Prag, Werk 2, Leipzig

Prag in Leipzig. Diese naheliegende und dennoch verwirrende Bildunterschrift musste sein.

Prag in Leipzig. Diese naheliegende und dennoch verwirrende Bildunterschrift musste sein.

Das letzte Mal, als ich so nah an Nora Tschirner dran war, da war sie noch Schauspielerin. So richtig, mit Theater und allem drum und dran. Das Stück hieß Trainspotting, ich saß im Frankfurter Mousonturm und wusste am Ende der Vorstellung nicht, ob die Tatsache, dass Nora Tschirner kein einziges Wort gesprochen, sondern die meiste Zeit als leichtbekleidete Leiche in einem Türrahmen gehangen hatte, nun eine Enttäuschung oder doch eher besonders cool gewesen war.

Auch auf die Gefahr hin, dass ich jetzt wie ein Stalker klinge: Damals war es mir ziemlich wichtig, so nah wie möglich an Nora Tschirner dran zu sein. Es war wie bei Victor Hugo: „Das erste Anzeichen wirklicher Liebe ist bei einem jungen Mann Schüchternheit, bei einem jungen Mädchen Kühnheit“, hat der einmal gesagt. Mit anderen Worten: Ich war jung und verzweifelt, sie war schön, schlau und besonders. Sie hatte eine Weile auf MTV geglänzt und dann auch noch in Soloalbum gespielt, wo ich auch ohne diese Tatsache ohnehin immer die männliche Hauptrolle für mich beansprucht hätte.

Inzwischen hat sich meine Begeisterung gelegt. Vor allem in letzter Zeit. Das hat nichts mit Til Schweiger zu tun. Sondern vielmehr damit, dass die öffentlichen Auftritte von Nora Tschirner meiner Meinung nach immer mehr eine Figur und immer weniger eine Person zeigten. Das ist aus ihrer Sicht sehr verständlich: Der Rückzug in die Rolle als ebenso kokettes wie schlagfertiges Fräulein macht den Umgang mit dem medialen Staubsauger ein bisschen einfacher. Man bleibt im Geschäft, ohne allzu viel von sich preiszugeben. Auch wenn das auf Kosten des ungestümen, authentischen Zaubers früherer Zeiten geht.

An diesem Abend in Leipzig steckt Nora Tschirner auch eine ganze Weile in dieser Rolle fest. Sie ist derart schwanger, dass ich plötzlich staune, wie oft die Menschen auf der Bühne während so einer Show im Profil zu sehen sind, und wie ungewohnt es ist, wenn dieses Profil plötzlich eine Kugel in der Mitte zeigt (zuletzt war mir das bei Eddie Argos von Art Brut aufgefallen, und man muss natürlich erwähnen, dass es bei Mademoiselle Tschirner deutlich attraktiver aussieht). Sie übernimmt die meisten Ansagen, aber es dauert, bis diese wirklich charmant wirken. Der Wendepunkt hat mit Eurodance zu tun, doch dazu später.

Zuerst: Die Musik. Jaja, ich habe bis hierhin bereits 363 Wörter geschrieben, ohne eine Silbe über die Band jenseits von Nora zu verlieren. Dabei stehen im Werk 2 zehn Musiker auf der Bühne, sieben davon tragen eine Krawatte. Während eines fünfminütigen Instrumentals kommen die Mitglieder von Prag nach und nach auf die Bühne, Zeit ist dann der erste Song, gleich darauf gibt es mit Sie haben es ja so gewollt ein neues Lied (irgendwo zwischen den Pipettes und Superpunk, was ein ziemlich erstaunlicher Ort ist), danach das umjubelte Sophie Marceau, in dem Nora zu Beginn die größte Mundharmonika der Welt spielt.

Charmant, echt und in den besten Momenten spontan: Prag haben nichts von einem vanity project.

Charmant, echt und in den besten Momenten spontan: Prag haben nichts von einem vanity project.

Es ist der Auftakt zu einem sehr schönen Konzert. Das Werk 2 in Leipzig ist sehr gut gefüllt, doch das ideale Publikum für Prag an diesem (und wohl jedem anderen) Abend wäre nur eine einzige Person: Quentin Tarantino. Fast alle Lieder klingen arschcool, zeitlos und ein wenig flotter als auf dem Album Premiere. Ein Höhepunkt ist Drehbuch, danach gibt es das zauberhafte Bis einer geht und im Anschluss die aktuelle Single Einfach. Die meisten Lieder von Prag klingen Live ein bisschen weniger nach Chanson und Kunstlied, dafür ein bisschen mehr noch opulentem Pop à la Get Well Soon oder wie die Sachen, die Danger Mouse für Rome gebastelt hat. Im Konzert wird erst recht deutlich: Diese Lieder sind genauso gekonnt, aufwendig und vor allem romantisch wie Hollywood.

Passend dazu wird Nora Tschirner gegen Ende des Konzerts wieder zur Schauspielerin. Argumente tausendfach performt sie auf Wunsch des Publikums als Gollum. Wenig später kommt die Zugabe mit Einkauf, dem neuen Song Kein Abschied und Wenn schon Sterben, einer Coverversion von Barbara (demande ton père).

Den entscheidenden Anteil am Gelingen dieses Abends hat aber gerade nicht der Showcharakter, sondern das genaue Gegenteil davon: Prag sind ganz offensichtlich kein vanity project, sondern eine echte Band mit Chemie, Lust und Spaß. Wenn sie mit spürbarer Vorfeude vom nächsten Album sprechen, einigermaßen ungeschickt versuchen, dem Publikum in Leipzig ihre Tourtraditionen zu erklären, oder über die Profilneurosen der Triangel philosophieren (man muss dabei gewesen sein, um das zu verstehen), dann wird diese Erkenntnis unbestreitbar. Am deutlichsten strahlt das Bandgefüge am bereits erwähnten Wendepunkt der Show: Aus einem kurzen Witz von Nora Tschirner wird die Vorstellung der Band anhand von Ace-Of-Base-Kenntnissen (ich sage ja: man muss dabei gewesen sein…). Ein paar Minuten lang regiert da auf der Bühne einfach die Wärme, Spontaneität und Freude am Miteinander. Alles davon ist höchst charmant – und nichts davon ist gespielt.

Prag spielen Vögel live in Leipzig:

Tocotronic, Haus Auensee, Leipzig

Pure Bildschärfe darf niemals siegen.

Pure Bildschärfe darf niemals siegen.

Tocotronic in irgendeiner Weise festzulegen, war schon immer schwierig. In den vergangenen Jahren ist es beinahe unmöglich geworden. Der Versuch, Tocotronic in irgendeine Schule, Szene oder Schublade zu stecken, erinnert immer mehr an das Experiment mit dem Pudding, dem Nagel und der Wand.

Unlängst habe ich das selbst erlebt, als ich Schlagzeuger Arne Zank im Interview nach prägenden Vorbildern für Tocotronic gefragt habe. „Ich versuche es zu vermeiden, einer bestimmten Band allzu sehr nachzueifern. Das fühlte sich immer seltsam an, wenn wir so klar zuzuordnen waren. Da kriegt man Beklemmung und versucht lieber, weitere Brüche zu erzeugen“, antwortete er.

