Thomas Godoj, Werk 2, Leipzig

Immer in Bewegung: Beim Konzert in Leipzig gibt Thomas Godoj alles.

Immer in Bewegung: Beim Konzert in Leipzig gibt Thomas Godoj alles.

Richtig genießen kann Luca Hänni seinen Triumph bei DSDS 2012 noch nicht. «Es ist noch so krass, dass ich das noch gar nicht richtig fassen kann», sagt der frischgebackene Sieger der neunten Staffel der RTL-Castingshow. Er will sich jetzt ins Zeug legen und schmiedet Karrierepläne. Der 17-jährige Schweizer ist sich sicher: «Jetzt geht es los.»

Aber solch ein Superstar-Titel kann eine ziemlich kurze Halbwertszeit haben. Das kann man nicht einmal 24 Stunden nach dem DSDS-Finale erleben. Da steht Thomas Godoj im Werk 2 in Leipzig auf der Bühne. Er gewann im Mai 2008 bei Deutschland sucht den Superstar, mit bombastischem Feuerwerk und vor sechs Millionen Fernsehzuschauern. Seitdem hat er es auf drei Alben gebracht, gerade ist seine erste DVD Live ausm Pott erschienen.

Aktuell ist er auf Deutschland-Tour. Im Schnitt kommen pro Abend 500 Zuschauer. In seiner Heimat im Ruhrpott sind es deutlich mehr. Hier, am anderen Ende der Republik, kommen 300 Fans. „In den neuen Ländern“, sagt der Mann vom Management politisch korrekt, „ist es schwieriger“.

Von Glamour ist auch sonst kaum etwas zu sehen. Backstage gibt es Softdrinks aus Dosen und eine halbe Kiste Ur-Krostitzer. Die Musiker und ihre Crew hängen vor dem Konzert auf dem Hinterhof des Werk 2 ab, umgeben von Graffiti und Ruinen. Immerhin: Ein Rettungswagen ist da, falls es doch noch Teenager in Ekstase geben sollte.

Thomas Godoj kommt damit klar, sagt er. „Der Hype ist geringer geworden. Aber das war mir von vorneherein klar. Ich heule dem nicht hinterher“, erzählt er mir im Interview vor dem Konzert. Ein grundsätzliches Problem mit Castingshows hat er ganz offensichtlich nicht (als Aufwärmmusik vor seiner Show läuft sogar ein Lied von Lena). Aber man merkt dem 34-Jährigen an, dass er die DSDS-Assoziation gerne hinter sich lassen möchte. „Das ist eine große Karaoke-Show. Da geht es nicht um deine Musik“, sagt er heute. Sein Image sei dadurch „negativ behaftet“. Den Namen der Sendung, die ihn berühmt gemacht hat, nimmt er bezeichnenderweise nicht ein einziges Mal in den Mund. Er spricht von „so einer Sendung“ oder „dieser ganzen Casting-Geschichte“.

Noch ein bisschen deutlicher wird Sebel van der Nijhoff, der das Vorprogramm bestreitet. „Ich denke, dass der Trend mit den Castingshows zu Ende geht. Ich glaube, dass die Leute wieder Künstler suchen. Jemanden, mit dem sie sich identifizieren können. Jemanden, der ihnen keine Scheiße erzählt, der nicht gemacht ist von irgendeinem Produzenten, sondern ihnen auf der Bühne das erzählt, was er ist.“

Diesen Worten lässt der Newcomer mit seiner Band dann auf der Bühne Taten folgen. Man erkennt sofort, dass er der Typ ist, als der er auch in seinen Liedern und Videos erscheint: eine Rampensau. „Hallo, wir sind die nervige Vorband“, lautet seine Begrüßung, und schon im ersten Lied Wie deutsch kann man sein präsentiert Sebel van der Nijhoff mit seiner Band alle gängigen Rockmusik-Posen. Er macht den Duckwalk, er spielt Gitarrensoli mit geschlossenen Augen und verkrampftem Gesicht und albert mit den Bandkollegen herum.

Das funktioniert blendend: Schon beim dritten Lied singen die Leute mit – und das, obwohl Sebel van der Nijhoff erst in vier Wochen seine erste EP veröffentlichen wird (das Album ist „quasi fertig“, sagt er im Interview, und soll dann spätestens Anfang August folgen). Zum Schluss gibt es eine Ballade, und davor meist knackigen Bluesrock, der mit einiger Sicherheit auch denen gefallen würde, die eigentlich zum (kurzfristig verschobenen) JBO-Konzert im Nachbargebäude wollten.

Auch Thomas Godoj wirkt in seinem Konzert nicht einen Moment lang wie das zufällige Produkt einer Privatfernsehsendung. Zu den Klängen von So gewollt, dem Titelsong seines aktuellen Albums, betritt er die Halle mitten im Publikum. Er trägt ein Seeed-T-Shirt und die Mütze, die auch auf dem Albumcover zu sehen ist (aber dadurch nicht weniger albern wird), wandert durch die Fans auf die Bühne und hat sichtlich Spaß daran, dass dieser Gag dem einen oder anderen schon nach ein paar Sekunden des Konzerts die Sprache verschlägt.

Es mögen zwar nicht mehr so viele Menschen im Publikum sein wie zu Zeiten seines Nummer-1-Hits Love Is You, und die meisten sehen aus, als ob sie eher Brigitte lesen als Bravo. Aber sein Konzert beweist, dass er einen Nerv trifft, dass die Fans hier sind, weil sie seine Lieder wollen – nicht, weil sie ihn aus dem Fernsehen kennen. Godoj wird ungeduldig erwartet (vor dem Konzert stehen die Fans tatsächlich Schlange; die Umbaupause nach der Vorgruppe zieht sich etwas länger hin als geplant, was nach einer halben Stunde in rhythmisches Klatschen mündet), legt sich dann voll ins Zeug und hinterlässt am Ende sehr zufriedene Fans. Herzblut heißt die neuste Single des Manns aus Recklinghausen – und genau das ist wohl auch sein neues Erfolgsrezept.

Thomas Godoj ist jetzt wieder authentisch, meint man. Er ist gerne nah bei den Fans, und er ist dankbar dafür, auf der Bühne stehen zu können. Man kann sicher sein, dass diese Fans beim nächsten Konzert in Leipzig wieder da sein und dass sie irgendwann „unser Thomas“ zu ihm sagen werden, nicht „der Thomas von RTL“. Vom Rocker zur Castingshow und zurück – Thomas Godoj könnte der erste sein, der diesen Weg schafft, auf dem beispielsweise Tobias Regner oder Martin Kesici gescheitert sind.

Für Luca Hänni, einen seiner Nachfolger, hat er auch noch ein paar Tipps parat. „Durch die Sendung wird man zwar ein bisschen bekannt. Aber man kann danach nicht blauäugig durch die Weltgeschichte rennen und sich als Held der Nation fühlen“, sagt Thomas Godoj. Er bereut seine Auftritte bei RTL nicht, sagt aber auch, dass er viel Lehrgeld bezahlt hat. Zweimal hat er seit dem DSDS-Triumph beispielsweise schon das Management gewechselt. Nun sieht es aus, als habe Thomas Godoj seinen Weg gefunden. „Was man im Nachhinein daraus macht, das bleibt einem selbst überlassen. Man sollte sich zügig aus dieser Maschinerie fernhalten, sich frei machen von dem Ganzen und versuchen, sein eigenes Pferd ins Rennen zu schicken.“

Sebel van der Nijhoff spielt Scheiß auf die Disco live im Werk 2 in Leipzig:

Eine gekürzte Version dieses Konzertberichts gibt es auch bei news.de.

Marlon Roudette, Werk 2, Leipzig

Das Konzert machte klar: Marlon Roudette liebt, was er tut.

Das Konzert machte klar: Marlon Roudette liebt, was er tut.

