Leoniden, Naumanns, Leipzig


Leoniden Konzertkritik Naumanns

Mit dem neuen Album „Again“ sind Leoniden auf Tour.

„Wir haben uns total verkalkuliert“, sagt Gitarrist Lennart Eicke nach dem Konzert, als er vor dem Naumanns ein wenig Luft schnappt. Er meint damit die Lichtanlage, die bei der vor vier Tagen begonnenen Tour zum zweiten Album Again zum Einsatz kommt. „Die ist wirklich viel krasser als das Licht, das wir vorher hatten“, sagt er. Allerdings dauere es jeden Tag drei Stunden, das Ding aufzubauen, das habe man völlig unterschätzt.

Die Anekdote ist ein gutes Beispiel für die wichtigste Stärke von Leoniden, bei diesem Konzert in Leipzig, aber auch insgesamt: maximales Engagement, unbändige Leidenschaft, eine Liebe zur eigenen Musik, die manchmal eben in Übereifer umschlägt. „So durchgeschwitzt waren wir nach vier Liedern noch nie“, sagt Sänger Jakob Amr nach dem furiosen Start mit Colorless, Two Peace Signs, Iron Tusk und Doves – auch das passt zu dieser These. Sprechchöre sind schon zu hören, bevor die Band aus Kiel überhaupt auf die Bühne kommt. Was dann passiert, ist nichts anderes als ein perfektes Rockkonzert. Es gibt Euphorie und Romantik, Humor und Überzeugung, Taumel und Gefahr, es wird über die Stränge geschlagen und sich in den Armen gelegen – und all das gilt sowohl im Publikum als auch auf der Bühne.

Naumanns Leoniden Konzert

Multitasking: Jakob Amr kann crowdsurfen und dabei Percussions spielen.

„Seid ihr crazy, eigentlich?“, will Amr nach 1990 sicherheitshalber wissen, als sich die erste Wall Of Death gebildet hat. Zwei Lieder später gibt es den ersten Stagediver des Abends, noch etwas späer ein famoses Cover von Drakes Hotline Bling. „I think I’m in the middle of a storm“, heißt es in Storm, das die erste Zugabe wird und ein Circle Pit auslöst, und genau so fühlt sich dieses Konzert an. Man kann sich fragen, ob die Risse in der Decke des Naumanns schon vorher da waren, ob die Percussions (die Jakob Amr später sogar während des Crowdsurfens spielen wird) auf den beiden Leoniden-Alben auch so eine prominente Rolle haben wie im Konzert, wie der Gitarrist es schafft, sich bei all seinen waghalsigen Bewegungen weder selbst zu erwürgen noch einen Bandkollegen mit seinem Instrument zu erschlagen, und wie wichtig die Abdeckung des Bühnenlautsprechers für den Sound sein mag, die kurz vor Ende der Show in Leipzig durch den Saal segelt. Man kann aber auch einfach hüpfen, singen, die Augen schließen, die Arme nach oben reißen.

Leoniden Naumanns Leipzig

Wer’s verpasst hat, bekommt im Februar in Leipzig eine neue Chance.

Dass die Effekte der eingangs erwähnten Lichtanlage kaum auffallen, ist vielleicht das beste Argument für die Stärke der Musik dieser Band. Es gibt in Leipzig ein umwerfendes Alone, auch an anderen Stellen ein paar Anspielungen auf Michael Jackson (inklusive einiger Takte von Billie Jean), mit Nevermind vielleicht das ultimative Highlight, auch wenn schnell klar wird, dass die Songs vom neuen Album genauso hart gefeiert werden wie die Stücke vom Debüt, zu denen einige der Fans schon vor zwei Jahren im Naumanns mitgesungen haben.

Das Schönste daran: Die vermeintliche Unfähigkeit der jungen Generation, sich zu bekennen und aufzuraffen, die Leoniden ja in The Tired selbst besingen, wird durch dieses Konzert als ultimatives Vorurteil entlarvt. Der Laden platzt beinahe vor Identifikation und Leidenschaft, auch ein Appell, vielleicht am Merch-Stand noch für einen guten Zweck zu spenden, fehlt nicht. All das ist Ergebnis einer rührend altmodischen Bandgeschichte, von fünf Jungs, die einfach Musik machen wollten und darüber singen, was sie bewegt. „Wieso Rock’n’Roll seit zehn Jahren im Sterben liegt“, hat der Musikexpress kürzlich analysiert und Noisey kommentierte noch im Juni: „Rock is dead, thank God“. Den Jungs von Leoniden und den Fans in Leipzig hat davon offensichtlich keiner etwas gesagt.

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