Zusätzlich erschwert wird das Unterfangen einer Einordnung durch die Beschränktheit von Sprache. Die ist leider ein unvollkommenes Werkzeug, um die Gesamtheit der Welt auszudrücken (womöglich schreiben Tocotronic genau aus diesem Grund auch Lieder, keine Gedichte). Es kann bei diesem Konzert im Haus Auensee in Leipzig also nur ein Mittel geben, um dieser Band wirklich beizukommen: die unfehlbare Folgerichtigkeit der Mathematik. Knallharte Zahlen. Deshalb: ein Konzertbericht als Statistik.

Anzahl der von mir beobachteten Trainingsjackenträger im Publikum: 21. (Eine davon ist meine eigene). Früher war die Trainingsjacke, bevorzugt irgendein Second-Hand-Modell mit der Beflockung eines obskuren Provinzfußballvereins, so etwas wie die Ausgeh-Uniform im Tocotronic-Land. Der Trend scheint stark rückläufig zu sein, aber noch nicht ganz erledigt. Wer unbedingt mag, kann aus der Mode vielleicht einen Rückschluss auf die Musik ziehen: Heute ist bei Tocotronic viel mehr möglich. Gelegentlich schauen sie noch (eher stolz als nostalgisch) auf die alten Zeiten zurück. Aber die Idee, Zusammenhalt zu bieten und zugleich dennoch Konformität zu verweigern, bringen sie mittlerweile deutlich subtiler zum Ausdruck.

Menschen mit Cordhosen im Publikum: 3. Vielleicht der endgültige Beweis für die obige These. Cordhosen waren in den Anfangstagen von Tocotronic schwer en vogue bei den Fans (und auch bei der Band selbst, wie beispielsweise das Video zu Die Welt kann mich nicht mehr verstehen beweist). Im Haus Auensee sind sie an diesem Abend so gut wie ausgestorben.

Startzeit des Konzerts: 20:51 Uhr.

Anteil der peinlichen Ansagen von Sänger Dirk von Lowtzow an den Gesamtansagen von Sänger Dirk von Lowtzow: 95 Prozent. Wenn er beispielsweise „Freundinnen und Freunde, lasst uns die linke Hand heben und zur Faust ballen“ sagt, dann klingt das noch ein bisschen alberner als aus dem Mund von Peer Steinbrück.

Anzahl der Menschen, die irgendwann mitten in der Menge spontan vor Begeisterung hochspringen, obwohl sie eigentlich viel zu erwachsen dafür sein sollten: 3.

Anzahl der Menschen, die einen gefüllten Bierbecher Richtung Bühne werfen: 1.

Anzahl der Crowdsurfer: 1.

Ausschankverhältnis von Bier zu Wein: 90 zu 10. So schätzt zumindest Dani, die an einer der Theken für die Getränkeversorgung der Leipziger Fans zuständig ist. Was einigermaßen eindrucksvoll meine These widerlegt, Tocotronic seien mittlerweile eine Weintrinkerband („Alle vier Leute in der Band sind leidenschaftliche Biertrinker“, hatte auch schon Arne Zank im Interview betont). Passend dazu ist die Show im Haus Auensee übrigens das rockigste (und beste) Tocotronic-Konzert, das ich bisher gesehen habe.

Anzahl der Fred-Perry-Shirts im Publikum: unbekannt.

Anzahl der Fred-Perry-Shirts auf Bühne: 2.

Anteil der Menschen mit Abitur als höchstem Bildungsabschluss im Publikum: 99,2 Prozent. Die restlichen 0,8 Prozent gehen noch zur Schule und machen dann irgendwann später ihr Abitur.

Anzahl der Menschen, die noch nicht geboren waren, als Tocotronic gegründet wurden: 2. Man sieht keine Teenager bei diesem Konzert im Haus Auensee. Dafür habe ich aber zwei Kinder im Grundschulalter erblickt (siehe oben), und zwar ohne Gehörschutz. Da sag ich nur: Let There Be Rock.

Überseinstimmung des Geruchs auf dem Männerklo im Haus Auensee mit dem üblichen Festivalaroma: 89 Prozent.

Anteil der Zugabe-Rufer, als das reguläre Set mit Warm und grau vom aktuellen Album Wie wir leben wollen beendet wird: 40 Prozent.

Anteil der Leute, die klatschen, als es dann eine Zugabe gibt: 92 Prozent.

Anteil der Brillenträger im Publikum: 28 Prozent.

Anzahl der alten Kracher, die Tocotronic in Leipzig spielen: 4. Als „alte Kracher“ zählt nach DIN-Norm 93/21 (“Regulierungsvorlage zur Abgrenzung spektakulären Frühwerks im Schaffen von elektronisch verstärkter Jugendmusik von dem ganz lahmen Mist, der später kommt”) selbstverständlich alles bis einschließlich Es ist egal, aber. Aus dieser Frühphase stehen in der Setlist von Tocotronic an diesem Abend das göttliche Drüben aus dem Hügel, Meine Freundin und ihr Freund, das frenetisch gefeierte Freiburg (was nichts damit zu tun hat, dass sich der SC Freiburg zeitgleich zu diesem Konzert mit einem Heimsieg auf Platz 5 der Bundesligatabelle festsetzt) und Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen. Erfreulicherweise muss man festhalten: Viele der späteren Stücke wie 17, Macht es nicht selbst oder das noch immer wie eine Hymne begrüßte Aber hier leben, nein danke stehen den alten Krachern in punkto Kraft, Intensität und Bedeutung in nichts nach.

Menschen, die am Ende des Konzerts teilnahmslos am Rand sitzen am Ende: 7.

Gesamtgelungenheitsgrad (GGG) von Tocotronic in Leipzig: 87 Prozent.

Selig, Anker, Leipzig

Jan Plewka war in Leipzig gut in Schwung - bis auf seine Ansagen.

Jan Plewka war in Leipzig gut in Schwung – bis auf seine Ansagen.

Nach ihrem dritten Album waren Selig am Ende. Ausgebrannt, zerstritten, desillusioniert. Nun, nach der Wiedervereinigung 2008, sind Selig erneut beim dritten Album angekommen. Beim Tourauftakt in Leipzig muss man kurz befürchten, dass die Geschichte einen ähnlichen Verlauf nehmen könnte.

Draußen ist es saukalt, das erste Deutschland-Konzert der Tour ist (ebenso wie die meisten anderen Termine) nicht ausverkauft, und den Ansagen von Sänger Jan Plewka („Seid ihr alle da?“ „Seid ihr noch da?“) merkt man an, dass er die Kommunikation mit dem Publikum erst wieder ein bisschen üben muss. Was schwerer wiegt: Der Funke will bei dieser Show in Leipzig zunächst nicht so richtig überspringen. Doch dann wird Bring mich heim zum Wendepunkt des Konzerts: Die Fans waren bis dahin wohlwollend, aber ein wenig reserviert. Jetzt gibt es plötzlich euphorisches Mitklatschen im Anker, sogar Szenenapplaus.

Selig haben lange auf diesen Moment hingearbeitet. Es spricht für sie (und für die wieder gewonnene Freude am gemeinsamen Musizieren), dass sie nicht die Flinte ins Korn werfen und sich in Routine oder gar Arroganz ergeben. Von Beginn an merkt man den Hamburgern an, wie gerne sie diesen Abend zu einem besonderen machen möchten. Sänger Jan Plewka, mit T-Shirt, Weste und Mütze, animiert die Fans immer wieder, die Band legt sich derart ins Zeug (inklusive einer Headbanging-Einlage von Gitarrist Christian Neander), dass man immer wieder staunen muss, wie sie es mit nur fünf Leuten schaffen, diesen Sound hinzubekommen.