“Das ist das Lied, das mich noch einmal hierher gebracht hat”, sagt Marlon Roudette, als er New Age ankündigt. Der Londoner steht auf der Bühne in Leipzig, wo er schon Ende 2011 (damals noch im Vorprogramm von Milow) ein Konzert gespielt hatte. Und er weiß, dass er nach wie vor auf einer sagenhaften Erfolgswelle reitet, die genau jener Song ausgelöst hat: New Age wurde von Matthias Schweighöfer geliebt (er machte den Song zum offiziellen Lied seines Regiedebüts What A Man) und von den deutschen Radiomachern ins Herz geschlossen (zu seiner besten Zeit war New Age rund 2000 Mal pro Woche im Äther zu hören). Auch die deutschen Plattenkäufer konnten nicht genug davon bekommen: 300.000 Mal hat sich die Debütsingle von Marlon Roudette inzwischen verkauft, acht Wochen lang stand sie ununterbrochen an der Spitze der Charts.

Sympathisch, spontan und dankbar zeigte sich Marlon Roudette im Werk 2.

Sympathisch, spontan und dankbar zeigte sich Marlon Roudette im Werk 2.

Es ist durchaus angenehm zu beobachten, wie dankbar Marlon Roudette für diesen Erfolg ist. Denn man hätte sich den 30-Jährigen auch als Schnösel nach dem Schema Ochsenknecht vorstellen können: Marlon Roudette ist schließlich der Sohn von Cameron McVey, der als Produzent unter anderem die gefeierten Debütalben von Massive Attack, All Saints oder den Sugababes betreut hat, dessen eigene Versuche als Popstar bis dahin allerdings nur eine einzige Single im Jahr 1986 hervorgebracht hatten – und da war Cameron McVey auch schon im stolzen Popstar-Alter von 32. Dass der Sohn jetzt den Traum verwirklichen soll, den der Vater für sich nicht wahrmachen konnte – das ist ja durchaus gängige Praxis, nicht nur im Popgeschäft.

Noch einen Vorbehalt könnte man gegen diesen Künstler haben: Marlon Roudette hat womöglich gar kein Talent, sondern bloß gute Beziehungen ins Musikgeschäft. Seine Stiefmutter ist Neneh Cherry, schon für sein erstes Soloalbum arbeitete er mit Top-Produzenten und Songschreibern wie Brian West (Nelly Furtado), Guy Chambers (Robbie Williams) oder Paul O’Duffy (Amy Winehouse) zusammen.

Doch solche Zweifel werden im Konzert im Werk 2 in Leipzig schnell zerstreut. Roudette hat eindeutig Charisma und Star Appeal – auch dann noch, als er nach zwei Songs sein Gangs Of New York-Outfit mit Hut und Sakko abgelegt hat. Er hat eine tolle Stimme und hält die Fans mit charmanten Ansagen auf Deutsch bei Laune, in denen er von seiner Jugend auf der Karibik-Insel St. Vincent erzählt oder vom Tod seiner Großmutter. Und er zeigt sich durchaus mutig.

New Age, den Über-Hit wegen dem sicherlich die allermeisten der Zuschauer ins ausverkaufte Werk 2 nach Leipzig gekommen sind, spielt er schon als viertes Lied. Er gönnt sich ausgiebige (und sehr gelungene) Passagen als Solist an den Steel Drums und wagt sich auch an eine Coverversion des Jimmy-Cliff-Klassikers The Harder They Come. Zum ersten Mal überhaupt spielt er als Solokünstler das Lied Living Darfur, das er 2007 mit seiner früheren Band Mattafix veröffentlicht hatte.

Marlon Roudette spielte auch Lieder seiner Ex-Band Mattafix.

Marlon Roudette spielte auch Lieder seiner Ex-Band Mattafix.

Auch einige andere Mattafix-Songs (wie der Nummer-1-Hit Big City Life als erste Zugabe) erklingen an diesem Abend in Leipzig. Und das, obwohl das Ende der Band im Jahr 2010 und der darauf folgende Ärger mit der Plattenfirma für ihn nicht eben einfach waren, wie Marlon Roudette im Video-Interview mit der LVZ erzählt.

Auch dieser unverkrampfte Umgang mit dem Material der Ex-Band passt zu seinem Stil: locker, spontan und sympathisch. Da steht keiner auf der Bühne, der bloß den Traum seines Vaters lebt oder sich eben mal als Musiker versucht, weil ihm das bei seiner Herkunft normal erscheint oder ihm nichts Besseres einfällt. Im Konzert wird ganz deutlich: Marlon Roudette liebt, was er tut.

Besonders die erste Hälfte der Show gefällt, in der sich Marlon Roudette seiner Vorliebe zum Reggae hingibt, viel Tanzbares zu bieten hat, auch ein bisschen Dubstep anklingen lässt und damit durchaus Individualität und Kreativität beweist. Gegen Ende hin sinkt die Spannungskurve allerdings, dann wird deutlich, dass sein Repertoire eben auch belanglose Popsongs zu bieten hat, die man von jedem beliebigen Castingshow-Sternchen auch so oder so ähnlich bekommen könnte. Vor allem der kitschige Keyboard-Streicher-Sound, der fast in jedem Lied seinen Auftritt hat, nervt mit zunehmender Dauer des Konzerts im Werk 2.

Erst, als nach genau einer Stunde Anti-Hero erklingt, die zweite Erfolgs-Single von Marlon Roudette, geht es wieder bergauf. Ganz am Schluss gibt es dann noch einmal New Age: Nur mit seiner Gitarre spielt der 30-Jährige das Lied mitten im Getümmel der Zuschauer und albert dabei reichlich mit seinen Fans herum. Für die, die ganz nah dran sind, wird es ein unvergesslicher Abschluss eines sehr gelungenen Konzerts.

Marlon Roudette hat seinen Frieden gemacht mit Mattafix und spielt live in Leipzig auch Big City Life:

Marlon Roudette spielt noch zwei weitere Shows in Deutschland:

23. April: Frankfurt, St. Peter

24. April: München, Backstage Halle

Eine leicht gekürzte Version dieses Konzertberichts gibt es auch auf news.de.

Futter für die Ohren mit H-Blockx, Shearwater, Memoryhouse, Cursive und School Of Seven Bells

Evan Abeele und Denise Nouvion sind Memoryhouse. Foto: Off The Record PR

Evan Abeele und Denise Nouvion sind Memoryhouse. Foto: Off The Record PR

Wer hätte das gedacht? Pünktlich zum Herannahen der Festivalsaison kehren H-Blockx zurück. Am 25. Mai erscheint das Album HBLX, und um die Werbetrommel schon mal ein wenig zu rühren, verschenkt die Band auf ihrer Homepage den Track Can’t Get Enough. Nach Auskunft der Plattenfirma ist es das Lieblingslied der Band auf dem neuen Album. Wie eh und je bei den Jungs aus Münster gibt dabei der Bass den Ton an, dazu kommt einer netter Flow, der verwirrenderweise gelegentlich an Snoop Dogg denken lässt, und neuerdings offensichtlich so etwas wie Entspanntheit statt Geschrei bei Sänger Henning Wehland. Mal sehen, ob er das bei den Festivals (unter anderem sind Taubertal und Highfield schon gebucht) auch durchhalten kann. **1/2

Ebenfalls in der härteren Gangart zuhause und ebenfalls auf dem besten Weg zu Veteranen sind Cursive. Ihr siebtes Album I Am Gemini ist gerade erschienen. Die Band aus Omaha beweist darauf, wie gut sich Post-Harcore mit Konzeptalben verträgt (wie sie es im Jahr 2000 schon mit Domestica getan haben). Wowowow, das auf der Homepage ihres Labels Saddle Creek zum kostenlosen Download bereit steht, funktioniert aber auch als einzelner Track. Vor allem glänzt Frontmann Tim Kasher als Sänger. Über die komplexen Gitarren und noch komplexeren Beats singt er mal einladend, mal geheimnisvoll, mal wütend. Spannend. ***

