Durchgelesen: Ricarda Junge – „Eine schöne Geschichte“


Ricarda Junges Roman gerät im Wortsinne fantastisch.

Autor Ricarda Junge
Titel Eine schöne Geschichte
Verlag S. Fischer
Erscheinungsjahr 2008
Bewertung **1/2

Ein erstaunlicher Mut ist das. Ihren zweiten Roman lässt Ricarda Junge ganz fantastisch werden. Nicht unbedingt im Sinne von grandios, sondern in der Übereinstimmung des Wortbestandteils „Fantast“.

Ganz und gar unwirklich ist die Stadt, in der diese „schöne Geschichte“ spielt, verschwommen, vernebelt, verschleiert. „Die Stadt stürzt durch unsere Augen wie ein Wasserfall in den Kopf, sprudelt in unserem Gehirn, und wenn wir nicht wüssten, dass es besser ist, die Lippen auch bei großem Druck aufeinander gepresst zu halten, würden wir pausenlos und ohne Zusammenhang reden.“ Für die Protagonisten wie die todkranke Studentin Marie ist das mindestens ebenso aufregend und faszinierend wie für den Leser.

Die Stärke dieses sehr leisen, brüchigen Romans sind die Fragen, die er aufwirft. Die Frage nach dem Tempo, mit der sich Planeten, Kontinente und Städte bewegen, aber auch Geschichte, Beziehungen und Menschen verschwinden. Die Frage, was eher in den Wahnsinn führt: alles anzuzweifeln oder alles als selbstverständlich hinzunehmen. Die Frage, was wir mit der Welt machen, und was die Welt mit uns macht. Auf den Punkt gebracht wird all dies im Bild der Schuhe, das hier immer wieder auftaucht: Tragen wir sie oder führen Sie uns?

Junge braucht dabei nicht mit Adjektiven um sich zu werfen, um Atmosphäre zu erzeugen. Es genügt ihre offensichtlich unbegrenzte Fantasie. Wer trotz der an Körperlosigkeit grenzenden Verhuschtheit des Plots und der Figuren bis zum Ende durchhält, wird mit einem spannenden Finale belohnt. Und mit noch mehr Fragen.

Beste Stelle: „Angst lag mir wie ein Haufen Tabletten im Magen, die sich nach und nach auflösten und in immer stärker werdenden Wellen in mein Blut strömten.“

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