Ich Lüge nie macht, wie auf dem aktuellen Album Magma, den Auftakt. Sie scheint folgt, danach ist Schau Schau der erste Song, bei dem man merkt, dass er für einige Fans im Anker als Lieblingslied gelten kann. Arsch einer Göttin ist dann der erste Rückgriff auf die Prä-Reunion-Phase.

Auch danach bleibt der Anteil der Magma-Songs hoch, sie integrieren sich wunderbar ins ältere Material. Die Gefahr, dass hier irgendetwas verstaubt oder altmodisch klingen könnte, besteht ohnehin nicht. Das liegt nicht nur an der Frische von Magma, sondern vor allem daran, dass der Sound von Selig (von einigen Ausnahmen auf Blender abgesehen) nie modern war. Wir sind hier in den Siebzigern. Im Rockland.

Auch das Publikum passt dazu: Es gibt einige Leute, die beim Selig-Debüt vor fast 20 Jahren vielleicht ihre wilde Zeit hatten, jetzt aber Beamte sind und ihr Haus abbezahlen. Es gibt ein paar, die genauso alt sind, aber noch immer davon träumen, irgendwann den Durchbruch mit ihrer Hippie-Kunst zu feiern. Und ein großes Kontingent von Fans, die Selig womöglich erst mit Und endlich unendlich entdeckt haben.

Das famose Die alte Zeit zurück wird ein Höhepunkt und beweist, wie clever Selig längst mit der Tatsache umgehen, dass sie keine Jungspunde mehr sind. Die Kracher von früher heben sie sich natürlich größtenteils für die Zugabe auf. Bruderlos ist nach knapp 90 Minuten der letzte Song des regulären Sets, mit Sie hat geschrien kehren Selig dann auf die Bühne im Anker zurück. Längst haben sie es da geschafft, den Anker, nunja, zu lichten und in volle Fahrt zu versetzen: Die Frau hinter der Currywursttheke singt mit, der Security-Mann auf der Empore tanzt und mitten im Publikum reckt jemand seine Bionade-Flasche in die Höhe.

Das ist natürlich keine Exstase, aber eine intensive, entspannte Einigkeit, die auch die neuen Selig auszeichnet. Sie verstehen sich mittlerweile wieder so gut, dass sie sogar gemeinsam im Tourbus reisen (auch wenn manchmal ein Bandmitglied abhanden kommt, um mit Dave Grohl zu knutschen, wie sie meinem geschätzten Kollegen Sven Wiebeck im Interview erzählt haben) und sich noch drei, vier weitere Alben vorstellen können.

Als letzte Zugabe gibt es in Leipzig "Regenbogenleicht".

Als letzte Zugabe gibt es in Leipzig “Regenbogenleicht”.

Auch in Leipzig bekommen sie nicht genug, denn es gibt reichlich weitere Zugaben: Bei Wenn ich wollte singen die Fans erstmals alleine, das folgende Ohne dich ist toll gespielt und immer noch ein ungemein lebendiges Hammer-Liebeslied, stellt aber nicht alles in den Schatten – für die Qualität des übrigen Materials ist das ein gutes Zeichen.

Der zweite Zugabenblock beginnt mit Alles auf einmal und endet mit Wir werden uns wiedersehen. Weil die Fans in Leipzig danach einfach immer weiter singen, kommt die Band sogar noch ein drittes Mal zurück („Ihr habt es so gewollt“, warnt Jan Plewka) und spielt eine zauberhafte Version von Regenbogenleicht. Mit einem dicken Grinsen verlassen Selig nach mehr als zwei Stunden schließlich die Bühne. Der Abend in Leipzig wirkte am Anfang, als müssten sie einigermaßen missmutig auf die folgenden Konzerte blicken. Nachdem während Bring mich heim der Knoten geplatzt war, dürfte nun Vorfreude angesagt sein.

Madsen, Werk 2, Leipzig

Frühling im Herzen: So fühlt sich eine Show von Madsen an. Foto: Sony Music/Ingo Pertramer

Frühling im Herzen: So fühlt sich eine Show von Madsen an. Foto: Sony Music/Ingo Pertramer

Vorab: Ich habe mir ein T-Shirt gekauft. Ich mache das eigentlich nicht mehr. Das letzte Mal, als ich mir bei einem Konzert ein T-Shirt gekauft habe, war bei Oasis vor 13 Jahren und hatte zwei Gründe: Erstens war ich am Ende des Konzerts komplett durchgeschwitzt. Zweitens bestand damals ohnehin bereits die Hälfte meiner Garderobe aus Oasis-T-Shirts. Jetzt ist also eins von Madsen dazugekommen. Das bedeutet: Es hat mit sehr gut gefallen heute Abend im Werk 2 in Leipzig.

Es bedeutet noch etwas: Wer nach dem ersten Absatz dieses Textes ein bisschen mitgerechnet hat, wird richtig feststellen, dass ich eigentlich schon beim Erscheinen des famosen ersten Albums von Madsen zu alt war, um Madsen offiziell noch gut finden zu dürfen. Aber ich habe mich schon damals nicht darum gekümmert. Und ich tue es auch jetzt nicht. Stattdessen wird das Tragen dieses T-Shirts mein Beitrag zur längst überfälligen „Macht Madsen offiziell cool!“-Kampagne sein. Denn dass eine Band mit so großartigen Songs nicht schick sein soll, bloß weil sie in den Augen der offiziellen Stilpolizei vielleicht nicht kaputt genug ist, will mir nach wie vor nicht einleuchten.

Zunächst muss man sich zwar wundern: Mit Wo es beginnt haben Madsen zwar das bisher erfolgreichste Album ihrer Karriere hingelegt (Platz 2 in den deutschen Charts). Die Show in Leipzig beginnen sie aber mit alten Hits. Du schreibst Geschichte aus dem Jahr 2006 macht den Auftakt, gefolgt vom noch älteren Vielleicht. Traut die Band ihrem neuen Material etwa nicht über den Weg? Keineswegs: Wo es beginnt ist für Madsen der Beginn im zweiten Kapitel ihrer Laufbahn. Nach dem großspurigen Labyrinth (das die Band inzwischen selbst kritisch sieht und von dem an diesem Abend im Werk 2 nur zwei Songs zu hören sind) und dem verhängnisvollen Sturz beim Videodreh ist das neue Album für Madsen so etwas wie die Versöhnung mit dem Frühwerk.

Alte und neue Kracher greifen also in Leipzig mühelos ineinander, und als ersten neuen Song gibt es passend dazu auch den Titeltrack des aktuellen Albums zu hören. Auch wegen dieser wunderbaren Mischung ist es ein nahezu perfekter Rockabend: Es gibt im Publikum Menschen zwischen 14 und 40, aber es gibt am Ende der Show nur einen Gesichtsausdruck: glücklich. Vorne vor der Bühne kann man sich in die Wall Of Death wagen, hinten springen kleine Mädchen quietschvergnügt in die Höhe und schreien sich gegenseitig, wie zur ewigen Besiegelung ihrer Freundschaft, die Zeilen aus Die Perfektion ins Gesicht: „Du bist perfekt, makellos / Du bist besser als gut / Du bist perfekt, einfach groß / Ich wäre gern wie du.“ Der Text, eigentlich ironisch gemeint, bekommt so eine ganz neue Bedeutung.