Als Kunstprojekt begannen Memoryhouse aus Kanada, inzwischen könnten sie locker eine steile Karriere als Cranberries-Coverband hinlegen. Nun stellen die netten Jungs und Mädels von Sub Pop jetzt die besten Track des Memoryhouse-Debüts The Slideshow Effect gratis zur Verfügung: Walk With Me beginnt schlaftrunken und entwickelt dann eine leicht kokette Schüchternheit im Stile von Saint Etienne. Eine gute Dosis Cranberries steckt natürlich auch noch immer drin. Sehr hübsch. ***1/2

Ebenfalls bei Sub Pop unter Vertrag, und ebenfalls mit einem Highlight ihres aktuellen Albums hier vertreten sind Shearwater. Breaking The Yearlings, das es hier zum Gratis-Download gibt, dreht von Beginn an ein ganz großes Rad und macht mit seinem Sound die Tatsache nicht mehr ganz so unvorstellbar, dass Shearwater einmal als Vorgruppe für Coldplay gespielt haben. Im Herzen ist die Band aus Seattle aber weiterhin eine aufrechte Indie-Institution (der Track stammt von Animal Joy, ihrem bereits achten Album), und deshalb wird der Gesang ein bisschen hysterisch wie bei Maximo Park oder den Talking Heads und die Gitarren könnten Paul Epworth sehr glücklich machen. *** Bei Stereogum gibt es von Shearwater übrigens gerade You As You Were zum kostenlosen Herunterladen, das von Klavier getragen und ein bisschen konventioneller ist, aber ebenso gelungen. ***

Ein bisschen verschoben hat sich Album Nummer drei von School Of Seven Bells aus New York angekommen. Ghostory ist mittlerweile aber doch draußen. Gitarist & Produzent Benjamin Curtis und Sängerin Alejandra Deheza (ihre Schwester Claudia gehört mittlerweile nicht mehr zur Band) legen damit ein Konzeptalbum vor, das die Geschichte eines jungen Mädchens names Lafaye erzählt – und von den Geistern, die sie umgeben. Lafaye, der Titeltrack, ist auch die erste Single des Albums und hat unlängst einen Remix der Scissor Sisters erhalten, den man bei Soundcloud umsonst herunterladen kann. Der Track klingt tatsächlich nach Geistern und jungen Mädchen – keine schlechte Kombination. ***

Boy, Theaterfabrik, Leipzig

Bei ihnen fühlt man sich verstanden: Sonja Glass (links) und Valeska Steiner. Foto: Benedikt Schnermann/Add On Music

Bei ihnen fühlt man sich verstanden: Sonja Glass (links) und Valeska Steiner. Foto: Benedikt Schnermann/Add On Music

Sitzen oder stehen? Das ist die erste Frage, wenn man die Theaterfabrik in Leipzig betritt. Beim ausverkauften Konzert von Boy ist das keineswegs eine Banalität. In der Entscheidung schwingt nichts weniger mit als eine grundsätzliche Einordnung, eine Schublade für diese Band. Club oder Cabaret? Tanzen oder Träumen? Singen oder Schwelgen?

Boy nehmen ihren 750 Fans in Leipzig diese Entscheidung nicht ab, sorgen zum Glück aber schnell dafür, dass sich beide Fraktionen wohl fühlen. Man kann sich zu ihrem Programm wunderbar nach vorne begeben, wo mitgesungen wird, und wo schon am Ende des ersten Lieds jemand ein Feuerzeug entzündet (es bleibt dann freilich dankenswerterweise das einzige des Abends). Man kann sich auch hinten, wo es beinahe wirkt, als habe sich der Boden der Theaterfabrik aus Neugier ein bisschen nach oben gereckt, um zumindest einen verstohlenen Blick auf das Geschehen auf der Bühne werfen zu können, einen Kinosessel suchen, die Augen schließen und sich verwöhnen lassen von dieser „Musik, die nach ewig blauem Himmel klingt, sanfte Stimmen, große Melodien, keine unnötigen Aufregungen, geradeaus und hübsch“ (Süddeutsche Zeitung).

Denn, offen gesagt: Visuell verpasst man nicht allzu viel. Natürlich grenzt es an Frevel, sich dem optischen Zauber von Valeska Steiner aus Zürich (mit Minirock und goldenem Glitzertop) und Sonja Glass aus Hamburg (in einem etwas weniger glitzernden Bolero-Jäckchen) zu entziehen. Aber bis auf einen riesenhaften Lampion links von der Bühne und die Scheinwerfer, die zu jedem Lied die passende Farbe finden, passiert kaum etwas, was man „eine Show“ nennen könnte.

Das ist allerdings ein Segen für diesen Abend in Leipzig. Die Musik von Boy lebt, das ist die größte Stärke ihres Debütalbums Mutual Friends, von ihrer Zurückhaltung. Genau diesen Trumpf spielen Valeska Steiner und Sonja Glass gemeinsam mit ihrer vierköpfigen Band auch live aus. „Wir schwitzen sonst nie“, behaupten sie gar angesichts der schnell tropischen Temperaturen in der Theaterfabrik.

Auch sonst sind die Ansagen so schlau, wie man das angesichts der Reflexion und unangestrengten Poesie der Texte von Boy erhoffen durfte. Dabei wirkt nichts kalkuliert. Wenn Valeska Steiner versucht, mit ein bisschen Lokal-Small-Talk einen Draht zu den Leipzigern aufzubauen oder Boris mit dem Hinweis anmoderiert, dass es auch in der Schweiz durchaus Arschlöcher gibt, dann hat das genau die richtige Dosis Unbeholfenheit. Man darf fast gewiss sein: Egal, mit wie viel Wut, Frust oder Vorliebe für Dubstep/Volksmusik/Death Metal man zu einem Konzert von Boy kommt: Es wird fast unmöglich sein, diese Band nicht sympathisch zu finden.

Boy sind auf diesen Charakterzug nicht angewiesen, denn ihre Lieder sind stark genug, um auch noch zu gefallen, wenn sie von hässlichen, arroganten Snobs gespielt würden. Aber ihre Bescheidenheit („Wir spielen jetzt unsere zweite Tour und es ist total schön, dass diese Konzerte immer so gut besucht sind und dass so viele Leute da sind, die die Songs mitsingen und so“, sagt Valeska tatsächlich im Interview mit der LVZ) und die fortwährende Verwunderung über den eigenen Erfolg (am Ende von Little Numbers gerät die Band derart in Verzückung über diese gelungene Show und die Begeisterung in der Theaterfabrik, dass sie ein bisschen zu schnell wird und das Lied beinahe ins Straucheln gerät) sind bei den Konzerten ein wichtiger Faktor für die Bindung zu den Fans.

Der bunte Mix im Publikum, der verführerische Konsens, der bei diesem Konzert in scheinbar allen Fragen herrscht, und die Innigkeit, mit der hier Schüler-Cliquen, junge Familienväter und lesbische Pärchen gleichermaßen mitsingen – all das lässt an die Blütezeit von Wir Sind Helden denken. Der Albumtitel Mutual Friends bekommt bei den Konzerten noch einmal eine ganz neue Dimension: Hier fühlen sich Menschen verstanden.

Das gilt für Skin in der Mitte der Show, das die Vorfreude auf eine euphorische Partynacht und die Einsamkeit auf dem enttäuschten Heimweg auf den Punkt bringt (und dann als Zugabe in der Theaterfabrik noch einmal als Akustik-Version erklingt). Es gilt in Waitress, dem zweiten Stück des Abends, für die Hoffnung, die der Monotonie innewohnt, wenn man das möchte. Oder die etwas eitle Melancholie von Waltz For Pony, das sich in Leipzig als perfekter Beinahe-Schlusspunkt erweist.

Einen neuen Song haben Boy danach nämlich auch noch im Gepäck. Das Lied mit der zentralen Zeile „a hotel room is a hotel room“ verarbeitet ganz offensichtlich die Tristesse des Touralltags (kein Wunder: Glaubt man der Band, dann ist der Song erst vier Tage zuvor fertig geworden, und da gastierten Boy ausgerechnet in Bielefeld).

