Durchgelesen: Frank Schulz – „Kolks blonde Bräute“


Frank Schulz schreibt über Bier. Aber natürlich steckt mehr dahinter.

Autor Frank Schulz
Titel Kolks blonde Bräute
Verlag Gerd Haffmans bei Zweitausendeins
Erscheinungsjahr 1991
Bewertung ***1/2

Ein Buch über: Bier. Vordergründig. Natürlich auch ein Buch über Orte, an denen man Bier trinkt, über Menschen, mit denen man Bier trinkt und über Menschen, wegen derer man Bier trinkt. Also: Kneipen, Kumpels, Kackfrauen.

Die Geschichte von Kolks taubem Ohr und die Anekdote, durch die es dazu kam, bilden den Anlass, beides wird aber immer wieder hinausgezögert. Eine vertrackte Erzählstruktur (man sollte besser nüchtern lesen, um folgen zu können) macht das Ganze durchaus spannend.

Der Gewinn von „Kolks blonde Bräute“ liegt aber in der Detailversessenheit und Liebe, mit der Frank Schulz das Studentenleben seiner Protagonisten in der Hamburger Szene schildert. Selten dürfte so andächtig beschrieben worden sein, wie ein Bier gezapft wird. Wunderbar auch der norddeusche Slang, vom Autor in einer Art Lautschrift wiedergegeben. Ein nicht geringer Teil des Spaßes, den man mit diesem Buch haben kann, liegt darin, diese Passagen zu entschlüsseln. Und in der Wahrhaftigkeit, mit denen hier das Besoffensein beschrieben wird.

Die Figuren heißen Satschesatsche oder Heinz der Arsch und sind, man muss das wohl so sagen, mitten aus dem Leben gegriffen. Wie schwer ihnen dieses Leben fällt, ist das Rührende an diesem Roman. Wie gerne und wehmütig sie sich trotzdem an diese Zeit ihres Lebens erinnern, ist das Schmerzende.

Beste Stelle: Im amüsanten Glossar wird der Suff in drei Phasen unterteilt: „Der leichte Lollimann beschrieb in etwa einen Schwips. Die einen sagen in dieser Phase, halbbesoffen sei rausgeschmissenes Geld, die anderen sind froh, davongekommen zu sein. Kennzeichen: knapp fahruntüchtig, fahrige Bewegungen, erhöhte Kicher- resp. Aggressionsfrequenz, gesteigerte Sensibilität gegenüber eigener Libido – gestörte gegenüber fremder, Satzwiederholungen und -auslassungen etc. Der mittelschwere Lollimann umschreibt jenen Zustand, in dem man durchaus betrunken ist. Die einen befürchten, die anderen verleugnen, verdrängen den sicheren Katzenjammer bereits. Kennzeichen: völlig fahruntüchtig, slow motion, gelöste, aber schwere Zunge. Neidung zur Überschätzung eigener Fähigkeit zur Artikulation sowie fremder zur Rezeption, krasse Divergenz zwischen sexuellem Verlangen und objektiver Leistungsfähigkeit usw. usf. Der schwere Lollimann verkörpert gewissermaßen den Filmriss in concreto. Kennzeichen: völlige Beliebigkeit sensueller und mentaler Erscheinungsformen bis hin zur Alkoholvergiftung und Bewusstlosigkeit.“

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