Melt-Festival, Ferropolis, Gräfenhainichen, Tag 1


Überraschung: Kraftklub tauchten im Intro-Zelt auf und hatten Pyrotechnik dabei.

Überraschung: Kraftklub tauchten im Intro-Zelt auf und hatten Pyrotechnik dabei.

Routine ist ein wichtiges Element bei Festivals. Nicht nur für die Organisatoren, die inmitten von Chaoten (das Publikum) und Chaoten (die Künstler) und Chaoten (die Organisatoren) einen funktionierenden Ablauf auf die Beine stellen müssen. Sondern auch für die Fans, für die es überlebenswichtig sein kann, zwischen Dosenravioli, Dixieklo und nassem Schlafsack die richtige Reihenfolge einzuhalten.

Besonders hilfreich dabei ist, dass mehr oder weniger jedes Festival gleich abläuft. Als alter erfahrener Festivalbesucher hat man deshalb jede Menge Déjà-vu-Erlebnisse. Es sind Momente, in denen man sich erst wundert, dass sie schon wieder geschehen und dann froh ist, dass sie schon wieder geschehen, weil sie inmitten des Festivalchaos für Vertrautheit stehen. Sie symbolisieren, selbst in einem ganz verzweifelten Moment: Es gibt ewige Gesetze (zum Beispiel jenes, dass jedes Festival vorbei geht und überlebt werden kann), an die man sich halten kann. Ich habe sie am Tag 1 beim Melt-Festival 2013 in Ferropolis aufgezeichnet.

12.31 Uhr Das erste Mal, dass ich denke: Ich bin zu alt für diesen Mist. Ich sitze im Bus zum Festival, im Kopfhörer läuft Baby, ich bin zu alt von Superpunk, danach Drunk Girls von LCD Soundsystem, danach Hot Like Fire von The XX. Alle drei Songs passen perfekt in diesen Bus.

13.22 Die ersten nackten Menschen. Am Strand vor der Melt!Selektor Stage wird gebadet. Beneidenswert bei dieser Hitze. Ich habe erstens keine Badesachen dabei und zweitens noch zwei Interviews vor mir. Die sind blöd mit nassen Haaren.

13.40 Das erste tolle Interview. Matthew Healy, Sänger von The 1975, verspricht für später eine Show mit viel Menschlichkeit und vollem Einsatz. Er zitiert zudem Baudelaire, kündigt ein Debütalbum im Stile von Phil Collins (!) an und wird von mir zu einem Lied über Sex inspiriert. Das Interview gibt es mittlerweile hier bei Noisey.

14.35 Das erste Mal, dass ich von wildfremden Menschen angesprochen werde. Ein Typ neben mir fragt erst, ob ich weiß, wo die Duschen sind, und dann, als ich verneine: „Stört es dich, wenn wir hier einen kiffen?“

15.21 Das erste Mal, dass ein Schlagzeugsoundcheck nervt.

16.11 Das erste Mal, dass auf der Bühne „awesome“ gesagt wird. Es kommt aus dem Mund von Kelcey Ayer von den Local Natives. Und es umschreibt gut ihren Auftritt, mit dem sie sehr kalifornisch die Hauptbühne für den Freitag eröffnen.

18.57: Das erste Mal, dass die Musik beeindruckend ist: Elena Tonra von Daughter ist die beste Gitarristin seit mindestens Charlotte Hatherley.

19.38 Die erste philosophische Erkenntnis des Tages: Das Konzept, Mädels zum Tanzen zu bringen, ist immer noch sehr funktionsfähig. The 1975 bringen erst die Mädels und dann die Jungs zum Tanzen. Man darf gespannt sein, welche Dimensionen das noch annimmt, wenn im September das Debütalbum erscheint.

19.50 Die zweite philosophische Erkenntnis des Tages: Junge Frauen, die wild tanzen, sehen auch mit Tutu und zwei verschiedenen Schuhen normalerweise vollkommen bezaubernd aus. Junge Männer, die wild tanzen und seltsame Outfits tragen, sehen hingegen immer bloß verzweifelt aus.

20.11 Das erste Aufsehen erregende Outfit auf der Bühne kommt erwartungsgemäß von Katie Stelmanis (Austra). Ein goldener Anzug und eine Joan-Collins-Gedächtnis-Sonnenbrille. Schick.

20.30 Das erste Mal, dass Jungs blöde Witze machen über die Mädchen im Jungsklo.

20.38 Das erste Mal, dass ich denke, ich würde die Musik der jungen Leute nicht mehr verstehen: Blue Hawaii auf der Gemini Stage in Ferropolis bestehen aus einem Mann, der Elektronik bedient und einer hysterisch tanzenden Frau. Nicht auszuhalten.

Chaoten, Chaoten und Chaoten: Um da zu überleben, hilft nur Routine.

Chaoten, Chaoten und Chaoten: Um da zu überleben, hilft nur Routine.

21.21 Das erste Mal, dass ich nicht viel erwarte, aber auf eine feine Show treffe: Shields füllen das Introzelt einfach mal mit Hits, und das erweist sich als sehr gute Idee (sie sollten aber unbedingt etwas gegen ihren Bassisten unternehmen).

21.52 Der erste Mückenstich.

22.02 Das zweite Mal, dass ich denke, ich würde die Musik der jungen Leute nicht mehr verstehen: James Blake ist langweiliger, weinerlicher Mist. Ein Rave ohne den Moment, in dem die Katharsis kommt. Ein ewiges, deprimierendes Vorspiel.

22.42 Das erste Mal, dass ein Depp im Publikum „Ausziehen!“ ruft. Das passiert bei Friends im Intro-Zelt und gemeint ist Sängerin Samantha Urbani. Sie hatte mir im Interview vorher übrigens verraten, dass das neue Album ganz anders als das großartige Manifest! klingen wird. Die neuen Songs seien derart anders, dass sie sogar überlegt hatte, der Band einen neuen Namen zu geben. Anhand der neuen Stücke, die sie am Freitag beim Melt spielen, darf man Eighties-Powerballaden erwarten.

0.08 Das dritte Mal, dass ich denke, ich würde die Musik der jungen Leute nicht mehr verstehen: iamamwhoami sind so ähnlich wie Blue Hawaii, nur mit Kostümwechseln. Sängerin Jonna Lee verwandelt sich von Bond Girl zu Wolpertinger. Schräg.

0.55 Die dritte philosophische Erkenntnis des Tages: Man kann auch ein guter Festivalheadliner sein, ohne sich allzu sehr um die Musik zu kümmern. The Knife bieten viel Playback und dazu ein tolles Spektakel zwischen Lord Of The Dance und Bollywood-Filmset. Macht Spaß.

1.55 Die erste geniale Show des Tages. Kraftklub sind der Secret Guest am Melt-Freitag und sie beweisen im rammelvollen Intro-Zelt, dass sie längst genial genug sind, um bei diesem (und jedem anderen) Festival der einzig legitime Headliner zu sein.

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