Nach wie vor sind Madsen im Konzert härter als sich irgendein „Madsen sind Mädchenmusik“-Hasser das vorstellen könnte (es sind tatsächlich sehr viele Mädchen im Publikum, aber das hat nur den Effekt, den es immer hat, wenn viele Mädchen im Publikum sind: die Stimmung ist besser). Das Quartett ist bestens gelaunt und experimentierfreudig. „Ich spiele jetzt jedes Konzert so, als ob es das letzte wäre“, hatte mir Sebastian vor der Show im Interview gesagt, und man muss ihm das abkaufen, wenn man ihn in Leipzig auf der Bühne sieht. Zur Gitarre greift er seit seiner Handverletzung nur noch ab und zu, dafür gibt es von ihm einen Rap (stilecht mit Baseballmütze), eine Erinnerung an die letzte Show im Werk 2 (damals mit reichlich Stromausfällen) und ein spontanes Cover von Icona Pops I Love It. Natürlich genießt der Sänger auch den Gastauftritt von Walter Schreifels (Ex-Rival Schools), dem Held seiner Jugend, in Love Is A Killer.

Johannes singt ungefähr zur Halbzeit der Show das wunderbar schräge Kommst du mit zu mir, und danach fangen die Fans tatsächlich an, ganz ungefragt den Refrain von Nachtbaden zu singen. Diese Hymne gibt es zwar erst am Ende des Zugabenteils, doch kein Mensch dürfte dazwischen irgendeine Sekunde lang enttäuscht gewesen sein. Lass die Musik an beschließt das reguläre Set, dann taucht Sebastian inmitten der Menge wieder auf, spielt Mit dem Moped nach Madrid nur mit der akustischen Gitarre und lässt sich dann auf den Händen der Fans zur Bühne tragen, wo es dann noch Baut wieder auf und das nach wie vor unfassbar geniale Nachtbaden gibt, gekrönt vom wilden Instrumentetauschen auf der Bühne.

Mit Mein Therapeut und ich (der Song stand eine Weile auf dem Band-internen Index, hatte mir Johannes im Interview verraten, mittlerweile mögen Madsen ihn aber wieder) gibt es im ausverkauften Werk 2 in Leipzig sogar noch eine Extra-Zugabe. Man kann kein besseres Schlusswort finden als das von Sebastian: „Vielen dank für diesen geilen Abend!“

Hier geht es zum Interview mit Madsen.

Madsen spielen Mit dem Moped nach Madrid im Werk 2 in Leipzig:

Dropkick Murphys, Haus Auensee, Leipzig

Wenn Al Barr spricht, klingt das noch krachiger als sein Gesang.

Wenn Al Barr spricht, klingt das noch krachiger als sein Gesang.

Das letzte Mal, als mich der Klang eines live gespielten Dudelsacks euphorisiert hat, war bei der Hochzeit meiner Schwester (die Ehe nahm kein gutes Ende). Das letzte Mal, als ich deutlich zu viel Whiskey getrunken habe, war am letzten Freitag (der Abend nahm kein gutes Ende). Das letzte Mal, als ich wildfremden Männern freudetrunken um den Hals gefallen bin, war im Oktober, als Giorgios Samaras das 1:0 für Celtic Glasgow beim FC Barcelona köpfte (das Spiel nahm, naja: ihr ahnt es….).

Heute könnte ich all das wieder tun. Die Dropkick Murphys sind zu Gast im Haus Auensee in Leipzig, und es gibt an solchen Tagen keinen besseren Ort für Verbrüderungsszenen, Saufgelage und ein bisschen keltisch angehauchte Schwermut. Ich werde mich all dem aber nicht hingeben. Das liegt daran, dass ich viel zu vernünftig bin. Außerdem ein bekennender Popper. Und schließlich ist es Montagabend.

Nichtsdestotrotz ist es ein Mega-Konzert. Es gibt nicht viel, was mich dazu bringen könnte, eine Schiebermütze zu tragen, meinen Ellbogen zu tätowieren, alle meine Freunde mit „Oi“ zu begrüßen, Hosenträger als unverzichtbares Accessoire zu betrachten und mir Ohrlöcher machen zu lassen, die so groß sind, dass man einen Flaschenöffner darin unterbringen könnte. Aber dieser Abend im Haus Auensee kommt nahe ran.

Das fängt schon mit dem großartigen Vorprogramm von Frank Turner an. Er hat einen Drummer dabei, der offensichtlich irgendwann rund um das Jahr 1981 bei Madness geflohen ist, und einen weiteren Mitstreiter, der in seiner frühen Kindheit einmal ein schweres Trauma mit einer Bassgitarre erlebt haben muss – und sich jetzt rächt, indem er das Instrument nach allen Regeln der Kunst malträtiert. Und natürlich hat Frank Turner reichlich tolle Songs im Gepäck. Übers Pokerspielen mit seiner Oma, über seine Exfreundin, über die schockierende Tatsache, dass seine Kumpels plötzlich alle heiraten und über die (je nach Sichtweise) noch schockierendere Tatsache, dass es keinen Gott gibt.

Mit The Queen Is Dead und dem direkt darauf folgenden, göttlichen Four Simple Words erreicht sein Set in der Mitte den Höhepunkt, und bis zum Schluss muss man diesem Typ einfach wünschen, dass er Hallen wie das Haus Auensee demnächst auch alleine füllt.

Kaum hat er sein letztes Wort gesungen, beginnen in Leipzig die „Let’s go Murphys“-Rufe. Mit einem furiosen The Boys Are Back erfüllen die Dropkick Murphys dann diesen Wunsch, und es wird der Auftakt zu atemberaubenden 90 Minuten. Mit Burn und Johnny I Hardly Knew Ya legen sie nach, und ab da kann eigentlich nichts mehr schief gehen.

Sänger Al Barr, dessen Sprechstimme bedenklicherweise noch kaputter klingt als seine Singstimme, legt sich auch bei seinen Ansagen (in sehr flüssigem Deutsch, was daran liegt, dass seine Mama aus Deutschland kommt) voll ins Zeug, und die Band aus Boston wird belohnt mit einem ausverkauften Saal voller Liebe und Hingabe. Bei jeder Zeile geht irgendwo ein Arm hoch, an diesem Arm ist eine Hand, an dieser Hand ist ein Zeigefinger, und in diesem ausgestreckten Finger steckt die Botschaft: Du sprichst mit aus dem Herzen! Dieses Lied bedeutet alles für mich!!

Den Songs vom neuen Album Signed And Sealed In Blood merkt man an, dass sie in puncto Komposition in einer ganz anderen Liga spielen als das alte Material (vor allem das irre Rose Tattoo belegt das), aber natürlich werden die Klassiker in Leipzig ebenso gefeiert. Schnell sieht man in Publikum die nackten Oberkörper von Männern, und man muss bei dieser Musik davon ausgehen, dass sie womöglich nicht im Fitnessstudio gestählt wurden, sondern bei echter, körperlicher Arbeit. Neben der Theke wedelt jemand mit seiner Krücke, an der ein Dropkick-Murphys-Schal hängt. Und als Wild Rover erklingt, scheint das Haus Auensee tatsächlich Segel zu setzen in Richtung US-Ostküste – natürlich mit Zwischenstopps in Dublin und Glasgow.

Apropos: Für I’m Shipping Up To Boston, das letzte Lied des regulären Sets, kommt Frank Turner noch einmal zurück auf die Bühne. Dann gibt es eine Mini-Pause (natürlich wieder mit „Let’s Go Murphys“-Rufen) und danach gleich fünf Songs als Zugabe. Barroom Hero macht den Auftakt, dann gibt es zu End Of The Night eine Stage-Invasion mit reichlich Schunkeln auf der Bühne. Bei Skinhead On The MTBA wird daraus ein Pogo-Inferno. Bei Citizen CIA, dem letzten Song des Abends in Leipzig, gibt es dann vollends kein Halten mehr, und auf der Bühne tummeln sich mehr Leute als bei mancher Show in anderen Läden im Publikum.