Am Ende haben die Fans alles richtig gemacht, die da waren – egal ob stehend oder sitzend. Vor der Bühne wird fleißig gewippt und geschunkelt, als in der zweiten Hälfte des Konzerts mit This Is The Beginning, Silver Streets oder Little Numbers das Tempo ein bisschen angezogen wird, kann man sogar richtiges Tanzen erkennen. Auf den Sitzplätzen hinten ist man sich zumindest nicht zu fein, auf Aufforderung von Valeska Steiner die Arme in die Luft zu recken. Aber die Euphorie eines Boy-Konzerts äußert sich ganz offensichtlich nicht in exstatischer Körperertüchtigung der Stehplatz-Fans oder im andächtigen Lauschen und frenetischen Applaus der Sitzenden. Blickt man sich nach dem Konzert um, erkennt man die Euphorie anderswo und überall: in den Gesichtern der Fans.

Boy spielen Boris live in der Theaterfabrik Leipzig:

You Say France & I Whistle, Werk 2, Leipzig

Euphorie mit einer kleinen Hintertür - das ist das Prinzip von You Say France & I Whistle.

Euphorie mit einer kleinen Hintertür - das ist das Prinzip von You Say France & I Whistle.

Zwei Dinge kann man schon erahnen, bevor dieses Konzert überhaupt beginnt. Erstens: You Say France & I Whistle stehen unglaublich gerne auf der Bühne. Die Schweden haben schon Konzerte bei Festivals, aber auch in Schaufenstern und, ähm, öffentlichen Toiletten gespielt. Live sind sie ganz offensichtlich in ihrem Element. Zweitens: You Say France & I Whistle machen eingängige, fröhliche, massentaugliche Musik – ohne das geringste Problem mit der Kategorisierung als Pop. Die Lieder des Quintetts, das 2008 seine erste EP und vor genau einer Woche sein Debütalbum Angry Men veröffentlicht hat, zierten schon die Werbekampagnen von Gap, Orbit, Coca Cola und McDonald’s.

Es kann also eigentlich nicht überraschen, dass dieser Abend in Leipzig so ein großer Spaß wird. Das Konzert im Werk 2 ist kein Erweckungserlebnis, aber es ist nah dran. Im Publikum sind ein paar Leute, bei denen man wohl von „preaching to the converted“ sprechen kann. Wie der großgewachsene junge Mann, der sogar den Text eines bisher unveröffentlichten Songs mitsingt, und für den im Werk 2 zugleich Weihnachten, Ostern und sein 18. Geburtstag zu sein scheint, so freudetrunken erlebt er diese Show mit. Aber deutlich größer ist der Anteil derer, die wohl nur aus Neugier (oder angelockt vom YouTube-Minihit OMG) gekommen sind, und an diesem Abend im Werk 2 erst zu beinharten Fans von You Say France & I Whistle werden.

Woran das wohl liegen kann? Einen nicht geringen Anteil hat der Faktor Charme. „Sind wir denn so hässlich?“, fragt beispielsweise der Sänger der soliden Vorgruppe lost.minds aus Jena, als keiner im Publikum so richtig nah an die Bühne kommen will. Ein bisschen schnippisch ist dieser Spruch, ein bisschen auswendig gelernt, ein bisschen cool. Aber er ändert nichts, weil er die Hürde nicht abbaut, die zwischen Band und Publikum steht. „Wir sind die Rockstars, ihr seid die Fans“ – das ist das hier praktizierte Prinzip, und lost.minds arbeiten ein gutes Stück daran mit, dass es in Leipzig gültig bleibt.

You Say Friends & I Whistle sind hingegen (man muss das sagen) im Großen und Ganzen keine Schönlinge (auch wenn sie live und in Farbe immerhin ein bisschen passabler aussehen als auf ihren eigenen Pressefotos). Aber hier kommen alle nach vorne. Distanz hat die Band nicht nötig für ihr Selbstverständnis oder ihre Bestätigung. Hier geht es um Ausgelassenheit, und keiner der Fünf auf der Bühne macht sich Gedanken darum, ob das vielleicht auch einmal ein bisschen daneben aussehen kann. Alle (sogar Schlagzeuger Petter Wesslander) singen mit. Alle sehen aus, als hätten sie ihre Outfits aus einem Koffer, den sie vom Gepäckband am Flughafen geklaut haben, und der die Klamotten eines slowakischen Geographielehrers enthielt. Und alle springen vollkommen unaffektiert kreuz und quer über die Bühne.

Das beste Beispiel ist Leadsänger Claes Carlström. Nachdem You Say France & I Whistle mit einem Hit-Hattrick bestehend aus Second Thoughts, OMG und Animal losgelegt haben, nimmt er zufrieden zur Kenntnis, dass sich die gute Laune auf der Bühne bereits auf die Zuhörer im Werk 2 übertragen hat. Er hätte da aber gerne noch einen Schuss mehr Individualität, wünscht er sich: „You already do dance. But dance more hippie stylish.”

Im folgenden Our Spiderweb geht er mit gutem Beispiel voran und legt ein paar Schritte auf die Bühne, die irgendwo zwischen tödlich sexy und total albern rangieren. Bassist Christian Wester (die Rhythmus-Sektion von You Say France & I Whistle scheint sich ohnehin einen Stylisten mit den Kings Of Leon zu teilen) legt später sein Sakko ab, Keyboarderin Ida Hedene gewinnt spielend den Preis für die coolsten Moves des Abends.

Das passt wunderbar zu dieser euphorisierenden Musik, die sich doch immer ein Hintertürchen offenhält, um notfalls schnell aus der völligen (und flüchtigen) Glückseligkeit fliehen zu können. You Say France & I Whistle klingen wie “The Cure, with more happiness; Shout Out Louds, with more energy; Vampire Weekend, with more rock; Arcade Fire, with more pop”, behaupten die Schweden auf ihrer Homepage – und wenn künftig alle Bands so treffende Selbstbeschreibungen ihres Sounds mitliefern, dann steht dem Musikjournalismus ein noch härteres Zeitalter bevor.

Das Beste daran: Selbst wenn sich Claes Carlström mal in eine zu gewagte Pose wirft, dann wirkt das nicht abgehoben, denn er sieht dabei nicht gut genug aus, um ihm das wirklich übel nehmen zu können. Selbst wenn Ida Hedene in den Augen eines Zynikern mitunter wirken mag, als versuche sie gleichzeitig Keyboard zu spielen und in bester Waldorfschulenmanier ihren Namen zu tanzen, kann das niemals peinlich sein bei so viel Enthusiasmus. Wenn You Say France & I Whistle übers Ziel hinaus schießen, dann baut das eine Brücke zu den Menschen vor der Bühne: Man erkennt dann, dass sie vor nicht allzu langer Zeit noch genau wie wir waren, und höchstens träumen konnten von Auftritten bei SXSW oder der Mailänder Modewoche.

This Is Sunday, Right? bildet mit seinem Ohoho-Finale den Abschluss des Sets. Als Zugabe gibt es zuerst ein neues Lied (Old Man) und dann als endgültigen Rausschmeißer Attaboy. Wer dann noch mehr will, kann dann nur am Merchandise-Stand noch Nachschub bekommen. Nach einem so mitreißenden Konzert müsste man fast davon ausgehen, dass You Say France & I Whistle noch am selben Abend in Leipzig den gesamten Bestand ihres Debütalbums verkauft haben. Bassist Christian Wester ist etwas bescheidener: „Wir haben ungefähr 400 Exemplare mit. Wenn jeder zwei kauft, dann geht das auf.“

Die Tour von You Say France & I Whistle geht weiter. Hier gibt es die fünf Schweden noch live zu sehen:

31.01. Frankfurt – Silbergold

01.02. Münster – Amp

02.02. Stuttgart – Zwoelfzehn

03.02. München – Atomic Cafe

07.02. Heidelberg – Häll

08.02. Berlin – Comet Club

09.02. Haldern – Haldern Pop Bar

10.02. Bremen – Tower

11.02. Dortmund – 023

Digitalism, Werk 2, Leipzig

Drei Leute, ganz in schwarz - das reicht bei Digitalism für die Bühnenshow. Und wirkt ein bisschen wie Rock.

