Titelsong zeigt, dass selbst im Trost ein Stachel steckt, wenn Julia Shapiro singt: „At least I have my friends to laugh at what I’ve done.“ Auch hier wird deutlich, in diesem Fall begleitet von der ziemlich spektakulären Mundtrompete von Darren Hanlon, dass die im Albumtitel suggerierte Makellosigkeit für sie gar nicht zur Debatte steht. Aber sie will wenigstens so nah, wie es mit ihren Kräften irgend möglich ist, an diese perfekte Version ihrer selbst herankommen. Ein gutes Stück scheint sie diesem Ziel mit Perfect Version näher gekommen zu sein, wenn sie zum Ende der Platte im besonders ätherischen Empty Cup die Frage „So what comes next?“ stellt und immerhin zur Antwort „A lasting sense of self“ gelangt. Julia Shapiro erweist sich damit als eine dieser besonderen Künstlerinnen, für die ihre Musik zum Medium für die Selbstermächtigung wird. Etliche Momente in dieser guten halben Stunde offenbaren das – und man will lieber gar nicht wissen, wie sie mit diesem Leben klar käme, hätte sie nicht ihre Gitarre, an die sie sich klammern (und mit der sie wachsen) kann.

Im australischen Outback hat Julia Shapiro das Video zu Shape gedreht.

Julia Shapiro bei Bandcamp.

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