Die Stage Invasion ist ein wunderbares Finale, denn sie unterstreicht den Geist von Brüderlichkeit, der dieses Konzert prägt. Der Schluss führt die zudem Tatsache vor Augen, dass es bei den Dropkick Murphys quasi nichts gibt, was man „Show“ nennen könnte. Sondern einfach bloß einen Haufen aufrechte Leute, die ihre Musik lieben – auf der Bühne und im Publikum. Das letzte Wort soll deshalb noch einmal Frank Turner haben, der das schon in Try This At Home festgestellt hatte: „There’s no such thing as rock stars / there’s just people who play music.“

Die Dropkick Murphys spielen gemeinsam mit Frank Turner I’m Shipping Up To Boston, in Leipzig:

We Have Band, Conne Island, Leipzig

Alles ist Beat - das ist das Prinzip von We Have Band im Conne Island.

Alles ist Beat – das ist das Prinzip von We Have Band im Conne Island.

Band? Haben wir. Natürlich. Wenn We Have Band auf Tour sind, ist Leipzig längst zu einem Pflichttermin für das Trio aus London/Manchester geworden. Und auf Tour sind We Have Band quasi immer.

Genau eine Woche bevor das aktuelle Album Ternion seinen ersten Geburtstag feiert und rund zehn Monate nach ihrem letzten Gastspiel im Conne Island sind Darren Bancroft, Thomas Wegg-Prosser und Dede Wegg-Prosser wieder in Leipzig zu Gast. Zum gefühlt zwölften Mal. Wir haben also Band. Wir haben aber noch viel mehr. Wir haben:

  • Zwei paar Socken an und trotzdem kalte Füße (am Anfang).
  • Freunde, die Sorgen haben.
  • Längst erkannt, dass man sich für den Bass entscheiden sollte, wenn man die Wahl zwischen Gitarre und Bass hat (ebenso wie Thomas Wegg-Prosser ganz rechts auf der Bühne).
  • Weiße Bommeln an unserer Indoor-Mützen.
  • Eine Vorliebe für Linke, Jugend-, Pop- und Subkulturen (Zitat Homepage Conne Island). Sonst wären wir nicht hier.
  • Eine Vorliebe für Depressive Disco (Zitat NME über We Have Band, das sich an diesem Abend zumindest ein stüwckweit bewahrheitet. Denn während des Konzerts wird immer wieder deutlich, dass es eine ziemlich erstaunliche Schnittmenge zwischen Joy Division und den Ting Tings gibt). Sonst wären wir nicht hier.
  • Eine Vorband, die vor allem in den etwas fleischigeren Momenten ihres Sets kein bisschen Heimbonus braucht. Deko Deko (aus Leipzig) machen großen Spaß. Bei den ruhigeren Passagen müssen sie allerdings gegen eine bedrohliche Unruhe im Saal anspielen. Das könnte besser werden, wenn sie irgendwann auch die Kommunikation mit dem Publikum beherrschen: Tristan Schulze wirkt die ganze Zeit wie gefangen in seiner Kopfhörerwelt, Lena Seik schaut fast immer nach unten, als hätte sie Angst, unter den Zuschauern einen peinlichen Exfreund zu entdecken.
  • Ganz vergessen, dass bauchfreie Tops (wie Sängerin Dede Wegg-Posser, ihreszeichens Ehefrau des Manns mit dem Bass, eins trägt) auch unpeinlich sein können. Als sie zum Opener Where Are Your People damit auf die Bühne kommt, ist es trotzdem ein kleiner Schock.
  • Nicht mehr viel Strom im Akku, deshalb warten wir bis Oh! als letztem Lied des regulären Sets, um unsere Handyvideos zu drehen.
  • Großen Spaß daran, Dinge aufeinander zu schlagen, die dabei Geräusche machen. Das mag primitiv klingen, ist aber womöglich so etwas wie der Kern des Sounds von We Have Band. Ein Tamburin, eine Kuhglocke, Drumsticks – alles wird zum Beat. Und auch ein paar Gerätschaften, die eigentlich als Tasteninstrumente gedacht sind, wandeln die Engländer mit Vorliebe in Rhythmusgeräte um.
  • Freunde, die tot sind.
  • Lust auf eine Zugabe. Sogar große Lust (ein Typ im Publikum fängt schon nach Divisive, dem vierten Lied der insgesamt 80-minütigen Show an, danach zu verlangen).
  • Einen Tourschlagzeuger mit Taktgefühl (nicht nur während der Show von We Have Band: Der Drummer kommt auch nach dem Auftritt von Deko Deko auf die Bühne, tippt Sängerin Lena Seik auf die Schulter und reckt beide Daumen in die Höhe, als pantomimische Kurz-Rezension nach der Performance der etwas verloren wirkenden Vorband).
Noch eine Erkenntnis der Show in Leipzig: bauchfrei is back.

Noch eine Erkenntnis der Show in Leipzig: bauchfrei is back.

  • Reihenweise Geschichten gehört von den legendären We-Have-Band-Shows. Wörter wie „Ekstase“ oder „legendär“ waren darin zu hören. Die wird heute Abend wahrscheinlich niemand verwenden. Die Fans im Conne Island bleiben ein bisschen reserviert, auch wenn You Came Out als zweites Lied der Zugabe immerhin nahe an einen unvergesslichen Konzertmoment herankommt.
  • Hoffnung, dass es noch 2013 ein neues Album von We Have Band geben wird. Zumindest kündigt Keyboarder Darren Bancroft ein solches an (mit der Einschränkung „hopefully“), als die Band mit einem neuen Song ihre Zugabe in Leipzig beginnt.
  • Band.
  • Party.
  • Zwei paar Socken an und sehr warme Füße (am Schluss).
  • Einen sehr schönen Abend gehabt.

Weil’s ein Klassiker ist: We Have Band spielen Oh! beim Melt 2011:

Disco Ensemble, Conne Island, Leipzig

Disco Ensemble sind in Leipzig schon Stammgäste.

Disco Ensemble sind in Leipzig schon Stammgäste.

Die beste Rockband Finnlands? Das ist für Disco Ensemble ein Klacks angesichts lächerlicher Konkurrenz aus Witzfiguren wie The Rasmus, Him oder Sunrise Avenue. Aber das Quartett aus Ulvila hat auch das Zeug, gegen den Rest der Welt zu bestehen. Ihr fünftes Album Warrior ist dafür ein ebenso guter Beleg wie dieses Konzert in Leipzig.

Im Conne Island standen Disco Ensemble schon bei ihrer ersten Europatournee auf der Bühne. Damals gab es noch nicht einmal Navigationsgeräte und die Band versuchte, sich mit Hilfe altmodischer Landkarten zum jeweiligen Auftrittsort durchzuschlagen, haben mir Sänger Miikka Koivisto und Gitarrist Jussi Ylikoski vor der Show im Conne Island im Interview erzählt. Als es am Ende der Tour durchs Baltikum ging, war für die Band kaum noch Platz im Kleinbus, weil der vor allem Winterreifen und Schneeketten geladen hatte, um überhaupt wieder den Heimweg nach Finnland antreten zu können. Auch an Leipzig haben Disco Ensemble noch sehr lebendige Erinnerungen, erzählt Miikka nun auf der Bühne: „Must be a good vibe about the place.“

Das Quartett startet nach den Vorgruppen Useless ID (manchmal wie Offspring) und Death Letters (meist die holländische Entsprechung von Jack Black) mit dem Intro, das auch das aktuelle Album Warriors einläutet. Als letztes Lied vor der Zugabe erklingt, ebenfalls wie auf dem Album, Your Shadow. Und dazwischen gibt es eine gute Stunde lang großes Rockvergnügen.