Drei Leute, ganz in schwarz - das reicht bei Digitalism für die Bühnenshow. Und wirkt ein bisschen wie Rock.

Eine Band. So nennt Isi Tuefekci, die eine Hälfte von Digitalism, sein Projekt inzwischen. „Idealism war ein Album, das von zwei Produzenten gemacht wurde. Aber danach hat man uns ins kalte Wasser geschmissen und gesagt: So, Ihr spielt jetzt live. Und diese Erfahrung hat Digitalism wirklich verändert“, verriet er mir unlängst im Interview. „Wir haben viel gesehen und viel erlebt. I Love You, Dude ist auf jeden Fall aus einer ganz anderen Perspektive heraus entstanden. Wir sind jetzt wirklich eine Band. Eine Zwei-Mann-Band, auch wenn das vielleicht komisch klingt.“

Beim Konzert im Werk 2 in Leipzig wird dieses Zwitterdasein von Digitalism erst recht deutlich. Über die gesamte Dauer des Konzerts scheinen sich die Hamburger nicht entscheiden zu können, ob sie lieber die Chemical Brothers sein wollen oder die Strokes. Und diese Zerrissenheit führt zu höchst spektakulären Ergebnissen.

Auch optisch vereint das Konzert Rock- und Danceelemente. Jens Moelle und Aki Tuefekci (verstärkt durch einen Drummer) sind komplett in schwarz gekleidet: Rock. Das Bühnenbild zeigt eine Skyline-Silhouette aus LED-Lichtern: Dance. Nach 10 Minuten gibt es ganz hinten die ersten „Digitalism“-Sprechchöre: Rock. Nach 20 Minuten lassen Digitalism eine Mega-Version, quasi einen Live-Remix der Melt-Hymne 2 Hearts erklingen: Dance. Nach 30 Minuten versucht sich vorne jemand als Crowdsurfer: Rock. Bei Circles, dem letzten Song vor der Zugabe, fliegt irgendwo in der Mitte im Werk 2 ein Glowstick durch die Luft: Dance.

Wenn das Licht angeht, gibt es eine LED-Skyline: Dance.

Wenn das Licht angeht, gibt es eine LED-Skyline: Dance.

Dass dieser Mix in Leipzig blendet ankommt, steht im Werk 2 nicht eine Sekunde lang infrage. Auch wenn Jens Moelle als Sänger an diesem Abend nicht immer die richtigen Töne trifft, herrscht von Anfang an Ekstase. Am Ende von 2 Hearts ist sich keiner im Publikum zu cool, um nicht mit den Händen das Herzzeichen zu formen, das Digitalism auf der Bühne vorgeben. Das Finale von Idealistic wird durch einen call-and-response-Gesang mit den Fans veredelt.

Am meisten verwundert an dieser Show nicht einmal die Souveränität, mit der Digitalism mittlerweile Bühnen dieser Größe beherrschen (in drei Wochen steht für sie eine große USA-Tour an, für die sie offensichtlich mehr als gut gewappnet sind). Es ist auch nicht die Tatsache, dass es an diesem Abend völlig obsolet wird, so etwas wie Genregrenzen festlegen zu wollen. „Wenn ich definieren müsste, worum es bei uns geht, dann würde ich sagen: ganz viele Elemente zusammenzupacken. Den melodiösen Part, den härteren Part, die Indie-Part, den Club-Part. Darum geht es, aber da steckt kein größeres Konzept dahinter. Wir fangen einfach an“, sagt Isi Tuefekci schließlich – und in Leipzig lassen Digitalism diesen Worten definitiv Taten folgen.

Das alles aber wird in den Schatten gestellt von der Tatsache, dass viele der Leute im Publikum derart abfeiern und ausflippen, als wäre das ihr erstes Konzerterlebnis, ihre erste Begegnung überhaupt mit Musik dieser Art. Dass dem nicht so ist, erkennt man nicht nur an den vielen Digitalism-T-Shirts in der Menge. Dass es trotzdem so wirkt, ist ein toller Beleg für die Macht dieses Sounds, für seine Frische und zugleich seine Nachhaltigkeit. Denn auch das macht das Konzert in Leipzig klar: Die größte Stärke von Digitalism ist nicht der Hype und nicht die Show. Sondern so etwas Altmodisches und Unwiderstehliches wie Musikalität.

Digitalism spielen Home Zone und Blitz live im Werk 2 in Leipzig:

 

Frida Gold, Anker, Leipzig

Zwischen Kunst und Kommerz: Frida Gold. Foto: Warner/Robert Wunsch

Zwischen Kunst und Kommerz: Frida Gold. Foto: Warner/Robert Wunsch

2198 Menschen waren nach offiziellen Angaben Ende September in Hattingen arbeitslos. Es wären noch drei mehr, wenn Frida Gold nicht gerade auf Tour wären. Denn die Band aus dem Ruhrpott wirft bei ihrem Auftritt im Anker in Leipzig zunächst vor allem eine Frage auf: Warum sind da sechs Leute am Werk, wenn drei doch völlig genügen würden?

Zwei Schlagzeuger, ein Keyboarder, ein Bassist und ein Gitarrist tummeln sich schon auf der Bühne, bevor Sängerin Alina Süggeler dazu kommt. Zu hören ist dann fast das ganze Konzert über aber quasi nur ihre Stimme, eine penetrant aggressive Bassdrum und das Keyboard. Gitarrist Julian Cassel hat zwar ein üppiges Solo am Ende von Denn Liebe ist, wirkt ansonsten aber so deplatziert (und unhörbar), dass man beinahe glauben mag, er darf bei Frida Gold nur noch mitmachen, weil er früher immer der einzige war, der ein Auto hatte. Noch schlimmer: Bassist Andi Weizel. Er schafft es nicht nur, sich mit einem Outfit aus Tarnhose, Glitzershirt und Don-Johnson-Gedächtnis-Sakko auf die Bühne im Anker zu wagen. Er trägt auch noch die Frisur von Aron Strobel auf (jawohl, der schmierige Typ von der Münchner Freiheit) und gibt dazu den größten denkbaren Poser vor dem Herrn. Kein Wunder, dass er sich so toll findet: Wohl niemand sonst schafft es, derart virtuos immer bloß einen Ton zu spielen.

Alina Süggeler, von der Grazia unlängst unter die Top10 der schönsten Frauen der Welt gewählt, entschädigt zwar für derlei optische Folter. Als sie in Leipzig auf die Bühne kommt, trägt sie einen Jumpsuit mit Pelzkragen und kleinem Bauchfrei-Einblick. Und sie ist ganz offensichtlich in ihrem Element. Eine gute Woche sind Frida Gold auf der aktuellen Tour schon unterwegs, Saarbrücken, Rostock oder Frankfurt waren einige der bisherigen Stationen. „Für uns fühlt sich das alles wie zuhause an“, sagt Alina Süggeler zum Leben auf Tour – und es fällt nicht schwer, ihr zu glauben, wie sehr die Band den Erfolg genießt.

Auch im Anker in Leipzig ist der Saal voll (obwohl Frida Gold erst im Juni in der Moritzbastei Station gemacht hatten) und der Jubel groß. Mit Morgen beginnen Frida Gold die Show, Undercover heizt die Stimmung noch ein bisschen mehr an, nach einer guten Viertelstunde ist die Coverversion von Spandau Ballets Gold allerdings ein kleiner Dämpfer. Mit dem Hit Zeig mir wie du tanzt (zu dem die Fans in die Knie gehen und aufspringen) kriegen sie freilich wieder die Kurve und zeigen dann mit den Balladen Nackt vor deiner Tür und Ich atme weiter ihre ruhige Seite.

