Melt Festival, Ferropolis, Gräfenhainichen, Tag 1 4


Der erste Tag beim Melt! war heiß. Und dank The XX sehr gelungen.

Der erste Tag beim Melt! war heiß. Und dank The XX sehr gelungen.

Soviel vorab: Die popkulturelle Nachricht des Tages spielte keine Rolle beim Melt. Dass Robbie Williams wieder mit Take That vereint ist, war weder im Publikum noch backstage oder gar auf der Bühne ein Thema. Stattdessen standen beim Melt zwei andere Dinge im Mittelpunkt: die Hitze und The XX.

Zunächst zur Hitze: Die war so groß, dass zwei Mitglieder von Two Door Cinema Club am Nachmittag beim Soundcheck, kurz bevor der Einlass begann, noch oben ohne auf der Bühne standen. Abends hatten sie sich dann züchtig bekleidet. Allerdings trug der Drummer noch immer dasselbe Rolling-Stones-T-Shirt, dass er schon am Nachmittag völlig durchgeschwitzt hatte. Eklig.

Keine Probleme mit mehr als 35 Grad Celsius beim Melt schienen Bonaparte zu haben. Der Zirkus der Postmoderne aus Berlin erschien zur Pressekonferenz im kompletter Bühnenmontur: Pferdeköpfe, Discokugel-Hüte und allerlei andere Utensilien, die nicht gerade einer angenehmen Körpertemperatur zuträglich sind. Bonaparte-Chef Tobias Jundt verriet später im Interview, dass sein Kollektiv in dieser Hinsicht gestählt ist: Im Bonaparte-Tourbus fällt öfter mal die Klimaanlage aus. Von den ähnlichen Problemen bei der Bahn hatte er allerdings noch nichts gehört.

Auch das zeigt: der Mann, den alle stets den „Partykaiser“ nennen, lebt in seiner eigenen Welt. Bei der Show spielt er die ersten drei Songs versteckt unter einer schwarzen Mülltüte. Im Interview wirkt er ein bisschen wie eine Partypunkversion von Daniel Küblböck. Allerding machen Bonaparte auf der Bühne auch sehr deutlich, warum sie gerade den Lea-Award als bester deutscher Live-Act gewonnen haben: Barockkostüme, Menschen als Pferde, Cocktailkleider, Phantom der Oper, Josephine-Baker-Tänze, Prinzengarde und zum Schluss auch noch barbusiges Frauencatchen – es gibt so viel zu sehen, dass die Musik fast keine Rolle mehr spielt.

Die Shout Out Louds aus Schweden haben sich durch perfekte Italien-Touristen-Outfits an die tropischen Temperaturen beim Melt angepasst. Insbesondere Sänger Adam Olenius ist kaum wieder zu erkennen: Bei den Promo-Terminen für das aktuelle Album Work war er noch ein blasser Skandinavier, nun geht er als Latin Lover mit dunklem 3-Tage-Bart und Ray-Ban-Sonnenbrille durch. Im Interview (wo neben jemand backstage übrigens vergeblich versucht, Plastikpalmen aufzublasen, um noch mehr südliches Flair beim Melt zu verbreiten) schwärmt er von der aktuellen Tour und sagt: „Festivals sind wie ein Kindergarten für Bands.“

Auf der Bühne nimmt er dann bei einer sehr feinen Version von Impossible endlich die Sonnenbrille ab und wagt sich am Schluss bei Tonight I Have To Leave It sogar ins Publikum. Auch sonst sind die Shout Out Louds vergleichsweise experimentierfreudig: In Little By Little bauen sie ein Stück Walk Like An Egyptian von den Bangles ein. Und am Bass wird Ted Malmros (der gerade Vater wird) würdevoll vertreten von einem Mann, dessen Name ich mir nicht merken konnte. Schließlich gibt es ein – passend zum Wetter – ausuferndes 100° – und spätestens da ist klar: Die Shout Out Louds sind der perfekte Soundtrack zum Sonnenuntergang.

Tocotronic machen den Fans mit ein paar alten Stücken (mein Highlight: Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit). Health werden dafür auf der Bühne im Intro-Zelt noch ein bisschen böser als sonst schon, weil die Technik ihren Sound ruiniert: Irgendetwas, was mit Bass zu tun haben könnte, ist gar nicht zu hören. Und der Gesang von jake Duzsik ist allenfalls ein Flüstern. Bei Sigur-Rós-Sänger Jónsi hat dann nur der englische Fan vor mir ein Problem. Seinem Aufschrei ist nichts hinzuzufügen: „Shut up, Jónsi! Go fuck a geysir! And give us our money back!“

The XX haben danach sicher aber auch ihn wieder besänftigt. Das Trio aus London lockte mit Abstand die meisten Zuschauer des Tages vor die Hauptbühne – und hat wohl jeden von ihnen atemlos gemacht. Live klingen The XX zwar quasi genau wie auf Platte. Aber wenn man weiß, dass diesen Sound, der aus ganz wenigen ganz langen Tönen und noch längeren Pausen besteht, aber trotzdem sagenhaft brodelnd ist, tatsächlich nur drei blutjunge Leute fabrizieren, kann man das kaum fassen. VCR war ein Traum, jeder Song ein Treffer, und selbst wenn Bassist Oliver Sim nur „Thank you very much“ sagt, klingt das tausendmal intensiver als bei anderen Bands. Mal sehen, ob das an diesem Melt-Wochenende noch jemand toppen kann.

Der perfekte Soundtrack für den Sonnenuntergang: Die Shout Out Louds spielen Please Please Please beim Melt:

Homepage vom Melt.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

4 Gedanken zu “Melt Festival, Ferropolis, Gräfenhainichen, Tag 1