Melt-Festival, Ferropolis, Gräfenhainichen, Tag 2


In jeder Sekunde kurz vor dem Kollaps: Pete Doherty beim Melt 2013. Foto: Melt/Stephan Flad

In jeder Sekunde kurz vor dem Kollaps: Pete Doherty beim Melt 2013. Foto: Melt/Stephan Flad

Ein Problem am Melt 2013: Es fehlen die besonderen Künstler. Es gibt eine Menge Acts, die interessant sind, neu, spannend, die man entdecken möchte oder bloß kurz checken, ob das live genauso funktioniert wie bei Spotify. (Und neben dieser Fraktion gibt es noch unsägliche Acts wie Otto von Schierach, deren miserabler Humor nur noch von ihrem eigenen Modegeschmack unterboten wird. Bitte merken: Es ist nicht subversiv, ein Mikrofon als Penisersatz zu benutzen, ein Mikrofonkabel als Urinersatz zu nutzen und dann so zu tun, als würde man auf die Bühne pinkeln. Es ist auch nicht lustig. Nicht einmal noch sieben Flaschen Tequila beim Springbreak).

Aber es gibt eine viel zu kleine Fraktion von Bands, denen man wirklich entgegen fiebern kann, für die man alles stehen und liegen lassen würde. Acts, die nicht nur irgendwann neulich den passenden Hintergrund zur Party gemacht haben, sondern deren Musik etwas aussagt über das Leben. Unser Leben. Mein Leben.

Man braucht für die Bestätigung dieser These nicht einmal unbedingt in die Köpfe und Herzen der Melt-Besucher zu schauen. Es reicht, wenn man ihnen auf die Brust schaut: Band-T-Shirts sind auf dem Melt ungefähr so angesagt wie Wärmewickel. Kaum jemand trägt zur Schau, wen er mag. Und wenn man dann doch einmal ein Band-T-Shirt erblickt, dann definitiv nicht von einem Act des aktuellen Line-Ups, sondern historische (mitunter auch bloß als H&M-Gimmick genutzte) Größen wie die Ramones oder Guns’N’Roses. Es passt zur Anything-Goes-Mentalität, dass man kaum einen Festivalbesucher findet, der seine Lieblingsband auf der Haut und das Bekenntnis zu ihr offen in die Welt tragen will. Man würde sich damit ja festlegen und – womöglich noch schlimmer – angreifbar machen.

Dieses Defizit ist auch am Samstag in Ferropolis nicht zu kaschieren, aber es gibt eine Band beim Melt 2013, die es beinahe komplett kompensieren kann: Babyshambles. Die Spannung, ob sie überhaupt erscheinen, ob sie pünktlich sind und ob Pete Doherty aus eigener Kraft aufrecht stehen kann, übertrifft vieles, was einige der anderen Acts während ihres gesamten Sets zu bieten haben – und all das wirkt hier bereits, bevor überhaupt ein einziger Ton erklungen ist. Dann stehen Babyshambles um 23.30 Uhr tatsächlich in Ferropolis auf der Bühne, Pete Doherty trägt Seemannsmütze und ein gestreiftes Shirt, und er legt eine atemberaubende Performance hin.

Natürlich trifft er oft die Töne nicht, vernuschelt mal eine Strophe, torkelt umher, wirft das Mikrostativ in den Bühnengraben, schwadroniert irgendetwas von der SS und von Krefeld und lässt eine Ansage im Liegen los, die kein Mensch (einschließlich seiner eigenen Bandmitglieder) versteht. Natürlich klingt diese Band so chaotisch, dass man nie auf die Idde käme, sie spielten alles dasselbe Lied, wenn das Schlagzeug den Laden nicht halbwegs zusammen halten würde. Aber die Stimme von Pete Doherty, in der auch dann noch eine grandiose Romantik stecken würde, wenn er bloß die Gelben Seiten des Landkreises Wittenberg verlesen würde, ist sagenhaft. Und der Nervenkitzel, den diese Show erreicht, wird von nichts an diesem Wochenende in den Schatten gestellt. Bricht in der nächsten Sekunde alles zusammen (die Antwort lautet: gut möglich)? Spielt er noch etwas von den Libertines (Nein)? Fällt er gleich tot um (einmal sieht es kurz danach aus)? Wird es neue Songs geben (ja, ein ziemlich gutes neues Stück namens Farmer’s Daughter erklingt)? All das sorgt für eine famose Rockshow, die mit Fuck Forever ein tolles Finale findet. Die ultimative Hymne des Melt 2013 steht damit bereits am Samstagabend fest.

Eine durchaus besondere Show gibt es auch von Woodkid. Yoann Lemoine liefert nicht nur eine tolle Videoshow, sondern ein erstaunliches Gesamtkunstwerk. Vangelis, Rammstein, Elbow und The Prodigy treffen da aufeinander, zusammengehalten von einer tollen Stimme. Das ist ebenso barbarisch wie majestätisch – oder aber: die Musik, zu der Elefanten tanzen. Groß.

Auch Disclosure, die vor einer pickepackevollen Gemini Stage spielen, zählen zu den Highlights am Samstag. Swim Deep sind dort auch eine Entdeckung wert, nicht nur wegen ihres Covers von Girls Just Wanna Have Fun. Dasselbe gilt für Karocel, denen man fast das Attribut vom „Einheizer“ andichten könnte, wenn das an diesem brütend heißen Wochenende in Ferropolis nicht eher eine Beleidigung wäre.

Kettcar wirken auf der Hauptbühne hingegen zunächst wie ein Fremdkörper, kriegen dann nach fünf, sechs Liedern aber wunderbar die Kurve. „Wir wissen ja, dass wir hier nur die analoge Vorband sind“, scherzt Sänger Marcus Wiebusch, und das nach wie vor zauberhafte Balu kündigt er wenig später fast entschuldigend an mit dem Hinweis: „Da müsst ihr jetzt mal durch nach all dem Elektrogeballer.“ Aber nach Songs wie Rettung, Money Left To Burn oder ganz am Schluss Landungsbrücken raus kann es niemanden mehr geben, der sich mehr Elektronik wünscht. Auch da ist sie vollkommen erfüllt: die Sehnsucht nach Bedeutung.

 

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