Gerade dabei, wenn Frida Gold mit ihren Songs quasi nackt dastehen, wird aber deutlich: So richtig funktioniert diese Musik nicht. Alina Süggeler will ganz offensichtlich so stilsicher und innovativ sein wie Robyn, am Ende gibt es gemeinsames Getrommel wie bei Foals und zwischendurch darf als nette Indie-Geste ein befreundeter Singer-Songwriter ein Liedchen vortragen. Trotzdem haben die Lieder von Frida Gold auch eine gute Portion Eurodance und sogar eine nicht geringe Prise Helene Fischer in sich. „Die Menschen dürfen gern Pop zu dem sagen, was wir machen. Uns geht es eher darum, dass Pop nicht gleichgesetzt werden muss mit Castingshow und Musik aus der Dose“, hat Alina Süggeler in einem Interview mit news.de einmal das Selbstverständnis von Frida Gold erklärt.

Doch bei dem Konzert in Leipzig merkt man, wie schwer sich Frida Gold tun, den Begriff „Pop“ uneingeschränkt zuzulassen. Manches wirkt halbherzig ambitioniert, an anderen Stellen scheitern gute Melodien, weil sie von zu viel Style erdrückt werden. Nach dem Erfolg des Debütalbums Juwel scheinen Frida Gold gefangen zwischen Kunst und Kommerz. Die Show in Leipzig zeigt, wie schwer es für die Band werden kann, sich auf der nächsten Platte für eine der beiden Richtungen zu entscheiden. Denn das Konzert zeigt auch: Genug Talent, um beides dauerhaft zu vereinen, haben Frida Gold nicht.

Frida Gold spielen Unsere Liebe ist aus Gold live (allerdings nicht in Leipzig):

Melt Festival, Ferropolis, Gräfenhainichen, Tag 3

Unfassbar gut: Pulp legten am Sonntagabend den besten Auftritt des gesamten Festivals hin. Foto: Melt-Festival

Unfassbar gut: Pulp legten am Sonntagabend den besten Auftritt des gesamten Festivals hin. Foto: Melt-Festival

Zwei Tage Melt hatten die Vermutung verstärkt: Die Ära der Rockstars ist vorbei. Der dritte Tag in Ferropolis brachte nicht nur Dauerregen, sondern auch das letzte Aufbäumen der Gitarrenhelden. Mit White Lies, den Cold War Kids und Pulp gab es am Sonntag gleich dreimal vergleichsweise unmoderne Klänge auf der Hauptbühne. Und auch diesmal eine Menge zu lernen.

Die Cold War Kids hatten den passenden Song für den regnerischen Sonntag: Hang Me Up To Dry.

Die Cold War Kids hatten den passenden Song für den regnerischen Sonntag: Hang Me Up To Dry.

1. Hang Me Up To Dry klingt noch ein bisschen besser, wenn die Cold War Kids den Song an einem Tag mit Regen, Regen, Regen vor einem tatsächlich durchnässten Publikum spielen. Zudem wird der Song für das Quartett aus Kalifornien beim Melt zu so etwas wie einem Rettungsring: Nachdem sie mit Louder Than Ever vom neuen Album Mine Is Yours toll begonnen hatten, ist dann die Luft recht schnell raus aus der Show der Cold War Kids. Doch mit Hang Me Up To Dry kriegen sie beim Melt noch einmal die Kurve und lassen dann schließlich doch zufriedene Fans zurück. Übrigens wechselt Sänger Nathan Willett, wie so viele Künstler beim Melt, ebenfalls zwischen Saiten- und Tasteninstrumenten. Der 31-Jährige, der einmal gesagt hat “I think my age is the very last to not have grown up with the internet. Myspace culture was abhorrent to me”, bedient sie aber nacheinander, je nach Song – die Generation der Digital Natives kriegt das innerhalb eines Lieds hin.

2. Irgendwo da draußen gibt es bestimmt schon ein paar Bands, die ihren Durchbruch schlicht und ergreifend schlechtem Wetter zu verdanken haben. Bag Raiders könnten sich da einreihen. Das House-Duo aus Australien klingt zwar manchmal wie DJ Bobo und manchmal wie eine Kreuzung aus Hurts und Unheilig, die Fans vor der überdachten Gemini Stage sind trotzdem äußerst euphorisiert – und sei es bloß, weil sie es endlich ins Trockene geschafft haben.

3. Dass es (bis auf Plan B., der “aus gesundheitlichen Gründen” abgesagt hat und angeblich vor einigen Tagen einen Zusammenbruch erlitten hat) wirklich alle Künstler beim Melt auf die Bühne geschafft haben, kommt einem Wunder gleich. Denn die Treppe von den Künstlergarderoben zum Backstagegelände ist mörderisch glatt – vor allem, wenn sie in Kontakt mit 15 Stunden Regen gekommen ist.

4. Raven gegen Deutschland funktioniert noch immer bestens als Festival-Hymne. Die Jungs von Frittenbude springen spontan als Ersatz für Plan B. ein und holen sich für diese Coverversion beim Melt auch noch originale Egotronic-Verstärkung auf die Bühne. Auch sonst geben Frittenbude einen ausgezeichneten Lückenfüller. “Ihr seid alle jung, wir sind alt, aber zusammen sind wir abgefuckt und glücklich”, lautet eine der Ansagen von Johannes Rögner. Besser könnte man den Sonntag in Ferropolis gar nicht zusammenfassen.

5. Fotos haben einen ganz ähnlichen Slogan. “Ich bin ich / und du bist du / wir sind wasted immerzu”, heißt es bei den Jungs aus Hamburg in einem Song des aktuellen Albums Porzellan. Wenn man so sehr fokussiert ist auf die eigene Musik wie sie, dann muss man allerdings schon sehr gute Songs haben, um auf einem Festival trotzdem zu funktionieren. Fotos leben quasi in ihrem eigenen Sound – schaffen es im Intro-Zelt aber trotzdem, eine ganze Menge Leute zu der Nachfrage zu bringen “Wer ist das da gerade auf der Bühne?” Muss wohl an den guten Songs liegen. Am Ende dürfen sie, als einzige Band überhaupt, die ich beim Melt gesehen habe, sogar eine Zugabe spielen.

6. Alle, die etwas auf ihre Coolness halten, sollten sich schleunigst mit ein paar sehr alten, sehr erfolgreichen Disco-Platten versorgen. Denn im VIP-Bereich regiert dieser Sound in Ferropolis an allen drei Tagen. Donna Summer, die Pointer Sisters oder auch die eine oder andere Coverversion von Olivia Newton John – das liegt hier auf den Plattentellern und bringt die Hipster-Hüften in Schwung. Let’s Get Physical!

Stimmungsvoll, düster und souverän: die White Lies am Sonntag.

Stimmungsvoll, düster und souverän: die White Lies am Sonntag.

7. White Lies sind die viel, viel, viel besseren Editors. Die Engländer haben kein Problem damit, dass sie erst zwei Alben im Gepäck haben – sie legen trotzdem einen extrem souveränen und stimmungsvollen Auftritt hin. Vom Opener Farewell To The Playground bis zum Über-Hit Death: sehr gelungen.

8. Bis zum Sonntag beim Melt war ich ein großer Befürworter von Papierhandtüchern in öffentlichen Toiletten. Neuerdings habe ich die Vorzüge von Lufttrockung entdeckt: Man kann sehr gut seine Schuhe über diese Maschinen stülpen und sie dann mit ein bis drei Durchgängen Heißluft wieder trocken bekommen. Zumindest bis zur nächsten Pfütze.

9. Liam Gallagher hatte am Samstag beim Melt den Verdacht bestärkt, dass der Rockstar eine aussterbende Spezies sein könnte. Jarvis Cocker machte am Sonntag deutlich: Wenn das wirklich so sein sollte, dann wäre es verdammt schade drum. Mit Pulp legt er die mit Abstand beste Show des ganzen Festivals hin, die sogar noch den Auftritt von Robyn am Freitag in den Schatten stellt. Er hat nicht nur eine sagenhafte Bühnenpräsenz. Er hat auch famose Ansagen mitgebracht. So verkündet er etwa die erstaunliche Tatsache, dass Pulp noch nie in ihrer Karriere einen Auftritt an einem 17. Juli gespielt haben. Und er weiß zudem noch zu berichten, dass an diesem historischen Datum sowohl Angela Merkel als auch David Hasselhoff Geburtstag haben. “I think it will be a very special day”, lautet seine Schlussfolgerung – und er soll Recht behalten. Von Do You Remember The First Time über das irre Disco 2000 (den einzigen Moment am Sonntag, in dem der Regen kurz aufhörte) bis zum gefeierten Rausschmeißer Common People – es gibt alle Hits, Pop auf höchstem Niveau und dazu famoses, anzügliches, intelligentes Entertainment. Jarvis Cocker feiert noch immer in jedem Moment die Tatsache, dass er es dank seiner Songs vom Nerd zum Sexgott gebracht hat, er flirtet mit dem Publikum, er klettert auf die Lautsprecher, er fickt förmlich mit der Bühne. Nach diesem Auftritt muss man wirklich hoffen, dass der eine oder andere Knöpfchendreher bei den durchaus talentierten Nachwuchsband des Melt noch die exaltierte Rampensau in sich entdeckt.

