Low – „Hey What“


Künstler*in Low

Low Hey What Review Kritik

An Interferenzmuster erinnert das Albumcover von „Hey What“.

Album Hey What
Label Sub Pop
Erscheinungsjahr 2021
Bewertung

Auf 13 Alben bringen es Low mit dieser Platte. Noch immer rätseln manche, wie die 1993 gegründete Band aus Minnesota  ihren prägnanten, sehr eigenständigen Sound hinbekommt. Dabei liefern Alan Sparhawk und Mimi Parker gelegentlich recht deutliche Hinweise. Einen Albumtitel wie Drums And Guns (2007) könnte man als Beschreibung für ihre Arbeitsweise nutzen, auch der Vorgänger Double Negative (2018) könnte als Überschrift für ihre Ästhetik funktionieren. Auf Hey What gibt es wieder so einen Fall.

Das entsprechende Stück ist Disappearing, das vierte von zehn Liedern auf dieser Platte. Der „magic place“, von dem sie darin singen, scheint die Quelle dieser Musik zu sein, die fies und brutal sein kann ebenso wie himmlisch und verführerisch, und sich nicht nur durch die Soundeffekte in einem permanenten Schwebezustand zwischen Entstehen und Verschwinden befindet, wie der Songtitel es eben bereits andeutet.

Auch das Albumcover von Hey What, gestaltet vom Künstler Peter Liversidge, ist diesmal ein sehr deutlicher Hinweis. Sein Werk spielt auf Interferenzmuster an, also auf zwei oder mehrere Wellen (wie etwa Schallwellen), die sich überlagern und gegenseitig durchdringen. Man kann wohl sowohl Sparhawk und Parker als die Personifizierung zweier solcher Wellen begreifen als auch immer wieder den Einsatz dieses akustischen Effekts auf dieser von BJ Burton produzierten Platte erleben.

Die zum Auftakt besungenen White Horses scheinen ziemlich verstört (und verstörend) zu sein, der Song stellt den ungewöhnlichen Harmoniegesang des Duos sehr klar ins Zentrum und endet mit einem bewusst nervtötenden Ticken, das dann in die Sequenz übergeht, die den Ausgangspunkt für I Can Wait bildet, in dem sich ein bedrohliches Dröhnen aufbaut und die Stimme von Mimi Parker noch mehr als sonst wie eine Sirene klingt.

Die Effekte in Days Like These scheinen zunächst für Schönklang genutzt zu werden, nicht für Dekonstruktion. Dann erlebt man diese bei Low so ausgeprägte Lust an der Unterwanderung von Harmonie natürlich doch, und ganz am Ende so etwas wie sphärischen Jazz. There’s A Comma After Still erweist sich als ein einziger, knapp zwei Minuten langer Drone, der sicher auch den geistesverwandten My Bloody Valentine gefallen hätte. Das ruhig dahinfließende Don’t Walk Away könnte ein Gospel für Gottlose sein.

The Price You Pay (It Must Be Wearing Off) schließt Hey What zunächst fast acappella ab, dann gönnen sich Low darin ausgiebiges Experimentieren mit Feedback, Hall und (mutmaßlich) rückwärts abgespielten Gitarren. In Hey antwortet ein von Mimi Parker gesungenes „Hey“ jeweils auf eine Textzeile und klingt dabei jedes Mal wie eine zerplatzende Seifenblase. Der Bass scheint derweil auszuloten, wie tief er klingen darf, um für das menschliche Ohr gerade noch hörbar zu sein.

Natürlich zeigen Low bei aller Freude an Lärm und Reduktion auch auf diesem Album wieder, wie gut sie in all diesen abgefahrenen Sounds auch Eleganz, Melodie und Wärme verstecken können. Ein Track wie All Night scheint nur aus Wabern und Verzerrung zu bestehen und ist doch auf seltsame Weise eingängig, sogar betörend. Auch More, das von einem mächtigen Gitarrenriff getragen wird, ist einer dieser Momente, in denen man erkennt: Würden sie all diese Effekte weglassen und sich zu ein wenig Politur durchringen, kämen hier mitreißende Rocksongs und sogar pure Schönheit zum Vorschein.

Auch im Video zu Hey ist das Spiel mit Interferenzen zu sehen.

Website von Low.

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