An das Conne Island hat Sänger Miikka Koivisto gute Erinnerungen.

An das Conne Island hat Sänger Miikka Koivisto gute Erinnerungen.

Miikka ist ein wenig heiser (dass sie das Ende der Tour durchaus herbeisehnen, für die Zeit auf der Bühne aber noch einmal jeden Tag alle Kraft zusammen nehmen, hatten Disco Ensemble im Interview ebenfalls verraten), aber mit langen blonden Haaren, Stirnband und einer indianisch anmutenden Weste trotzdem ein beeindruckender Frontmann. Die Band musiziert dazu auf höchstem Niveau, manchmal in der Nähe von Bloc Party, manchmal mit Elementen, die an Muse denken lassen.

Es gibt bei Krachern wie Drop Dead Casanova oder dem frenetisch gefeierten White Flag For Peace reihenweise junge Männer, die man sonst allenfalls derart in Ekstase erlebt, wenn ihr Lieblingsverein den FC Bayern schlägt (man darf gewiss sein: niemand, der sich so leidenschaftlich in Musik hineinwerfen kann, ist selbst Fan des FC Bayern). Es gibt Lieder, bei denen vor der Bühne fleißig Pogo getanzt wird, während weiter hinten die Pärchen knutschen (für solche Konstellationen wurde wohl das böse Wort „Emo“ erfunden). Und es gibt, als die Lightshow im Conne Island bei Eartha Kitt etwas ambitionierter wird, auch einen Moment, in dem man sich diese Band auch sehr gut in einer Halle mit zehnmal so großer Kapazität vorstellen könnte.

Knutschen und Pogo - bei Disco Ensemble geht das innerhalb eines Songs.

Knutschen und Pogo – bei Disco Ensemble geht das innerhalb eines Songs.

Von der ganz großen Karriere träumen Disco Ensemble nach 15 Jahren als Band freilich nicht mehr. Nach jedem Album müsse man sich zusammensetzen und beraten, ob man weitermacht, erzählen mir Miikka und Jussi. Auch nach Warrior werden sie das tun und erst dann entscheiden, ob es vielleicht die letzte Platte von Disco Ensemble war. Entscheidend sei immer die Frage, ob das Ergebnis die Mühe wert ist. Nach einer Show wie in Leipzig, die mit Stun Gun als letzter Zugabe endet, kann die Antwort nur lauten: auf jeden Fall.

Disco Ensemble spielen Second Soul live:

Homepage von Disco Ensemble.

Biffy Clyro, Bi Nuu, Berlin

Keine T-Shirts, kein Gekasper, trotzdem Spektakel: Biffy Clyro live in Berlin.

Keine T-Shirts, kein Gekasper, trotzdem Spektakel: Biffy Clyro live in Berlin.

Ein Geständnis: Der Kalender von 2012 vermerkt den 305. Tag, es ist ungefähr mein 30. Konzert in diesem Jahr und das erste, zu dem ich mit einem schlechten Gewissen komme. Denn die Show von Biffy Clyro im Bi Nuu ist offensichtlich eine recht exklusive Angelegenheit. Die Band hat schon im Wembleystadion gespielt (okay, als Vorband von Muse; aber dass Biffy Clyro zumindest die Wembley Arena mit einer Kapazität von 12.500 Plätzen auch aus eigener Kraft füllen können, ist auf ihrem Livealbum Revolutions unstrittig dokumentiert), aber heute ist sie in einem Mini-Club vor vielleicht 300 Leuten zu erleben. Innerhalb von 20 Minuten waren die Tickets weg.

Man sieht allen im Bi Nuu an (auch der beträchtlichen Anzahl von Leuten, die ihre wirklich wilde Zeit sicher schon hinter sich haben), wie froh sie sind, dabei sein zu können. Für Fans der Schotten muss dieser Abend ein wahr gewordener Traum sein. Sie kommen ganz nah ran an ihre Helden. Es gibt die einmalige Chance, schon ein paar Stücke vom für Frühjahr 2013 angekündigten Album zu hören. Überall sieht man schon vor Beginn des Konzerts leuchtende Augen, Enthusiasmus, Vorfreude. Und mich. Ich bin auch da. Und ich habe noch nie ein Lied von Biffy Clyro gehört.

Die Band war durchaus präsent für mich. Ich habe den dämlichen wasserstoffblondgefärbten Bart von Sänger Simon Neill vor Augen, der mir einst aus einer Musikzeitschrift entgegenschockte. Ich habe Assoziationen von Tattoos, Festivals, vielleicht Wolfmother. Aus berufenem Munde bekomme ich kurz vor Beginn der Show den Hinweis, Biffy Clyro seien „ein bisschen Emo“. Aber obwohl mir die Band ein Begriff war, bin ich mit ihrer Musik nie zusammengekommen. Daher das schlechte Gewissen an diesem Abend in Berlin: Ich habe das Gefühl, dass ich irgendjemandem den Platz wegnehme, der es viel, viel mehr verdient hätte, hier zu sein.

Ich bin überhaupt nur da, weil ein Freund mir seine Karte vermacht hat. Er ist ein so großer Fan, dass Biffy Clyro beinahe auf seiner Hochzeit gespielt hätten, er hatte natürlich Tickets, dann sogar einen Gästelistenplatz. Und so bin ich nun drin. Unverdient im Biffy-Himmel. Und es gefällt mir.

Dass alle drei Bandmitglieder (ergänzt um einen Gitarristen und einen Mann, der ganz links im Schatten ab und zu die Tasteninstrumente bedient) bereits oben ohne auf die Bühne kommen, finde ich zwar fragwürdig. Aber schon mit The Captain als zweitem Song werde ich ein Freund dieser Band. Je länger das Konzert dauert, desto klarer wird, dass die Schotten extrem gute Rockmusik machen, mit mindestens hundertprozentigem Einsatz, feinen Melodien, wenig Angst vor Romantik und genau der richtigen Dosis an Überraschungsmomenten. Nach einer halben Stunde ist God & Satan der perfekte Moment fürs Herausholen der Fotohandys, direkt danach bringt Who’s Got A Match, naja, ein bisschen mehr Feuer ins Moshpit vor der Bühne, bei Bubbles gibt es im Bi Nuu den ersten Crowdsurfer des Abends und Many Of Horror ist so intensiv, dass kein einziger Fan während dieses Lied daran denkt, ein Bier zu bestellen (ich habe aufgepasst, ich stand neben der Theke).

Das Bi Nuu ist ungefähr so groß wie der Fotograben in Wembley.

Das Bi Nuu ist ungefähr so groß wie der Fotograben in Wembley.