Besser konnte diese irre Show nicht enden: Pulp spielen Common People beim Melt-Festival 2011:

Einen ausführlichen Rückblick auf das gesamte Melt-Festival 2011 gibt es hier.

Und die besten Fotos vom Melt gibt es in dieser Bilderstrecke bei news.de.

Meine eigene Bilderstrecke mit mehr als 50 Fotos vom Melt 2011 gibt es hier.

Melt Festival, Ferropolis, Gräfenhainichen, Tag 2

Ganz beachtlich: Beady Eye lockten ähnlich viele Fans vor die Hauptbühne wie Pulp einen Tag später.

Ganz beachtlich: Beady Eye lockten ähnlich viele Fans vor die Hauptbühne wie Pulp einen Tag später.

Tag 2 beim Melt in Ferropolis, oder aber: Festival für Fortgeschrittene. Das Wetter ist diesmal blendend (zumindest, wenn man nicht den Vormittag im glühend heißen Zelt verbringen muss), das Programm bietet wieder reichlich Grund zur Vorfreude und wie schon am ersten Tag beim Melt darf man gewiss sein, am Ende etwas klüger nach Hause (oder ist nicht mehr ganz so glühend heiße Zelt) zu gehen. Die wichtigsten Erkenntnisse im praktischen shitesite-Überblick.

1. Die bereits am Freitag beim Melt reihenweise beobachtete Fähigkeit zum Multitasking setzt sich in Ferropolis auch am Samstag fort. Le Corps Mince de Francoise, The Hundred In The Hands oder Metronomy sind nur einige der Acts, die mitten im Lied von einem Instrument zum anderen wechseln, bevorzugt auch hier von der Gitarre zum Synthesizer. Wenn das so weiter geht, und wenn die aktuelle Pop-Generation irgendwann einen Hang zur Bequemlichkeit entwickelt, dann ist ein Comeback der Keytar zu befürchten.

2. Für eine große Musikkarriere reicht es manchmal nicht, wenn man eine bildhübsche Sängerin, haufenweise Hits und reichlich Sportsgeist hat. Man braucht auch einen knackigen Namen. Diese Erfahrung müssen womöglich Le Corps Mince De Francoise machen, die beim Melt einen begeisternden Auftritt hinlegen. Es ist brütend heiß, Sängerin Mia Kemppainen schüttet erst Wasser über sich, trocknet die rutschige Lache auf der Bühne dann mit ihrer eigenen Jacke und legt sich ansonsten ins Zeug, als hätte sie am Vorabend das Monster-Workout von Robyn beobachtet. Das kommt so gut an, dass sicher ein guter Teil des Publikums sich am Montag sofort die Platte kaufen/downloaden/brennen lassen will. Allerdings wird dann wohl keiner mehr wissen, wie nochmal diese geile Band aus Helsinki mit dem komischen Namen hieß.

3. Jutetaschen sind die neuen Rucksäcke.

4. Dass man ein DJ-Set auch ein bisschen abwechslungsreicher gestalten kann als Großmeister Paul Kalkbrenner, beweist am Abend DJ Koze. Er lässt unter anderem Posaunen und Balkan-Sounds erklingen. Spaßig.

5. Dem allseits beliebten Festival-Schlachtruf vom “Ausziiiiiiiiiiehen!” folgen in der Regel leider nicht die Leute, die gemeint sind. Sondern immer die, bei denen man sehr gerne darauf verzichtet hätte.

6. Comedy-Zelte gibt es bei Festivals zwar schon lange nicht mehr. Aber auch bei einer Veranstaltung wie dem Melt gilt: Ein bisschen Spaß muss sein. Für die Witze-Ecke haben die Veranstalter diesmal die Editors gebucht. Die sind so unerträglich pathetisch und lächerlich ernsthaft, dass man das selbst mit ganz viel Humor kaum ertragen kann.

Ja, ich habe Beady Eye zum Interview getroffen. Spannendste Erkenntnis: Liam Gallagher ist ein Fan von Miley Cyrus.

Ja, ich habe Beady Eye zum Interview getroffen. Spannendste Erkenntnis: Liam Gallagher ist ein Fan von Miley Cyrus.

7. “Wenn wir in fünf Jahren wiederkommen und dann Headliner sind, dann spielen wir vielleicht auch ein paar Songs von Oasis”, haben mir Beady Eye im Interview versprochen. Ob das klappt? Die Foo Fighters könnten ein Vorbild sein. In jedem Fall gilt beim Melt: Die Leute, die Beady Eye am Samstag gesehen haben, werden beim nächsten Mal wieder kommen. Four Letter Word ist ein starker Auftritt, als drittes Lied erklingt ein packendes The Roller, und auch der Schluss der Show hat es in sich. Bring The Light wird richtig geil, dann folgt der Rausschmeißer Sons Of The Stage. Liam Gallagher zeigt sich ausnehmend höflich und ist natürlich mit Abstand der größte Rockstar bei diesem Festival. Auch wenn die Acts um ihn herum mehr als andeuten: Vielleicht braucht es gar keine Rockstars mehr, um trotzdem spannende, packende und bedeutende Musik zu machen.

8. Mike Skinner ist ein melancholischer Typ. Man hätte das spätestens seit Dry Your Eyes ja schon vermuten können. Seine Show beim Melt war ein weiterer Beweis. Es war die letzte Deutschland-Show von The Streets überhaupt, und vielleicht auch deshalb gab es einige ruhigere Momente (und zudem nutzte Mr. Skinner noch einmal die letzte Gelegenheit, seine Schul-Deutsch-Kenntnisse anzuwenden). Die wichtigste Ansage machte er dann aber doch auf Englisch: “I came here to party, do you know what a party is?”, wollte er zu Beginn der Streets-Show wissen – und bewies dann mit tollem Entertainment und viel Publikumsbeteiligung, dass er ein echter Festivalprofi ist.

Beady Eye spielen Three Ring Circus live beim Melt-Festival 2011:

Einen ausführlichen Rückblick auf das gesamte Melt-Festival 2011 gibt es hier.

Und die besten Fotos vom Melt gibt es in dieser Bilderstrecke bei news.de.

Meine eigene Bilderstrecke mit mehr als 50 Fotos vom Melt 2011 gibt es hier.

Melt Festival, Ferropolis, Gräfenhainichen, Tag 1

Ein bisschen spektakulärer als Rock im Park - nicht wahr?

Ein bisschen spektakulärer als Rock im Park - nicht wahr?

Kein Mensch hatte darauf gewettet, aber es gab tatsächlich keinen Regen am ersten Tag des Melt. Und das verschuf dem Festival in Ferropolis wieder reichlich Gelegenheit, sich noch ein bisschen näher an den Titel „Bestes Festival der Welt“ heranzupirschen. Denn es ist nicht nur trocken, sondern hochkarätig (das Programm), schick (das Publikum) und außergewöhnlich (die Location). Was haben wir also gelernt am ersten Tag des Melt?

