My Bloody Valentine – „Loveless“


Künstler*in My Bloody Valentine

My Bloody Valentine Loveless Review Kritik

Die Gitarre ist zentral und doch verfremdet: So wie auf dem Cover gilt das auch in der Musik.

Album Loveless
Label Creation Records
Erscheinungsjahr 1991
Bewertung

Das „schwierige zweite Album“ ist ein Topos in der Popkultur, eigentlich schon seit der Ära, in der Longplayer vor knapp 60 Jahren zum Maßstab für die kreative und kommerzielle Potenz von Bands wurden. Bilinda Butcher, Kevin Shields, Debbie Googe und Colm Ó Cíosóig haben dieses Thema durchgespielt wie vielleicht niemand sonst: Das 1991 veröffentlichte und jetzt von Domino neu aufgelegte Loveless brachte My Bloody Valentine beinahe zur Implosion, so viel Chaos gab es in der Entstehungsphase. Die Aufnahmen hätten fast ihre damalige Plattenfirma Creation ruiniert, so hoch waren die Rechnungen für die Arbeit in den 19 verschiedenen Londoner Studios. Die Erwartungshaltung war nach dem drei Jahre zuvor erschienenen Debüt, das als so etwas wie die Neuerfindung der Rockmusik gefeiert wurde, enorm – und wurde durch die turbulente Genese noch weiter gesteigert.

All diese Herausforderungen meisterten My Bloody Valentine letztlich triumphal. Loveless gilt nicht nur als typischer Fall für das „schwierige zweite Album“, sondern auch als eines der besten zweiten Alben aller Zeiten und absoluter Meilenstein der (nicht nur britischen) Gitarrenmusik. Die deutsche Ausgabe des Rolling Stone setzte diese Platte auf Platz 179 in der Liste der 500 besten Alben aller Zeiten („Ein sinnlicher Strudel, eine inspirierte Symphonie für Stromgitarren“), in einem gleichnamigen Ranking des NME rangiert Loveless sogar auf Platz 19, der Musikexpress führt das Werk unter den 100 besten Alben der Jahre 1969-2009 („Höllenmaschinen machen Himmelsmusik“), Pitchfork kürte es zum besten Album der 1990er Jahre.

Wie schon zuvor auf Isn’t Anything setzt Mastermind Kevin Shields dabei auf das Studio als zentrales Instrument und nutzt dort vor allem altes Equipment und analoge Technik, um innovative und sogar experimentelle Ergebnisse zu generieren. Die Platte ist im Vergleich zum Vorgänger „weniger eine stilistische Neudefinition als vielmehr eine Intensivierung und Perfektionierung der verträumt-androgynen Vocals und der turmhoch aufgeschichteten Gitarren“, hat der Rolling Stone richtig erkannt. Auch für Loveless gilt: Dies ist Musik, wie man sie noch nie zuvor gehört hat.

Die Chicago Tribune schrieb damals, My Bloody Valentine hätten mit diesen elf Songs „eine neue Betriebsanleitung für die Gitarre geschrieben“ (was zutreffend ist) und sie damit „vielleicht für zehn weitere Jahre als das zentrale Instrument der Rockmusik am Leben erhalten“ (was dann doch ein bisschen pessimistisch war). Schon der Auftaktsong Only Shallow unterstreicht das: Die ersten Töne des Albums sind Gitarrenstapel, die vom Meeresgrund oder aus einer fernen Galaxie zu kommen scheinen. Der dann folgende Gesang ist träge und verschlafen, trotzdem stecken ganz viel Energie und sogar Feuer in diesem Stück.

Dieses Album eher als ein Gefühl, eine Atmosphäre oder – wie es manche Kritiker*innen getan haben – als eine klingende Skulptur zu betrachten, ist in der Tat die deutlich bessere Herangehensweise als sich hier an Strukturen wie Strophe-Bridge-Refrain zu orientieren. Sometimes wirkt eher wie eine Wolke, Meditation oder Erinnerung als wie ein Song und ist gerade dadurch so intensiv. Blown A Wish ist so verwaschen, dass ein flüchtiges Hören vielleicht gar nicht erkennen lässt, wie viele Ideen darin stecken. Der prominente Beat von Soon scheint zu einer Mutanten-Disco einzuladen. Loomer klingt wie ein Sonnenaufgang am ersten Tag, nachdem die Welt in Schutt und Asche versunken ist, I Only Said lässt an Lava, Wüste und Mahlstrom denken, in Touched werden Streicher mit etwas zusammengeführt, das Walgesänge sein könnten. To Here Knows When bleibt vollkommen rätselhaft, wenn man rational versucht, da die einzelnen Geräuschquellen, Akkorde oder Worte zu identifizieren, aber auf einer emotionalen Ebene ganz unmittelbar wirksam.

„Diese Platte ist der Beweis: Der Raum ist unendlich und gekrümmt – und jede Note ist das auch – es gibt keine Instrumente, es gibt nur Musik“, hat der Musikexpress dazu geschrieben. Zu dieser magischen Wirkung trägt bei My Bloody Valentine auch diesmal das faszinierende Zusammenspiel aus schrägen und eingängigen Elementen, aus Schock und Zauber, Provokation und Besänftigung bei. In When You Sleep, dem vielleicht am ehesten konventionellen Popsong auf diesem Album, ist die fast spielerisch wirkende Orgel ebenso klasse wie die eigenwillige Kombination der Gesangsstimmen. Die Musik in Come In Alone erzählt von Gefahr und Zerstörung, aber da ist viel Licht im Gesang, sogar Hoffnung. What You Want lässt eine große Aggressivität in der Gitarre erkennen, aber eine ebenso große Unschuld in der Stimme.

Chuck Klosterman hat für Spin treffend zusammengefasst, wieso diese Platte so häufig genannt wird, wenn es um den kreativen Einsatz von Studiotechnik oder den Eindruck von „swirling guitars“ geht: „Loveless ist ein Zeugnis des zielstrebigen Perfektionismus und hat eine vielschichtige, umgekehrte Dicke, die harte Klänge weich und zerbrechliche Momente groß macht.“

Verstörend schön ist aich der Clip zu Only Shallow.

Website von My Bloody Valentine.

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