Das ist ein großer Spaß, und wenn die Songs manchmal bloß solide sind (wie Living Is A Problem Because Everything Dies, das in Berlin nach Hope For An Angel als zweites Lied des Zugabenblocks erklingt), dann sorgt die Begeisterung der Fans dafür, sie trotzdem zu besonderen Momenten zu machen. Der Abend ist eine der seltenen Gelegenheiten, bei der man zugleich aufpassen muss, nicht die schwitzigen Haare von Headbangern ins Gesicht zu bekommen UND nicht versehentlich auf sensible Emo-Mädchen zu treten – und das ist in der Realität ein viel angenehmeres Umfeld, als es sich hier vielleicht liest. Auch als Biffy-Clyro-Novize versteht man sofort, wie es diese Band schafft, Wembley bei Laune zu halten. Zugleich wirken sie in einem kleinen Club wie diesem, ohne die geringsten Anzeichen von Bühnenshow, trotzdem zuhause, authentisch, kein bisschen blasiert. Meine Erkenntnis lautet, vereinfacht gesagt: Biffy Clyro sind die besseren Foo Fighters.

Zum Schluss gibt es Mountains, alle sind entzückt, und spätestens jetzt machen auch die freien Oberkörper Sinn: Sie sind ein Symbol für die Kraft und Freiheit der ewigen Jugend, und genau diesen Geist bringt auch die Musik von Biffy Clyro zum Ausdruck. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass ich zu ihrem nächsten Konzert wiederkomme. Und mitsinge.

Biffy Clyro spielen Bubbles im Bi Nuu in Berlin:

Kilians, Werk 2, Leipzig

Gute Songs, traurige Ansagen - das ist die Kurzversion des Kilians-Konzerts.

Gute Songs, traurige Ansagen – das ist die Kurzversion des Kilians-Konzerts.

Zuerst: Die Kilians sehen heute deutlich besser aus als beim Highfield. Da hatte ich noch ein bisschen über die kurze Hose von Sänger Simon den Hartog gelästert und über die Diskrepanz zwischen der vielleicht rockstarigsten Stimme Deutschlands und einem Look, den nicht einmal manch Roadie auf die Bühne bringen würde. Für die Show im Werk 2 in Leipzig hat er sich ein schickes schwarzes Hemd ausgesucht und dunkle (Gott sei Dank: lange) Jeans, was die Schere zwischen optischer und akustischer Wahrnehmung so gut wie vollkommen schließt – vor allem, wenn Simon auch noch tanzt oder eine dieser Rockstarposen macht, die bei ihm stets durch einen erhobenen kleinen Finger verfeinert werden.

An der Musik hatte es ohnehin schon beim Highfield nichts zu meckern gegeben, und auch an diesem Abend in Leipzig glänzen die Kilians. Die Songs vom aktuellen Album Lines You Should Not Cross sind durchweg klasse (inklusive des von einem Fan besonders eifrig verlangten Coconut), die Auswahl alter Hits ist gelungen. In jedem Moment bringen die Kilians cleveren Indierock, der sich in puncto Sound, Tanzbarkeit und Refrains nicht einmal vor Größen wie den Arctic Monkeys oder Strokes verstecken muss.

Seinen Spaß an der Sache beweist das Quintett aus Dinslaken aber auch mit dem Fremdmaterial, das in die Show eingebaut wird: Einmal um die Welt von Cro stimmen die Kilians ebenso an wie You’ve Got The Love von Florence & The Machine. Und auch ganz am Ende unterstreichen sie, dass Musik für sie viel mehr als ein Job ist, in den besten Momenten sogar im siebten Jahr ihres Bestehens noch immer eine Herzensangelegenheit bedeutet: Simon singt For You zur akustischen Gitarre, Schlagzeuger Michael Schürmann spielt ein Tamburin und der Rest der Band bildet, verstärkt durch sämtliche Mitglieder der Vorgruppe, einen stattlichen Chor. Das ist ein rührender, ungewohnt herzlicher Abschied nach einem sehr gelungenen Konzert.

Ein kleiner Wermutstropfen bleibt trotzdem: Man darf sicher sein, dass jeder der Fans im Werk 2 (Schwerpunkt: Bachelorettes, nicht im Castingshow-, sondern im Bolognareform-Sinne) wieder kommen wird, wenn die Kilians zum nächsten Mal in Leipzig spielen. Man kann sich nur nicht ganz sicher sein, ob es dieses nächste Mal geben wird. Die Band liebt unbestreitbar ihre Lieder, und den selbstvergessenen Tanzschritten von Bassist Gordian Scholz, der schelmisch grinsenden Wucht von Drummer Michael Schürmann oder der sehr gekonnten Pose von Gitarrist Dominic Lorberg, der sich am Ende der Show erschöpft und mit Handtuch um den Hals feiern lässt, sieht man an, dass die Kilians auch die Bühne lieben. Trotzdem können sie auch ein bisschen Ernüchterung nicht verbergen, wenn sie in einer Halle spielen, die gerade einmal zu einem Viertel gefüllt ist.

Vor allem die Ansagen von Simon den Hartog tragen dazu bei, dass man an diesem Abend im Werk 2 auch so etwas wie Verbitterung spürt. „Ihr müsst euch nicht schämen, dass ihr hier seid. Wir sind ’ne gute Band, also macht euch keine Sorgen“, versucht er beispielsweise, das Publikum zu ermuntern. Da schimmert eine Ahnung/Angst von Uncoolness mit, trotzdem sollte dieser Satz natürlich an all jene gerichtet werden, die nicht ins Werk 2 gekommen sind. Später erzählt er die Anekdote vom Video-Shoot zu Said & Done auf einem Berg in Gran Canaria, Kostenpunkt: 26.000 Euro. „Dafür hätte man auch noch zwei, drei Platten machen können“, rechnet er vor. Und kurz vor der Zugabe verrät er, dass er verheiratet ist – obwohl man ihm geraten habe, das lieber geheim zu halten, um den besser vermarktbaren Eindruck zu erwecken, er sei noch zu haben.

Das ist womöglich bloß der Tourmüdigkeit geschuldet. Daraus könnte man aber auch schließen, dass die Kilians auch nach dem schwierigen Abschied vom Major-Label Universal noch immer ziemlich oft den Kopf schütteln müssen über das Business, dessen Teil sie sind. Dass sie vielleicht verpassten Chancen nachtrauern oder sich (mit Recht) noch immer wundern, warum es trotz so vieler toller Lieder nicht klappen will mit Hallen, die wenigstens zu drei Vierteln gefüllt sind. Man kann nur hoffen, dass sie sich von so etwas nicht unterkriegen lassen. Denn die Show der Kilians in Leipzig beweist: Es wäre sehr schade drum.

Homepage der Kilians.

Coldplay, Red Bull Arena, Leipzig

Chris Martin (hier in Madrid in Aktion) gab auch in Leipzig alles. Foto: Emi/Juanlu Vela

Chris Martin (hier in Madrid in Aktion) gab auch in Leipzig alles. Foto: Emi/Juanlu Vela

„Vollplastisch“. Dieses Wort schlägt das Korrektur- und Ergänzungsprogramm vor, wenn ich „Coldplay“ in mein Handy tippen möchte. Falscher könnte die Software nicht liegen. Coldplay sind nicht Plastik. Coldplay sind Holz und Erde, Schweiß und Tränen. Sie sind authentisch, pur und echt, selbst noch als Stadionrocker. Die Show in der Red Bull Arena Leipzig lässt daran nicht den geringsten Zweifel.

