Martha Wainwright – „Goodnight City“


Künstler Martha Wainwright

Goodnight City Martha Wainwright Albumcover

Goodnight City Martha Wainwright Review Kritik

Album Goodnight City
Label Pias
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

Beinahe könnte man glauben, dem fünften Album von Martha Wainwright sei eine kreative Krise vorangegangen. Vier Jahre hat sie sich nach dem Erscheinen des Vorgängers Come Home To Mama Zeit gelassen, zudem hat sie von den zwölf Liedern auf Goodnight City nur die Hälfte komplett selbst geschrieben, bei zwei weiteren war sie Co-Autorin. Fällt ihr nicht mehr genug ein, wenn sie so umfangreich auf fremdes Material zurückgreift? Keineswegs. Die Bezeichnung als „fremd“ leugnet Martha Wainwright nämlich durch ihren ganz besonderen Zugang zu den Liedern anderer Autoren schlichtweg. „Diese Komponisten kennen mich, und ich konnte mir diese Lieder aneignen, indem ich hier und da ein bisschen verändert habe. So fühlt es sich für mich an, als hätte ich sie selbst geschrieben. Auf irgendeine Weise reflektieren sie sehr genau mein Leben, auch deshalb bin ich den anderen Künstlern so dankbar, dass sie diese Songs geschrieben haben”, sagt sie.

Vielleicht sind mit dieser Interpretation auch die beiden Gesichter zu erklären, die sie auf dem Albumcover zeigt: In mir stecken mehrere Personen, und ein paar davon finden sich auch in anderen Menschen. Andersherum: Erfahrungen und Stimmungen anderer Songwriter kann ich voll und ganz nachvollziehen. Man spürt das bei Alexandria (aus der Feder von Beth Orton), in dem sie sich zu einem verschleppten, aber sehr reizvollen Beat und einem geheimnisvollen Backing als Sängerin besonders in Zeug legt. Natürlich auch im von Rufus Wainwright verfassten Album-Abschluss Francis, der so überkandidelt, clever und schön ist, wie man das von ihm Bruder kennt.

Im Klangbild ähnlich ist die treffend betitelte Piano Music (der Text stammt von Micheal Ondaatchi, die Musik von Thomas Bartlett), ein Exot auf Goodnight City wird hingegen Take The Reins, das Merryl Garbus (Tune Yards) geschrieben hat. Mit einem elektronischen Beat und Dub-Bass gibt es darin eine für dieses Album sehr ungewöhnliche Instrumentierung, die nach und nach eine TripHop-Atmosphäre entstehen lässt, und gerade durch diese weniger ursprünglichen Elemente entsteht eine eigentümliche Sinnlichkeit.

Sonst setzt Martha Wainwright auf dem mit Produzent Thomas Bartlett (Sufjan Stevens) und ihrem langjährigen Wegbegleiter Brad Albetta in Montreal aufgenommenen Album auf einen sehr spontanen , fast altmodischen Entstehungsprozess. „Ich hatte schon lange nicht mehr so viel Spaß wie bei den Aufnahmen zu Goodnight City”, sagt sie. Mit Bartlett (Keyboards), Albetta (Gitarre und Bass) und Phil Melanson (Schlagzeug) saß sie oft im Kreis, um die passenden Arrangements für die Songs zu finden. „Wir haben sie live mit nur wenigen Overdubs aufgenommen, um den Fokus auf die Integrität der Lieder und unsere Fähigkeit zum Zusammenspiel als Band zu bewahren”, schildert sie.

Einem Lied wie Traveller meint man diese Herangehensweise förmlich anzuhören, denn es ist – wie viele Stücke auf dieser Platte – zugleich komplex und organisch. Before The Children Came Along könnte man als Chanson bezeichnen, in jedem Fall ist das Lied freigeistig, ungewöhnlich und exaltiert. Look Into My Eyes, das Martha Wainwright gemeinsam mit Anna McGarrigle und Lily Lanken geschrieben hat, scheint sich überraschenderweise zaghaft an Italo Disco versuchen zu wollen, bevor dann Strophen auf Französisch erklingen und das Lied schließlich vom Saxofon in Richtung Jazz geleitet wird.

Ein Ausreißer ist auch So Down, denn hier agiert die Künstlerin mit einer komplett elektrifizierten Band, sie wirkt dabei lakonisch wie Dylan in der Strophe, intensiv wie Florence im Refrain und man merkt: Diese Nähe zu Rock würde man sich öfter von ihr wünschen. Ein Höhepunkt ist auch der Album-Auftakt Around The Bend. Mit einer klasse Dramaturgie und offenherzigen Zeilen wie „I like to get paid / I never get laid / people are too afraid“ schafft sie es darin, gleichermaßen provokant wie elegant zu klingen.

Zur Klavierballade One Of Us, die gemeinsam mit Glenn Hansard entstanden ist, darf man wohl auch Blues sagen. „This may be hard to swallow / but one of us will lose“, heißt die zentrale Aussage und nicht nur wegen dieser allzumenschlichen Situation und des sehr klassischen Arrangements, zu dem gegen Ende noch Streicher gehören, klingt das wie ein Lied, das schon ewig da ist, das schon Carole King gesungen haben könnte oder Aretha Franklin. Auch Franci weist weit in die Vergangenheit, nämlich in Marta Wainwrights eigene Familiengeschichte. Vielleicht auch deshalb fühlt es sich ein wenig wie eine Last an, dass Franci eine auf einschüchternde Weise perfekte Person gewesen zu sein scheint.

Das Wesen (und den Reiz) von Goodnight City bringt Window am besten auf den Punkt. Das Stück ist auf sehr interessante Weise flatterhaft – und Martha Wainwright scheint alle paar Sekunden einen neuen Gedanken in ihre Musik packen und eine neue Gestalt für dieses Lied finden zu wollen.

Im Video zu Around The Bend versucht sich Martha Wainwright als Automechanikerin.

Homepage von Martha Wainwright.

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