Durchgelesen: Susanne Heinrich – „In den Farben der Nacht“


Die Figuren von Susanne Heinrich sind nackt – im Wortsinne oder emotional.

Autor Susanne Heinrich
Titel In den Farben der Nacht
Verlag DuMont
Erscheinungsjahr 2005
Bewertung ***1/2

Hier gibt es nichts zu lachen. Niemals. Die Ich-Erzählerinnen von Susanne Heinrich sind immer todernst. Immer etwas unglücklich. Und immer nackt – oft im wörtlichen, meist im emotionalen Sinne. Sie stecken voller Sehnsucht und Leidenschaft, sie jagen mit bloß liegenden Rezeptoren durch die Welt.

Dort erwarten sie in den Erzählungen der jungen Leipzigerin (Jahrgang 1985) erotische Eskapaden, aufregende Urlaubsreisen und nicht ganz zufällige Autounfälle. Mit allen Sinnen wird hier nach einem Sinn gesucht, und einmal muss sich die Erzählerin sogar von einem Freund erklären lassen: „Du hast dreimal so große Augen wie andere. Du siehst zu viel.“

Diese Analyse scheint auch auf die Autorin zuzutreffen, denn nicht selten sind ihre Erzählungen etwas überfrachtet mit (zugegebenermaßen fantasievollen) Bildern, Zitaten und Querverweisen. Deshalb wimmelt es von Wolken und Wasserbildern, Popsongtexten und Filmdialogen. Man gerät in Versuchung, die Autorin mit ihren Protagonistinnen gleich zu setzen: Sie wissen zu viel und verstehen zu wenig. Sie ahnen aber, dass es da eine Verbindung gibt zwischen Wissen und Verstehen, eine Brücke zwischen Suche und Glück.

Deshalb stürzen sie sich Hals über Kopf in Leben und Liebe, benutzen Lieder und Literatur als Wegweiser und tragen ihre Narben wie Trophäen der Weisheit.

Susanne Heinrich fehlt manchmal noch die Konzentration, um dieses Lebensgefühl in einen rundum gelungenen Text fließen zu lassen. Aber bei dem enormen Talent, das sie mit „In den Farben der Nacht“ beweist, sollte man ihr unbedingt die Zeit geben, diesen Fokus noch zu finden – und das Glück.

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