Das Quartett fährt ein Riesenspektakel auf und all die bekannten Stadion-Spielchen von „Ohoho“-Chören über den Gruß an die Fans ganz hinten und ein bisschen Anbiederung an die Lokalpatrioten (die Aufforderung „Make some motherfucking Leipzig noise“ ist das erstaunlichste Beispiel dafür) bis hin zu einem Konzertteil, der mitten im Publikum gespielt wird. Es gibt die Sprüche, die man schon hundertmal gehört hat. „Es ist eine Ehre, hier zu sein“, sagt Sänger Chris Martin, und das putzige Deutsch dieses Hänflings klingt ausgerechnet wie das von Boxweltmeister Vitali Klitschko. Alles an dieser Show ist perfekt, und dennoch ist nichts klinisch. Coldplay schaffen es in Leipzig, ihre Fans nicht nur zu beeindrucken, sondern zu berühren. Und sie wirken nicht wie vier Leute, die hier ihrem Beruf nachgehen wie an jedem Abend. Sie sind eine Band.

Nach gut 100 Minuten wird abgeklatscht, Coldplay verbeugen sich und strahlen. Aber auch zwischendurch tuscheln sie sich Sätze zu, tauschen Instrumente und gehen entspannt darüber hinweg, als erst der Anfang von God Put A Smile Upon My Face verpatzt wird und Chris Martin (der am Ende des Songs dann doch die Gitarre im hohen Bogen wegwirft) sogar kurz den Text vergisst. Der Grund dafür ist nicht schwer zu erraten: Freude an dem, was sie machen.

Luftballons, Konfetti, Feuerwerk: Fürs Auge wurde in Leipzig jede Menge geboten.

Luftballons, Konfetti, Feuerwerk: Fürs Auge wurde in Leipzig jede Menge geboten.

Dafür spricht auch die Spontaneität, für die auch inmitten dieses Mega-Aufwands noch Platz bleibt. Das göttliche Yellow bekommt ein sehr reizvolles Intro verpasst, von Chris Martin am Klavier mehr oder weniger improvisiert und mit tiefer Stimme gesungen. Später baut er ein Justin-Bieber-Zitat ein, und als es zum Ende der Show zu regnen beginnt, stimmt er kurzerhand Singing In The Rain an – und die Fans singen glücklich mit.

Dabei ist Leipzig kein allzu gutes Pflaster für Coldplay. Als ich sie im Dezember 2000 bei der Rolling Stone Roadshow im Haus Auensee sehen wollte, hing an der Tür ein Zettel: „Coldplay spielen nicht. Wegen Krankheit.“ Keith Caputo durfte dafür doppelt so lange ran, was natürlich in keiner Weise eine Entschädigung war. Auch für die Band selbst war dieser Tag ein Reinfall, hat Schlagzeuger Will Champion der Leipziger Volkszeitung im Interview erzählt. „Wir waren sehr jung, mit sehr vielen Leuten im Bus unterwegs. Wir wurden müde, krank, wir hatten eine schwere Zeit als Band.“ Coldplay entschieden sich, alle weiteren Konzerte abzubrechen – womöglich hat das die Band gerettet. „Diese Tour, diese abgesagte Show in Leipzig war ein Weckruf für uns: Du kannst nicht erwarten, geradewegs zum Gipfel zu kommen, du musst hart dafür arbeiten. Wieder nach Leipzig zu kommen, heißt auch, diesen Geist von damals endgültig zurück in die Flasche zu bringen”, sagt Champion.

Blinkende Handgelenke zeigten dem Publikum: Wir gehören dazu.

Blinkende Handgelenke zeigten dem Publikum: Wir gehören dazu.

Zuerst einmal aber lassen Coldplay eine Menge heraus. Schon beim ersten Song Hurts Like Heaven gibt es Feuerwerk, es folgt In My Place – und ein Papierregen aus den Buchstaben, die zusammen die Worte Mylo Xyloto bilden. Es ist ein atemberaubender, nicht zu überbietender Auftakt. Coldplay wollen die beste Show spielen, die die Fans je gesehen haben, kündigt Chris Martin danach an – und schon nach diesen zwei Liedern meint man, die Band habe dieses Versprechen bereits erfüllt. Als dann zwei Lieder später auch noch ein paar Dutzend riesige Luftballons aufs Publikum herabregnen, ist das Spektakel perfekt.

Als Augenschmaus sind diese Showelemente vergnüglich genug, doch das Beste an ihnen ist: Sie sind nicht nur Bombast, sondern sorgen vom ersten Lied an dafür, dass das Publikum hier nicht zum passiven Beobachter gemacht wird. Die Fans sind Teil des Konzerts, genauso wichtig für die Show wie die Band selbst – das ist die Botschaft. Dazu tragen die Luftballons bei, deren Bahnen unsichtbare Bänder zwischen den Fans knüpfen. Vor allem aber die LED-Armbänder, die jeder am Einlass bekommen hat und die per Funksteuerung zu Leuchtelementen werden. Das ganze Stadion erstrahlt dann von gelben, grünen oder roten Lichtern, das Publikum wird zu so etwas wie einer viel zu groß geratenen Weihnachtsbaumbeleuchtung – und erkennt schon beim ersten Song: Wir gehören dazu. Wir gehören zusammen.

Genau das war schon immer das Fundament des Coldplay-Sounds: Verbundenheit, Mitgefühl, ein Element der Hoffnung, das Versprechen, dass am Ende alles gut wird. Das stille Kopfschütteln über das unausrottbar Böse in der Welt wird bei ihnen vertont und auch an diesem Abend in Leipzig umgewandelt in die Botschaft: Wir sind gut, wir sind viele, wir können etwas erreichen.

Natürlich besteht zwischen der Unbedingtheit, Naivität und Schlichtheit dieses Ansatzes und aufwendigem, kalkuliertem, perfekt inszeniertem Stadionrock ein Widerspruch. Aber Coldplay schaffen es immer wieder, die Showelemente nicht als Blendwerk einzusetzen, sondern zur Unterstützung ihrer Message. Von einer der kreisförmigen Videoleinwände singt Rihanna Princess Of China. Coldplay gehen dazu ganz nach vorne auf den Steg, der ins Publikum führt und spielen danach auch Up In Flames und Warning Sign auf diesen paar Quadratmetern.

Als echte Band mit Spaß an der Suche präsentieren sich Coldplay auf der Bühne. Foto: Emi/Juanlu Vela

Als echte Band mit Spaß an der Suche präsentieren sich Coldplay auf der Bühne. Foto: Emi/Juanlu Vela

Mit Viva La Vida, Charlie Brown und Paradise bildet ein unfassbares Song-Trio den Abschluss, in diesen Momenten herrscht in der Leipziger Arena so viel Gänsehaut, dass man eigentlich eine Spontan-Razzia von Peta wegen der Gefahr von Massentierhaltung befürchten müsste. Dann taucht Chris Martin am anderen Ende des Stadions zur Zugabe wieder auf. Es gibt Us Against The World auf einer kleinen Bühne mitten in den Fans im Innenraum, Speed Of Sound, Clocks, Fix You und zum Finale Every Teardrop Is A Waterfall, alles großartig. Als die Fans die Leipziger Arena verlassen, singen sie noch immer den Chor aus Viva La Vida.

Die Show wimmelt vor Momenten, die herzzerreißend sind. Man sieht Teenager-Fans, die mit weit ausgebreiteten Armen mitsingen, man sieht reifere Herrschaften mit leuchtenden Augen und natürlich knutschende Pärchen im längst schon heiratsfähigen Alter. Man kann nicht anders als feststellen: Coldplay haben die Herzen dieser Menschen erreicht wie vielleicht keine andere Band der vergangenen 15 Jahre. If you could see it then you’d understand.

Coldplay spielen Viva La Vida live in Leipzig: