Keine Chance


Erhard Eppler erweist sich wieder einmal als verträumter Weltverbesserer. Der Ex-Entwicklungshilfeminister hat sich schon für die Dritte Welt eingesetzt und gegen den Irakkrieg gekämpft. Nun legt er sich mit den ganz Großen an, sogar mit allen auf einmal. Doch seine Forderung, die G-8-Gipfeltreffen abzuschaffen, ist unrealistisch. Leider.

Nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern fragt man sich, was es bringen soll, wenn die acht bedeutendsten Staats- und Regierungschefs der Welt 72 Stunden lang zusammen sitzen und über die selben Themen streiten, die sie schon seit Jahren diskutieren. Das Bundesland, das mit einer Arbeitslosenquote von knapp 20 Prozent die rote Laterne in Deutschland trägt, übernimmt einen Großteil der Kosten für das Spitzentreffen, die sich auf 90 Millionen Euro belaufen.

Was da für Geld verschleudert wird! Marode Kasernen werden modernisiert, um Polizisten unterzubringen – und kurz darauf wieder zu Ruinen zu werden. Ein Zaun wird gebaut, zwei Wochen lang wird das öffentliche Leben lahm gelegt, alleine 34 Millionen Euro kostet der Polizeieinsatz, der die Lenker der Welt von der Welt abschotten soll.

Paradoxerweise lockt gerade dieser Aufwand die Gipfelgegner an. Denn auch sie profitieren vom G-8-Treffen: Diejenigen, die nur Stunk machen wollen, könnten kein attraktiveres Podium finden. Diejenigen, die tatsächlich fundierte Kritik üben, können ebenfalls gewiss sein, dass sie nirgends sonst so viel Einheit nach innen und Aufmerksamkeit nach außen erlangen würden.

All dieser Trubel findet statt, obwohl Staaten wie Russland mehr oder weniger offen bekunden, dass es ihnen in Heiligendamm beim besten Willen nicht um Ergebnisse geht. Und obwohl die USA vorab keinen Zweifel daran lassen, dass sie sich auch von einer noch so großen Mehrheit nicht von ihren eigenen Ansichten abbringen lassen werden.

So vernünftig Epplers Überlegungen deshalb auch sind – eine Chance auf Verwirklichung haben sie nicht. Denn vor allem ist der G-8-Gipfel eine spektakuläre, grell beleuchtete Bühne der Illusionen. In Zeiten, in denen Beschlüsse schon auf nationaler Ebene monatelang vorbereitet werden müssen, in denen Lobbyisten und global agierende Wirtschaftsunternehmen längst mehr Macht haben als Minister und in denen, ganz nebenbei, selbst multilaterale Spitzengespräche längst auch über Videokonferenzen stattfinden könnten, inszenieren die Politiker hier ihre eigene Macht.

Sie erwecken den Eindruck, als könnten sie soeben den Lauf der Welt ändern – per Handschlag, beim Mittagessen oder einem Spaziergang. Angesichts der Dimension der Probleme, denen sie sich eigentlich stellen müssten, ist dieser Anspruch allerdings fahrlässig – und noch unrealistischer als Epplers Forderung.

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