1. Hüpfen ist das neue Tanzen.

2. Seifenblasenmachen ist das neue Kiffen.

3. Keyboards sind die neuen Gitarren. Hinter den Kulissen sind sie das schon lange, und gerade das Melt in diesem Jahr beweist, dass Indie längst nicht nur Rock mit Elektro anreichert, sondern sich das Kräfteverhältnis eher umgekehrt hat: Die Beats und der Entstehungsprozess sind bei Robyn oder den Koletzkis, bei We Have Band und The Naked And Famous der elektronischen Musik entnommen, Rock ist ganz oft nur noch ein Anker, ein Gestus. Neu ist allerdings, dass sich nun auch die Performance umkehrt. Everything Everything aus Manchester haben zwar eine fast klassische Rock-Besetzung, aber ganz vorne in der Mitte steht in ihrer Show das Keyboard. Auch The Naked And Famous haben die Tasteninstrumente ins Zentrum ihres Bühnenbilds gerückt – Gitarren gibt es hier nur noch am Rande.

4. Das veränderte Bühnenbild ist auch deshalb möglich, weil fast alle Bands neuerdings Großmeister im Multitasking sind. Gleichzeitig Gitarre und Keyboard spielen, dazu noch den Loop für den nächsten Part starten und singen? Kein Problem für eine Generation, die schließlich auch twittert, während sie chattet und YouTube schaut, während sie die automatische Gesichtserkennung bei Facebook ausschaltet. Nicht erst lernen und den Dingen auf den Grund gehen, sondern alles ausprobieren, alles gleichzeitig – das ist das Prinzip. Und wenn ein paar Teile dabei nicht live sind, sondern aus der Konserve kommen, dann ist das im Copy-and-Paste-Zeitalter auch kein Problem.

5. Schnauzbärte sind wieder schwer angesagt, vor allem bei Mädchen. Oder irgendjemand hatte wegen des geplatzten Sommermärchens ganz viel Schminke übrig, hat rot und gold weggeworfen und dann den ganzen jungen Damen am Einlass eine nette schwarze Rotzbremse unter die Nase gemalt.

6. Is Tropical klingen (in ihrem Bandnamen und mit ihren Songs) nach Sommer, funktionieren aber auch bestens im Zelt an einem Frühabend mit bedecktem Himmel. Feine Show – und sehr schöne Tarnung, diesmal mit Tüchern, die im Western-Bankräuber-Stil bis über die Nase gezogen waren.

7. Sizarr sind absurd schlecht.

8. Die oben genannte Multitasking-Mentalität offenbart live auch eine Schwäche: Dank GarageBand, ProTools und Autotune reicht es heute manchmal schon, in erster Linie technisches Know-How zu haben, um einen tollen Popsong hinzubekommen. Ein Naturtalent muss man beileibe nicht mehr sein, und das führt dazu, dass beim Melt gleich mehrfach auffällt, wie schlecht mitunter gesungen wird. Jonathan Higgs von Everything Everything beispielsweise sollte dringend jemand ein bisschen Training für seine Kopfstimme anbieten.

9. Auch Thom Powers von The Naked And Famous hat so seine Probleme, die richtigen Töne zu treffen (wohingegen seine Kollegin Alisa Xayalith mit jeder Note betörender und mit jedem Wort noch ein bisschen mehr nach Björk klingt). Trotzdem legen die Neuseeländer eine tolle Show hin. Ihr Konzert erinnert nicht nur ein bisschen an den Auftritt, den The XX hier im vergangenen Jahr gespielt haben: Da ist eine Band, die ganz außergewöhnlich ist und doch massenkompatibel, mit einem extrem ausgereiften Sound und der Ahnung, dass da trotzdem noch ganz viel Potenzial ist. Ihr Girls Like You ist der beste Song überhaupt am ersten Tag beim Melt, dann bringt der Hit Punching On A Dream noch mal eine Extra-Dosis Euphorie.

The Drums stellten beim Melt einige Songs des gerade vollendeten neuen Albums vor.

The Drums stellten beim Melt einige Songs des gerade vollendeten neuen Albums vor.

10. Johnny von den Drums glänzt hingegen auch als Sänger. „We are going to play some pop songs“, verspricht er zu Beginn – und genau das machen die Drums dann auch. Es gibt ein paar Lieder vom gerade vollendeten neuen Album (sehr überzeugend: Money). Und die sagenhaft intensive Performance von Down By The Water ist ein Traum. „We Melt Your Heart“ steht als Motto der 14. Auflage des Festivals über der Hauptbühne in Ferropolis – in diesem Moment stimmt das definitiv.

11. In den Umbaupausen wird beim Melt einfach weitergetanzt, teilweise nicht weniger enthusiastisch als während der Konzerte oder DJ-Sets. Hoffen wir nur, dass die Macher nicht auf die (möglicherweise sogar funktionierende) Idee kommen, nächstes Jahr in Ferropolis einfach keine Bands mehr zu buchen – und nur noch Umbaupausen zu veranstalten.

12. Sobald man dem Alter entwachsen ist, in dem man heutzutage seinen Bacherlor-Abschluss machen kann, muss man beim Melt höllisch aufpassen, nicht zu seinem eigenen Vater zu mutieren und ständig den Kopf zu schütteln über diese verrückten jungen Leute. Für gefühlt ein Drittel der Fans herrscht Kostümzwang, die Bandbreite reicht von Bademantel bis Vollkörperleopard, vom Proll-Style à la New Kids Turbo bis zum Brautkleid. Das ist iritierend, aber höchst amüsant. Und natürlich das Verdienst von Lady Gaga.

13. Wenn man am Ende eines Konzerts der US-Postrocker Swans dringend auf Toilette muss und dann erleichtert ist, wenn sie ihr letztes Lied ankündigen, sollte man nicht zu früh jubeln: Ihr Rausschmeißer beim Melt wird tatsächlich mehr als 20 Minuten lang. Die perfekte Musik, um sich dazu einen Bart wachsen zu lassen.

14. Wenn es dunkel wird, sieht das Promotion-Team von Jägermeister der mobilen Einsatztruppe vom Roten Kreuz zum Verwechseln ähnlich. Fragt sich bloß noch, wer nun die bessere Medizin dabei hat.

Robyn tanzte so schnell, dass selbst die Kamera nicht folgen konnte.

Robyn tanzte so schnell, dass selbst die Kamera nicht folgen konnte.

15. Robyn hat keinen Tourbus, sondern reist in einem fliegenden Sauerstoffzelt durch die Welt, das mit Red Bull angetrieben wird. Eine andere Erklärung ist schlicht nicht möglich für die Show der 32-jährigen Schwedin, die nur ein Urteil erlaubt: atemberaubend. Sie kommt in einem Affenzahn auf die Bühne (das Bühnenbild hat übrigens einen etwas seltsamen Wetten Dass-Charme) gestürmt, legt dann eine irre Breakdance-Performance hin und entledigt sich gleich während der ersten beiden Songs ihrer Sonnenbrille und ihrer Bomberjacke mit Konichiwa-Logo, um schließlich auch noch ihr Jeans-Bolero-Jäckchen abzulegen. Nach diesem Striptease gibt es weiter eine Überdosis Energie, schon als zweiten Song gibt es das grandiose Dancing On My Own und einige der großen Hits in famosen Remixes. Und ein Nonstop-Workout von Robyn, das einfach nicht zu glauben ist. Sie ist Captain Future und ihr eigener Drill-Instructor, und sie tanzt, als wolle sie ihren eigenen Körper abschütteln. Uff.

16. Paul Kalkbrenner zieht beim Melt ein noch größeres Publikum vor die Hauptbühne als Robyn. Und wenn er grinst (und er grinst sehr oft), sieht er hinter seinem Laptop aus wie ein Playmobil-Männchen. Ohne Haarteil. In einer sehr, sehr unaufgeräumten Spielzeugkiste.

17. Auch wenn man endgültig meint, es gebe nur eine bestimmte Zahl an Schlagzeugsoundchecks, die man in einem Leben ertragen kann: Da geht immer noch mehr.

Die Highlights vom Freitag beim Melt-Festival 2011 als Video:

Einen ausführlichen Rückblick auf das gesamte Melt-Festival 2011 gibt es hier.

Und die besten Fotos vom Melt gibt es in dieser Bilderstrecke bei news.de.